Özlem Warren – Sebze: Gemüse auf Türkisch

1. Eckdaten

Titel: Sebze: Mein vegetarisches Kochbuch

Autorin: Özlem Warren

Verlag: ZS Verlag; Hardie Grant Books (englische Ausgabe, identisches Cover)

Erscheinungsjahr: 2025 (2024)

2. Inhalt und Konzept

  • Beschreibung des Konzepts
    „Sebze“ ist mehr als ein Kochbuch. Es ist eine kulinarische Liebeserklärung an die vegetarische Küche der Türkei – und zugleich eine zutiefst persönliche Reise zurück zu den Wurzeln der Autorin. Özlem Warren, die in den USA lebt, lädt uns mit offenen Armen in ihre Küche ein und teilt nicht nur über 85 Rezepte, sondern auch Erinnerungen, Familiengeschichten und den Duft von gegrillten Auberginen, der durch ihre Kindheit wehte. Der Titel „Sebze“, türkisch für „Gemüse“, leitet sich vom persischen sabze/sabzi ab – ein Wort, das so viel wie „Grün“ bedeutet. Und genau darum geht es: um frisches, saisonales Gemüse, um Hülsenfrüchte, Getreide und die Vielfalt einer Küche, die von Haus aus pflanzenbasiert, herzhaft und gleichzeitig leicht ist. Kein Verzicht, sondern Fülle!

    Das Buch ist durchdrungen von Özlems Liebe zu ihrer Heimat – zu Antakya in Südtürkei, ihrer Familie und den Traditionen, die ihr Kochen bis heute prägen. Diese Erinnerungen bilden das Fundament des Buches.
    Mit einem starken Fokus auf Nachhaltigkeit und „Zero Waste“ zeigt Özlem, wie in der türkischen Küche seit Jahrhunderten Reste klug genutzt, saisonale Zutaten bewahrt und aus einfachen Dingen Großartiges gezaubert wird. Ihre Rezepte sind alltagstauglich, flexibel, oft veganisierbar und ermutigen dazu, das zu verwenden, was man zu Hause hat. Gleichzeitig merkt man auf jeder Seite: Hier kocht jemand mit Herz – und mit einer tiefen Verbundenheit zur Kultur.


  • Besonderheiten des Buches
    Was „Sebze“ für mich so besonders macht? Es ist dieses seltene Gleichgewicht zwischen Alltagstauglichkeit und Tiefe. Auf den ersten Blick ist es ein wunderschön gestaltetes Kochbuch mit über 85 vegetarischen Rezepten. Aber wenn man sich darauf einlässt – und das tut man automatisch – merkt man schnell: Dieses Buch erzählt Geschichten. Von Menschen, Orten, Erinnerungen. Von einer Kindheit, in der Essen Liebe war. Und von einer Heimat, die auch nach Jahren im Ausland noch in jeder Gabel Geschmack steckt.

    Özlem Warren verwebt in „Sebze“ nicht nur Rezepte, sondern auch kulturelles Wissen und persönliche Anekdoten. Sie schreibt über ihre Familie in Antakya, über ihre Mutter, die liebevoll „aus dem Bauch heraus“ kochte, über ihren Vater, der mit Marktausflügen ihre Liebe zu frischen Zutaten prägte, und über ihre Großeltern, die ihr mit ihrer Großzügigkeit eine Idee von Gastfreundschaft mitgegeben haben, die in jedem Rezept mitschwingt.


    Ein echtes Highlight ist die Art, wie „Sebze“ das Thema Nachhaltigkeit behandelt – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit ganz konkreten, lebensnahen Tipps. Da wird aus einem Kohl gleich zweimal gekocht (erst als Roulade, dann als Eintopf), Brot nie weggeschmissen, sondern weiterverwendet, und das Gemüse aus dem Garten dank Einlegen oder Trocknen haltbar gemacht. Ganz selbstverständlich und tief verwurzelt in der türkischen Alltagsküche – und genau deshalb so inspirierend.


    Auch die Flexibilität der Rezepte sticht hervor: Viele Gerichte lassen sich leicht veganisieren oder mit dem zubereiten, was gerade vorrätig ist. „Sebze“ ermutigt zur Kreativität – und vermittelt dabei doch immer das sichere Gefühl, dass man an der Hand genommen wird. Besonders gefällt mir auch der liebevolle Blick auf die Rolle von Essen in der Familie, als Zeichen der Fürsorge und Zuwendung.


  • Struktur des Buches

    „Sebze“ ist nicht einfach nur in Vorspeise–Hauptgericht–Dessert sortiert. Nein, dieses Buch nimmt uns mit auf eine kulinarische Reise durch die verschiedenen Facetten der türkischen Alltagsküche – liebevoll gegliedert in elf durchdachte Kapitel, die sich nicht an Menüfolgen orientieren, sondern an Essgewohnheiten, Zutaten und Zubereitungsformen.


    Bevor wir uns durch die Kapitel von „Sebze“ begeben, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Einleitung – denn sie liefert weit mehr als nur ein paar persönliche Worte der Autorin. Özlem Warren verankert ihre vegetarische Rezeptsammlung ganz bewusst in einer umfassenden Einführung in die türkische Küche. Sie schreibt nicht nur aus kulinarischer Leidenschaft, sondern mit einem echten Bildungsanspruch: „Sebze“ ist auch ein kulturgeschichtlich fundiertes Werk, das Leser*innen abholt – egal ob mit oder ohne Vorwissen zur türkischen Esskultur.


    So beginnt sie mit einem Überblick über die historischen Wurzeln der türkischen Küche: von den nomadischen Ursprüngen über die kulturelle Vielfalt Anatoliens bis zur opulenten osmanischen Palastküche. Dabei hebt sie hervor, wie tief die heutige Rezeptvielfalt in der Geschichte verankert ist – und wie sehr regionale Unterschiede, Klimazonen und ethnische Vielfalt diese Küche geprägt haben.


    Ein eigenes Augenmerk liegt auf der Struktur türkischer Mahlzeiten und der Bedeutung pflanzenbasierter Gerichte. Özlem betont: Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide standen schon immer im Zentrum des Alltagsessens – Fleisch ist traditionell eher festlichen Anlässen vorbehalten. Diese Perspektive rückt die vegetarische Küche nicht in eine Nische, sondern zeigt sie als das, was sie im anatolischen Raum immer war: normal, nahrhaft, und wunderbar vielfältig.


    Besonders spannend ist das Kapitel über typische Zutaten. Mit viel Erfahrung und Liebe zum Detail stellt Özlem all jene Lebensmittel vor, die in ihrer Küche unverzichtbar sind: von Olivenöl, Bulgur und Granatapfelsirup über Joghurt, Sumach, Pul biber und getrocknete Aprikosen bis hin zu Za’atar und Biber salçası. Dabei geht es nicht nur um Aromen, sondern auch um Zugänglichkeit: Sie gibt praktische Einkaufstipps, nennt Alternativen und zeigt, dass die meisten dieser Zutaten mittlerweile auch außerhalb der Türkei problemlos erhältlich sind.


    Und schließlich geht es um Haltung: „Sebze“ ist durchzogen von einem tiefen Respekt vor Saisonalität, Vorratshaltung und Nachhaltigkeit. Türkische Haushalte sind seit jeher Meister im Zero-Waste-Kochen – nicht aus Ideologie, sondern aus kluger, erlernter Praxis. Das Einlegen von Gemüse, das kreative Nutzen von Resten und die Bedeutung der Vorratsküche zieht sich wie ein roter Faden durch Özlems Erzählung.„Sebze“ ist damit weit mehr als ein bloßes Kochbuch. Es ist eine kulinarische Landkarte, ein Türöffner in eine reiche Esskultur – und eine Einladung, nicht nur zu kochen, sondern zu verstehen.


    Los geht’s dann mit Kapitel 1: „Ekmek, Börek, Pide“ – Brot und herzhaftes Gebäck. Dieses Kapitel riecht nach dem warmen Duft, der aus der Bäckerei strömt, wenn gerade frisch gefüllte Börek aus dem Ofen gezogen werden. Für Özlem Warren sind Brot, Pide und Fladenbrote das Herz der türkischen Küche und aus der türkischen Esskultur nicht wegzudenken. In jeder Nachbarschaft gibt es firin, kleine Bäckereien, in denen sich die Menschen treffen  und sich mit frisch gebackenen Teigröllchen, Börek oder Pide eindecken.


    Das Kapitel steckt voller herzhafter Köstlichkeiten, die allesamt familientauglich, einfrierbar und wunderbar wandelbar sind. Vom gerollten Filo-Schnecke mit Zucchini, Dill und Feta (S. 32) bis zum einfachen Kräuter-Börek aus der Pfanne (S. 40) – viele der Rezepte lassen sich auch mit Vorräten und Resten aus dem Kühlschrank umsetzen. Diese Alltagstauglichkeit hat mich begeistert! Besonders charmant: die Balon Ekmek (Einfaches Ballonbrot, S. 44), fluffige Mini-Fladenbrote, die sich im Ofen zu kleinen Brotballons aufblähen – perfekt als Beilage zum Meze-Teller oder einfach zum Dippen. Und wer es deftig mag, sollte die Trabzon Yağlı Pide (Pide nach Trabzon-Art  mit Käse und Eigelb, S. 48) nicht verpassen – weich, käsig, mit einem Ei obendrauf: Comfort-Food par excellence. Und bei uns unbekannter, aber auch sehr gut: Mısır Ekmeği (S. 50), ein Maisbrot aus der Schwarzmeerregion, das wunderbar saftig ist und herrlich zu Eintöpfen passt.


    Es folgt  Kapitel 2: „Kahvaltı“ (Frühstück für jede Tageszeit) – wer denkt, Frühstück sei nur die erste Mahlzeit des Tages, der kennt kahvaltı noch nicht! Für viele Türkinnen und Türken – und auch für Özlem Warren – ist es die Lieblingsmahlzeit überhaupt. Und ganz ehrlich: Nach diesem Kapitel verstehe ich warum.


    Kahvaltı ist mehr als Essen. Es ist ein Ritual. Ein Zusammenkommen. Eine kleine Auszeit vom Alltag. Özlem erinnert sich an lange, gemütliche Frühstückstafeln mit ihrer Familie, an Cafébesuche am Bosporus mit Freunden und an sonnige Vormittage mit çay in der Hand – alles ganz ohne Eile, aber mit ganz viel Genuss. Die Frühstücksrezepte in diesem Kapitel sind entsprechend keine klassischen „schnell-ein-Croissant-und-ein-Kaffee“-Nummern, sondern vielseitige, herzhafte Köstlichkeiten, die sich übrigens auch perfekt zu jeder anderen Tageszeit essen lassen. Von Kaygana (Crêpes mit Petersilie und Frühlingszwiebeln, S. 58) über Fırında Yumurtalı Sebzeli Ekmek (überbackenes Brot mit Gemüse und Ei, S. 56) bis hin zu Çılbır (pochierte Eier auf würzigem Knoblauchjoghurt, S. 61) – jedes dieser Gerichte ist ein kleines Highlight für sich.


    Besonders berührend: Özlem teilt auch hier wieder Familiengeschichten. Zum Beispiel über das Gericht Patatesli Yumurta (S. 64), das ihr Vater liebte – eine einfache, herzhafte Eierspeise mit Bratkartoffeln, die zeigt, wie aus wenig ganz viel werden kann. Liebevoll, einfach und wunderbar aromatisch.


    Ein echtes Aha-Erlebnis war für mich der Nar Eksili Zeytin Salatası (S. 66), ein Olivensalat mit Granatapfelsirup und Walnüssen – ungewöhnlich, aber grandios! Ich hab ihn gleich mal auf den Brunch-Tisch gestellt und konnte kaum so schnell nachlegen, wie gegessen wurde.


    Was mir an diesem Kapitel besonders gefällt: Die Gerichte sind nicht kompliziert, aber raffiniert – genau das Richtige für entspannte Sonntage, aber auch für Abende, an denen man sich selbst mit etwas Besonderem verwöhnen möchte. Und ganz ehrlich: Wer sagt denn, dass man Frühstück nicht auch zum Abendessen genießen darf?


    Weiter geht’s mit Kapitel 3: Suppen („Çorba“) – damit beginnt in der türkischen Küche ein gutes Essen oft. Suppen sind dort mehr als Vorspeisen. Sie sind Seelennahrung, Alltagsretter, Frühstück, Abendessen, und oft auch einfach die beste Idee des Tages. Özlem Warren zeigt in diesem Kapitel, wie vielfältig und nahrhaft türkische Suppen sein können. Sie bestehen meist aus einfachen Zutaten: Hülsenfrüchte, saisonales Gemüse, ein paar Gewürze – und trotzdem (oder gerade deshalb) haben sie eine Tiefe und Wärme, die einen sofort umhüllt. Besonders charmant: Viele der Suppen lassen sich hervorragend vorbereiten und einfrieren – ideal für stressige Wochen oder für den kleinen Seelenhunger zwischendurch.


    Nicht fehlen darf natürlich die berühmte Ezo Gelin Çorbası (S. 83), eine würzigen Linsensuppe mit Bulgur, die in Anatolien sogar zum Frühstück gereicht wird. Ja, richtig gelesen: Suppe zum Frühstück! Und ehrlich – warum eigentlich nicht? Mit etwas Fladenbrot und einem Spritzer Zitrone wird daraus ein echter Energielieferant.


    Ein Highlight ist auch die Pazılı Lebeniye Çorbası (S. 74), eine Joghurt-Kichererbsen-Suppe mit Mangold – samtig, säuerlich, erdig. Bei Özlem wird sie gern mit dem Ispanaklı Gül Böreği (Käse-Blattspinat-Schnecken) kombiniert – eine köstliche Liaison!


    Wer’s deftig mag, sollte unbedingt die Karalahana Çorbası (S. 84) aus der Schwarzmeerregion probieren. Eine kräftige Suppe mit Borlottibohnen, Mais, bitterem Blattgemüse und einem Hauch Schärfe durch pul biber. Bei mir hat sie sofort das Bedürfnis geweckt, dicke Socken anzuziehen und sich mit einer dampfenden Schüssel auf die Couch zu kuscheln.


    Typisch türkisch – und einfach unwiderstehlich – ist übrigens der Trick, die Suppe mit aromatisiertem Öl oder Butter zu vollenden. Ein Klecks Paprikabutter oder ein Schuss Olivenöl mit Knoblauch obendrauf hebt jede Schüssel in den Suppenhimmel. Fazit: Dieses Kapitel wärmt nicht nur den Magen, sondern auch das Herz. Und es zeigt: Gute Suppe braucht keine große Show – nur gute Zutaten und etwas Zeit.


    Kapitel 4: Meze
    Meze – das klingt schon wie eine Einladung zum Teilen. Und genau das sind sie auch: kleine, aromatische Gerichte, die auf keiner geselligen Tafel fehlen dürfen. Für mich sind Meze ein kulinarisches Versprechen: auf Vielfalt, auf Geschmack – und vor allem auf Gemeinschaft.


    Özlem führt uns in diesem Kapitel durch eine wunderbar bunte Auswahl an vegetarischen Meze, die regional unterschiedlich gewürzt, aber immer durchdacht komponiert sind. Sie schreibt, dass das Wort „Meze“ vom persischen mazzeh stammt – was so viel wie „angenehmer Geschmack“ bedeutet. Und genauso schmecken diese Gerichte: angenehm, überraschend, manchmal auch aufregend.


    Die Rezepte reichen von cremig-würzigen Joghurt- und Gemüsedips über Hülsenfrucht-Pürees bis hin zu kleinen frittierten Köstlichkeiten. Darunter sind Klassiker zu finden, wie  Muhammara (S. 97), der nussig-scharfe Paprika-Walnuss-Dip aus dem Süden der Türkei – ein echtes Aromafeuerwerk. Wer die leichtere, zitronige Seite liebt, wird mit der Kırmızı Biberli Fava (S. 94), einem Püree aus Fava Bohnen mit gerösteter Paprika, glücklich.


    Herzstück dieses Kapitels ist aber nicht nur das, was auf dem Teller liegt, sondern wie man es genießt: gemeinsam, mit Zeit, mit Brot zum Dippen, einem Glas Tee oder Wein – und am besten noch mit einer Hand voll Freunde am Tisch. Özlem bringt das so schön auf den Punkt: Schon mit zwei oder drei dieser Gerichte wird ein einfaches Abendessen zum Fest.


    Ein ganz besonderer Liebling von ihr: Nar Eksili Cevizli Pancar (S. 92) – im Ofen gebackene Rote Bete mit Granatapfelsirup und Walnüssen. Süße, Säure, Biss – ein Gedicht! Und wer es knuspriger mag, wird an den Öcce (Frühlingszwiebel-Bratlinge mit frischen Kräutern, S. 110) seine helle Freude haben – außen goldbraun, innen würzig-krautig, perfekt auch als Snack oder kleiner Lunch.


    Praktisch: Viele Meze lassen sich wunderbar vorbereiten und sogar zweckentfremden. Özlem empfiehlt, übrig gebliebene Reste der türkischen Variante von Shakshuska  (Şakşuka, S. 108) – ein Gericht aus gebratenem Gemüse, ohne die sonst typischerweise hinzugefügten Eier  – am nächsten Tag einfach mit Pasta, Bulgur oder einem Spiegelei zu kombinieren. Das ist für mich alltagstauglich, nachhaltig und köstlich.


    Kapitel 5: Salata – Salate
    Wenn Özlem Warren von den pazar, den türkischen Wochenmärkten, erzählt, möchte man am liebsten sofort losziehen – auf der Suche nach glänzenden Oliven, frischen Kräutern, reifen Tomaten und knackigem Gemüse. Und dann direkt einen dieser wunderbaren Salate daraus zaubern. Dieses Kapitel ist ein Fest für alle, die Salate nicht nur als Beilage verstehen, sondern als echtes Gericht. Die türkische Salatküche ist dabei genauso vielfältig wie das Land selbst – mal einfach mit Olivenöl und Zitrone, mal raffiniert mit Tahini, Granatapfelsirup oder Walnüssen. Und auch ohne jegliches Öl – immer ein Genuss. Und stets: frisch, aromatisch und sättigend.


    Özlem bringt ihre Liebe zu diesen Gerichten sehr persönlich rüber. Besonders ins Herz geschlossen hat sie den Tahini Fasulye Piyazı (S. 120), einen Bohnensalat mit Tahinidressing aus Antalya, der mit hartgekochten Eiern serviert wird. Sämig, nussig, zitronig – und dabei so einfach in der Zubereitung, dass er bei mir definitiv ins Alltagsrepertoire wandert.


    Auch der Patlıcanlı Ekşileme (S. 129), ein Salat mit geräucherter Aubergine, hat es ihr angetan: rauchig, erdig, samtig. Wenn’s mal etwas Gehaltvolleres sein darf, ist der Cevizli Bat Salatası (S. 123) eine wunderbare Wahl: grüne Linsen, Walnüsse und jede Menge Kräuter wie reyhan (Basilikum), die zusammen ein richtiges Powerpaket auf dem Teller ergeben.


    Und zum Schluss noch ein Familienklassiker: Karışık Mevsim Salatası (S. 124), ein gemischter, knackiger Salat mit Möhren, Frühlingszwiebeln, Mais, grünem Salat und Rotkohl, der bei Özlems Familie seit ihrer Kindheit auf den Tisch kommt. Kein großes Tamtam – aber Frische pur und ein perfekter Begleiter zu jedem Gericht.


    Was ich an diesem Kapitel liebe: Die Salate sind nicht nur gesund, sondern echte Alleskönner. Als Vorspeise, als Hauptgericht, als Lunch to go – oder einfach als bunter Farbtupfer auf dem Tisch. Und sie zeigen: Gutes Essen beginnt oft mit dem, was die Natur gerade hergibt.


    Kapitel 6: Zeytinyağlı – In Olivenöl gegartes Gemüse


    Wenn ich je daran gezweifelt hätte, dass Gemüse auch ohne Sahne, Käse oder große Show glänzen kann – dieses Kapitel hätte mich überzeugt. Zeytinyağlı, das bedeutet: Gemüse, langsam in Olivenöl gegart, oft mit Zitrone, Kräutern und ein wenig Wasser. Keine komplizierten Techniken, keine schweren Saucen. Einfach nur: Geschmack pur. 


    Özlem Warren beschreibt diese Gerichte als Ausdruck türkischer „Gemüseküche in Reinkultur“ – und schon beim Lesen spürt man, wie tief dieses Kapitel mit Erinnerungen, Traditionen und Aromen verwurzelt ist. Besonders bewegend finde ich ihre Beschreibung des Familienrituals rund um das Zubereiten von Lahana Sarması (S. 146): eingelegte Kohlblätter werden gemeinsam gefüllt, gerollt, gekocht – und natürlich begleitet von Tee, Gesprächen und Lachen. Küche als verbindender Ort, als Bühne des Alltags. Die Gerichte in diesem Kapitel sind nicht nur köstlich, sondern auch ein Paradebeispiel für die türkische Zero-Waste-Küche. Aus den Kohlblattabschnitten der Lahana Sarması wird kurzerhand Kapuska (ein einfacher Eintopf mit Bulgur, S. 146) gekocht – so geht kreative Resteverwertung!


    Ein weiteres Highlight ist das legendäre Imam Bayıldı (S. 154), eine gefüllte Aubergine, die so aromatisch ist, dass – der Legende nach – ein Imam vor Verzückung in Ohnmacht fiel. Und ich sag’s mal so: Ich verstehe ihn. 


    Auch dabei: Adesiye (S. 143), ein regionales Gericht aus Özlems Heimat Antakya mit Linsen, Kichererbsen, Kürbis, Granatapfelsirup und viel getrockneter Minze – herzhaft, süßlich, würzig. Oder das unkomplizierte Zeytinyağlı Pazı (S. 156) mit Mangold – schnell gemacht und unglaublich aromatisch, perfekt auch für kalte Tage.


    Was ich an diesem Kapitel liebe: Diese Gerichte schmecken oft am nächsten Tag sogar noch besser – weil die Aromen dann richtig durchgezogen sind. Sie lassen sich wunderbar vorbereiten, kalt oder lauwarm servieren und bringen trotzdem diese leise Raffinesse mit, die die türkische Küche so besonders macht.


    Kapitel 7: Sokak yemekleri – Streetfood


    Wenn ein Kochbuch nach draußen führt, auf die Straßen von Istanbul, Izmir oder Gaziantep – dann ist das für mich pures Küchenkino. Dieses Kapitel ist eine Liebeserklärung an die türkische Straßenküche, an Simit-Verkäufer, Gözleme-Stände, Kumpir-Wagen und all die kleinen Orte, an denen große Aromen entstehen.


    Özlem Warren beschreibt begeistert, wie sie schon als Schülerin mit Freunden nach der Schule zu den Kumpir-Ständen in Ortaköy pilgerte – dort, wo die riesigen Ofenkartoffeln mit allem gefüllt werden, was das Herz begehrt: Oliven, Käse, Pilze, Salat, Mais, und am besten noch alles zusammen. Dazu ein Blick auf den Bosporus und ein Glas çay – und der Tag war gerettet.


    Auch die berühmten Gözleme, dünne, gefüllte Fladenbrote, spielen eine Hauptrolle. Ob mit Spinat und Kartoffeln oder herzhaft mit Käse: Diese knusprigen Taschen sind schnell gemacht – und Özlems Rezept (S. 170) macht es einem wirklich leicht, sie auch zu Hause auf die Pfanne zu bringen. Ein echtes Streetfood-Gefühl in der eigenen Küche.


    Herzhaft, vegan und vollgepackt mit Geschmack ist auch das Nohut Dürümü (S. 164), ein Wrap mit gewürzten Kichererbsen, der aus Gaziantep stammt. Özlems Variante kommt ohne Fleisch aus – aber mit jeder Menge Aroma, dank eingelegter Zwiebeln, Zitronensaft, Petersilie und ordentlich Pul biber und  Sumach.


    Was ich an diesem Kapitel liebe: Es ist voller Bewegung. Alles wirkt lebendig, greifbar, nahbar. Es macht Lust, die Pfanne anzuschmeißen, mit den Händen zu essen und sich das Leben auf der Zunge zergehen zu lassen. Genau das, was gutes Streetfood ausmacht.


    8. Kapitel Pilav, bulgurlu, mercimekli tatlar – Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte und Reis
    Was für andere die Beilage ist, ist in der türkischen Küche oft der Star des Tellers. Dieses Kapitel zeigt eindrucksvoll, wie raffiniert und zugleich bodenständig Getreide, Hülsenfrüchte und Reis in Szene gesetzt werden – und wie vielseitig sie sind.


    Özlem beginnt mit einer kleinen Liebeserklärung an Bulgur – jenes nussig schmeckende, vielseitige Korn, das in Anatolien seit Jahrtausenden angebaut wird. Es ist ballaststoffreich, sättigend, gesund – und in Kombination mit Gemüse, Kräutern, Hülsenfrüchten und Gewürzen ein echtes Aromawunder. Besonders angetan hat es ihr (und auch mir beim Lesen!) das Mercimekli, Bulgurlu Köfte (S. 180) – kleine, würzige Klößchen aus Linsen und Bulgur, die nicht nur gut schmecken, sondern sich auch wunderbar vorbereiten und servieren lassen und immer gut ankommen.


    Neben Bulgur tritt auch Freekeh auf – ein altes Getreide, das früh geerntet und geröstet wird, was ihm ein angenehm rauchiges Aroma verleiht. In Pancarlı Nar Ekşili, Firikli Pilav (S. 185) verbindet Özlem es mit Roter Bete und Granatapfelsirup – ein Gericht, das optisch wie geschmacklich begeistert.


    Überhaupt merkt man: Hier geht es nicht um Beilagen. Hier geht es um Wohlfühlessen, das nährt – und gleichzeitig raffiniert gewürzt, farbenfroh angerichtet und absolut alltagstauglich ist. Alles schmeckt auch solo, lässt sich aber genauso gut mit Meze, Salat oder Gemüsegerichten kombinieren.


    Ein echtes Highlight – und optisch wie geschmacklich ein Fest – ist der Kestaneli İç Pilav (S. 189), ein mit Kastanien, Aprikosen und Dill gewürzter Reis, der perfekt zu festlichen Anlässen passt, sich aber genauso gut mal für einen besonderen Abend unter der Woche eignet. Einfach, aromatisch, wunderschön anzusehen.


    Was dieses Kapitel für mich besonders macht: Es zeigt, wie viel Genuss in einfachen Zutaten steckt. Und wie man mit ein bisschen Kreativität, ein paar guten Gewürzen und einer Prise Neugier Großes auf den Tisch bringen kann – ganz ohne Fleisch. 


    9. Kapitel: Ocak ve fırın yemekleri – Aufläufe, Eintöpfe und Nudelgerichte
    Willkommen in der Komfortzone der türkischen Küche! Wenn es draußen ungemütlich wird (oder das Leben es ist), dann liefert dieses Kapitel die passenden Rezepte: herzerwärmend, sättigend, aber immer mit dem gewissen Etwas.


    Özlem Warren nennt sie „Comfort Food“ – und das trifft es. Die Gerichte in diesem Kapitel verbinden Hülsenfrüchte, Gemüse, Nüsse und Gewürze zu sättigenden, aromatischen Mahlzeiten, die nicht nur gut schmecken, sondern auch gut tun. Ob gekocht oder im Ofen gebacken – alles hier lässt sich wunderbar vorbereiten, einfrieren oder mit dem kombinieren, was gerade da ist. Alltagstauglichkeit auf Türkisch!


    Ein echter Klassiker ist der Kuru Fasulye (S. 199), ein einfacher Bohneneintopf mit weißen Bohnen und grüner Paprika, der in keinem türkischen Haushalt fehlen darf. Einfach, ehrlich, sättigend – und genau deshalb so wunderbar.


    Ein Rezept, das mich persönlich sofort angesprochen hat, ist das Fırında Patates Paçası (S. 208) – Knoblauch-Kartoffelstampf, im Ofen mit Käse gratiniert. So simpel, so gut. Özlem beschreibt es als vielseitige Beilage, aber ehrlich gesagt: Ich würde es auch solo mit einem Salat servieren. (Oder direkt aus der Form löffeln…)


    Und dann wäre da noch das Highlight dieses Kapitels: Nohutlu Tepsi Mantısı (S. 204) – eine regionale Variation der klassischen türkischen Teigtaschen, gefüllt mit würzigen Kichererbsen. Kein „Schnell-mal-eben“-Rezept, aber ein echtes Festessen, das sich vorbereiten lässt und Gäste zum Staunen bringt. Wer Lust hat, etwas Zeit und Liebe zu investieren (und seine Fingerfertigkeit zu üben), wird hier belohnt.


    Besonders schön finde ich, dass dieses Kapitel zeigt, wie man mit wenigen, guten Zutaten und ein bisschen Geduld Gerichte zaubern kann, die lange nachklingen – im besten Sinne von „Seelenfutter“.


    10. Kapitel: Turşu, salça ve soslar – Eingelegtes, Gewürze und Saucen
    Manchmal sind es die kleinen Dinge, die ein Gericht groß machen. Dieses Kapitel zeigt eindrucksvoll, wie viel Raffinesse, Tradition und Geschmack in eingelegtem Gemüse, selbstgemachten Pasten und Saucen stecken kann. Für Özlem Warren sind sie „die Seele vieler Gerichte“ – und nach der Lektüre dieses Kapitels sehe ich das ganz genauso.


    Turşu – eingelegtes Gemüse – gehört in der Türkei fast zu jeder Mahlzeit. Ob zu Meze, Eintöpfen, Gebäck oder einfach solo als kleiner Akzent auf dem Teller: Diese säuerlich-salzigen, manchmal auch leicht süß-pikanten Begleiter geben vielen Speisen genau den richtigen Kick. Besonders charmant ist, wie tief diese Praxis in der osmanischen Küchentradition verankert ist – eingelegt wurde damals, um auch außerhalb der Saison genießen zu können. Nachhaltig, klug und einfach lecker.


    Ein echtes Highlight ist Patlıcan Turşusu (S. 214) – eingelegte Auberginen mit Weißkohl und grüner Paprika gefüllt, die nicht nur toll aussehen, sondern auch geschmacklich überraschen sollen: würzig, aromatisch, mit Biss.  Aber damit nicht genug: In diesem Kapitel zeigt Özlem auch, wie man selbst Gewürzpasten und aromatische Saucen herstellt – etwa Biber salçası (Paprikapaste) oder Nar ekşisi (Granatapfelsirup), die in der türkischen Küche ganz selbstverständlich in Dressings, Marinaden oder Dips landen. Beide sind echte Allrounder in der Alltagsküche – und mit ein bisschen Vorbereitung im Handumdrehen auch selbstgemacht.


    Ein kleines, aber großartiges Gericht bekommt in diesem Kapitel übrigens einen Ehrenplatz: Beğendi (S. 221), eine cremige Auberginen-Béchamel – rauchig, samtig, intensiv. Özlem liebt dieses Gericht, das ich noch unbedingt ausprobieren werde.


    Was mir hier besonders gefällt: Die Rezepte sind nicht kompliziert, aber besonders. Sie machen aus einfachen Gerichten etwas Eigenes, etwas Persönliches. Und sie zeigen, dass Würze nicht laut sein muss – sondern einfach nur gut.


    Kapitel 11: Kek, kurabiye, tatlılar – Süßes
    In der türkischen Kultur sind Süßspeisen weit mehr als nur Dessert. Sie sind der krönende Abschluss, das Zeichen der Gastfreundschaft, die Geste der Liebe bei Hochzeiten, Festen und Familienfeiern. Und dieses Kapitel – das sage ich gleich vorweg – ist ein echtes Highlight für alle, die es süß, aromatisch und sinnlich mögen.


    Özlem Warren präsentiert hier Klassiker wie Şöbiyet (S. 234), zart-knusprige Filodreiecke mit einer Grieß-Creme-Füllung, die auf der Zunge zergehen. Ein Rezept, das sofort ins Auge sticht, ist das Balkabaklı, Cevizli Havuç Dilimi Baklava (S. 226) – Baklava mit Kürbis und Walnüssen. Ein Festtagsdessert, das nicht nur optisch beeindruckt, sondern auch geschmacklich überrascht: warm, nussig, herbstlich-süß. Özlem nennt es ihr ganz persönliches Lieblingsdessert – und ich kann mir gut vorstellen, dass es vielen so geht nach dem Probieren.


    Wer fruchtige Desserts liebt, wird mit dem Kuru Kayısı Tatlısı (S. 231) glücklich – getrocknete Aprikosen, gefüllt, gewürzt, duftend… einfach himmlisch. Dazu gibt es auch Kuchen wie den Portakallı Revani (S. 232), einen Grießkuchen mit Orangennote, der durch seine Saftigkeit und die sirupartige Glasur ganz klar auf die „Will-ich-unbedingt-backen“-Liste gehört. Und dann wären da noch die Kurabiye, die türkischen Kekse – allen voran die Acıbadem Kurabiyesi (S. 238), Mandelkekse mit einer wunderbar knusprigen Konsistenz, die im ursprünglichen Rezept noch mit Bittermandeln versetzt werden. Perfekt zu einem Glas Tee, einem Mokka oder als süßer Abschluss einer Meze-Tafel.


    Was ich an diesem Kapitel besonders mag: Es feiert die Vielfalt der türkischen Dessertkultur, ohne zu überfordern. Alles ist machbar, viele Rezepte lassen sich gut vorbereiten – und alle erzählen eine kleine Geschichte. Von Festen, von Familie und von der Freude, anderen etwas Gutes zu tun.


3. Zielgruppe

“Sebze“ ist ein Kochbuch für alle, die sich nach mehr Gemüse auf dem Teller sehnen – aber bitte mit Aromen, Tiefe und einer Prise kulinarischer Reiselust. Özlem Warren richtet sich nicht nur an erfahrene Hobbyköch*innen, sondern ausdrücklich auch an Einsteiger*innen in die türkische Küche. Ihre Rezepte sind klar gegliedert, gut erklärt und bewusst alltagsnah konzipiert – ohne lange Zutatenlisten, aber mit viel Geschmack.

Besonders angesprochen fühlen dürften sich Leser*innen, die neugierig auf die Levante- und Mittelmeerküche sind, aber gerne über den Hummus-und-Harissa-Tellerrand hinausblicken. Auch Menschen, die sich vegetarisch oder flexitarisch ernähren und neue Inspiration für die Familienküche suchen, werden in „Sebze“ reich belohnt. Die Gerichte lassen sich leicht kombinieren und in Menüs verwandeln – ob für einen schnellen Abendteller oder eine ausgedehnte Tafel mit Freunden.

Durch die vielen Hintergrundinfos, die geschichtlichen Einschübe und das kulinarische Vokabular eignet sich das Buch auch wunderbar für kulinarisch interessierte Leser*innen, die mehr als nur Rezepte suchen. Wer wissen will, warum türkische Hausküche so nachhaltig funktioniert oder wie man mit einem Schuss Granatapfelsirup eine ganze Mahlzeit veredelt, wird hier fündig.

Kurz: „Sebze“ ist ein Buch für alle, die mit Lust und Neugier kochen – unabhängig vom Erfahrungslevel. Und für alle, die entdecken möchten, wie reich, vielfältig und überraschend alltagstauglich die fleischlose Küche der Türkei sein kann.

4. Rezepte und Vielfalt

  • Anzahl der Rezepte: über 85
    Mit über 85 vegetarischen Rezepten bietet „Sebze“ eine erfreulich großzügige Auswahl. Was mir besonders gut gefällt: Die Rezepte sind nicht wahllos aneinandergereiht, sondern folgen einer klaren, alltagsnahen Gliederung – vom Frühstück über Suppen, Meze und Salate bis zu Aufläufen, Pickles und Desserts. Die Rezeptanzahl ist dabei genau richtig: ausreichend vielfältig, ohne zu überfordern.
  • Vielfalt der Gerichte
    Was Özlem Warren hier an Vielfalt präsentiert, ist beeindruckend – und vor allem: authentisch. Die Gerichte decken die gesamte Bandbreite der türkischen Haus- und Alltagsküche ab, mit regionalen Einflüssen aus Antakya, Istanbul, der Schwarzmeerregion oder Zentralanatolien. Es gibt einfache Alltagsgerichte, wie Linsenbällchen oder Kartoffelauflauf, aber auch raffinierte Klassiker wie mit Bulgur gefüllte Weinblätter oder geschichtete Süßspeisen mit Grieß, Mandeln und Zitrusnoten. Besonders sympathisch: Die Zutaten wiederholen sich, aber die Aromen nicht – viele Komponenten lassen sich kombinieren, weiterverwerten oder abwandeln.
  • Originalität und Kreativität
    Auch wenn viele Rezepte fest in der türkischen Tradition verwurzelt sind, spürt man bei Özlem Warren immer wieder ihre persönliche Handschrift. Sie schöpft aus Kindheitserinnerungen, Familientraditionen und eigenen Erfahrungen als Lehrerin türkischer Küche im Ausland. Einige ihrer Rezepte – etwa der Kürbis-Walnuss-Baklava oder der geräucherte Auberginen-Béchamel – sind echte Eigenkreationen. Viele Rezepte enthalten außerdem clevere Tipps, wie man Reste weiterverwenden oder Zutaten saisonal anpassen kann. Das wirkt nie belehrend, sondern inspirierend. „Sebze“ macht Mut, selbst kreativ zu werden – und genau das ist für mich ein großes Plus.

5. Schwierigkeitsgrad

Die Rezepte in „Sebze“ bewegen sich durchweg auf einem gut machbaren bis angenehm anspruchsvollen Niveau – und das meine ich durchweg positiv. Özlem Warren richtet sich nicht an Profis, sondern an Menschen mit Freude am Kochen, die Lust haben, auch mal etwas Neues auszuprobieren. Viele Gerichte – etwa Salate, Eintöpfe oder Frühstücksrezepte – sind schnell gemacht, oft mit Zutaten, die in jedem halbwegs sortierten Vorratsschrank zu finden sind. Ideal für unter der Woche oder wenn es mal unkompliziert sein soll.

Daneben gibt es Rezepte, die etwas mehr Zeit oder Aufmerksamkeit erfordern, etwa das Füllen von Börek oder das Falten der Teigtaschen (Mantı). Aber auch hier schafft Özlem Abhilfe: mit klarem Wording, guten Zwischenschritten und praktischen Hinweisen zur Vorbereitung und Aufbewahrung. Viele Gerichte lassen sich vorbereiten, einfrieren oder in mehreren Etappen zubereiten – was sie trotz Mehraufwand alltagstauglich macht.

Was ich besonders schätze: Sie verliert sich nicht in „Küchenlatein“. Wer noch nie mit Yufka-Teig gearbeitet hat oder Pul Biber und Nar Ekşisi nicht auswendig buchstabieren kann, wird hier abgeholt – wertschätzend, niemals herablassend. So wird „Sebze“ zu einem idealen Begleiter für alle, die sich an die türkische Küche herantasten wollen – und für alle, die ihr Repertoire vertiefen möchten, ohne sich in technischem Schnickschnack zu verlieren.

6. Fotografie und Design

  • Bildqualität
    Die Fotos in „Sebze“ stammen von Sam A. Harris – und was soll ich sagen: sie sind ein Gedicht. Kein Hochglanz, kein Food-Porn, kein überbelichtetes Künstlichkeitsgehabe. Stattdessen: eine ruhige, durchgehende Bildsprache, die mit gedeckten Grundtönen arbeitet, aber immer einen gezielten Farbakzent setzt – sei es ein leuchtender Kürbis, ein Zweig frische Petersilie oder die tiefrote Paprika im Einmachglas. Viele Aufnahmen wirken fast, als sei ein leichter Retro-Filter darübergelegt worden – nicht altmodisch, sondern modern und warm, wie durch das Fenster einer echten Küche im Spätsommer.

    Neben den stimmungsvollen Essensfotos gibt es auch Landschafts- und Alltagsszenen aus der Türkei – Gassen, Marktstände, ein gedeckter Tisch im Hof –, aber auch viele persönliche Einblicke in Özlems Leben: Sie am Herd, mit Freunden beim Essen, mit Familie beim Vorbereiten. Es wirkt ehrlich, intim und liebevoll – fast wie ein Blick in ein altes Familienalbum, nur eben in stilsicher.


    Die Food-Stylistin Esther Clark hat Szenen komponiert, die fast gemäldehaft wirken – rustikal, nie gekünstelt, und mit viel Gespür für Atmosphäre. Man hat das Gefühl, direkt in Großmutters Küche zu stehen – inklusive Holzlöffel, geerbtem Geschirr und frisch gebackenem Börek auf dem Tisch.


  • Layout und Gestaltung
    Das Layout stammt von Emma Wells (Studio Nic&Lou), und auch hier spürt man: Hier haben Menschen mit viel Gefühl für Gestaltung gearbeitet. Die Farbwelt ist warm und erdig, mit dominierenden Tönen in Orange, Braun und Rot – perfekt ergänzt durch kühle Akzente in Grün und Blau. Alles wirkt stimmig, durchdacht und bleibt dabei visuell ruhig.

    Die Rezepte sind großzügig gesetzt – meist auf einer Doppelseite mit einem ganzseitigen Foto gegenüber, was das Blättern und Nachkochen enorm erleichtert. Die Schrift ist dunkelbraun auf perlweißem Grund, gut lesbar in einer klassischen Serifenschrift. Einzige kleine Einschränkung: Auf manchen Kapiteleinleitungsseiten sind die Schriftfarben so kräftig gewählt, dass die Lesbarkeit darunter etwas leidet.


    Sehr gelungen finde ich die Strukturierung der Kapitelanfänge: Drei Doppelseiten leiten jedes neue Thema ein – erst eine illustrierte Seite mit Zutaten oder typischen Kochutensilien (wie vom Cover bekannt), dann eine persönliche Einführung von Özlem mit begleitenden Fotos, und schließlich eine collagenartige Fotoseite zum Eintauchen. Das ist nicht nur schön, sondern auch hilfreich beim Navigieren im Buch.


  • Nutzung der Bilder
    Die Bilder in „Sebze“ sind weit mehr als bloße Illustration – sie erzählen Geschichten. Sie vermitteln Atmosphäre, Herkunft und Kultur, lassen einen fast schmecken, was man sieht. Zwar illustrieren nur wenige Bilder einzelne Zubereitungsschritte – aber durch die klar formulierten Rezepte ist das selten nötig. Die große Mehrheit der Gerichte ist bebildert – und auch wenn es nicht jedes Rezept bis ins Rampenlicht geschafft hat, bietet die visuelle Vielfalt mehr als genug Inspiration.

7. Sprache und Anleitungen

„Sebze“ ist kein Buch, das einem etwas vorschreibt. Es ist ein Buch, das einlädt. Die Sprache von Özlem Warren ist warmherzig, zugänglich und stets von Respekt gegenüber der Leserschaft geprägt. Sie schreibt so, wie man gerne von einer Freundin bekocht werden würde: mit einer Mischung aus Erfahrung, Begeisterung und persönlichem Ton.

In den Rezepten bleibt sie klar und strukturiert. Jede Anleitung folgt einem nachvollziehbaren Aufbau, Zutaten und Zubereitung sind deutlich voneinander getrennt, die Schritte logisch gegliedert. Besonders schön: Fast jedes Rezept wird eingeleitet durch ein paar persönliche Worte – manchmal Erinnerungen, manchmal Tipps, manchmal schlicht eine kleine kulinarische Liebeserklärung an das Gericht. Das macht das Buch lebendig und nahbar.

Wichtig: Özlem erklärt nicht nur wie, sondern oft auch warum etwas gemacht wird – sei es, warum Joghurt erst am Ende in die Suppe kommt, wann ein Gewürz seinen Auftritt haben sollte oder wie sich der Geschmack einer Sauce durch Zitronensaft verändert. Auch typische Zutaten werden nie einfach in den Raum geworfen, sondern kontextualisiert – samt Einkaufs- und Aufbewahrungstipps.

Wer die türkische Küche noch nicht gut kennt, wird hier behutsam eingeführt. Fremdwörter sind im Glossar erklärt oder werden direkt im Rezept kurz erläutert. Es wird nicht vorausgesetzt, dass man weiß, wie man Yufka faltet oder Auberginen räuchert – aber wer es ausprobieren möchte, findet die passende Anleitung.

Besonders gefallen mir die kleinen, eingestreuten Tipps am Seitenrand oder unten am Rezept: „Kann gut vorbereitet werden“, „Schmeckt auch kalt“, „Lässt sich mit X ersetzen“ – das macht das Buch nicht nur lesenswert, sondern auch praktisch. Es hilft beim Kochen im echten Leben – nicht nur bei der Wochenendinszenierung.

8. Besonderheiten

Was „Sebze“ so besonders macht, ist nicht nur die Qualität der Rezepte oder die Liebe zum Detail – es ist die spürbare Herzensverbindung, die sich durch jede Seite zieht. Özlem Warren widmet dieses Buch ihren Eltern Orhan und Gülçin sowie ihrer geliebten Heimatstadt Antakya. Und man merkt: Diese Widmung ist nicht nur ein paar Zeilen am Anfang – sie ist das Fundament des ganzen Buches.

Antakya, ihre südtürkische Heimat mit ihrer kulturellen Vielfalt und tief verwurzelten Esskultur, ist in diesem Buch allgegenwärtig. In den Rezepten, den Geschichten, den Zutaten, den kleinen Erinnerungen an Nachmittage auf dem Markt oder gemeinsame Kochmomente mit der Mutter. Das macht Sebze nicht zu irgendeinem türkischen Gemüsekochbuch, sondern zu einem zutiefst persönlichen Werk. Es ist gefüllt mit Geschichte, Gefühl und großer kulinarischer Wärme.

Man spürt beim Blättern: Hier hat jemand nicht nur gesammelt, was schmeckt – sondern geteilt, was sie liebt. Das Buch ist geprägt von Dankbarkeit, von Bewahrung, von dem Wunsch, etwas weiterzugeben. Es ist das kulinarische Porträt einer Familie, einer Region, einer Haltung zum Leben – und gerade deshalb bleibt es so lange im Kopf und im Herzen.

9. Preis-Leistungs-Verhältnis

Preis des Buches:  34 Euro 

Mit seinem Preis liegt „Sebze“ im mittleren bis oberen Segment der aktuellen Kochbuchlandschaft – und ist dabei jeden Cent wert. Denn was man hier bekommt, ist weit mehr als eine Rezeptsammlung: Es ist ein durchdacht gestaltetes, hochwertig produziertes Buch, das mit über 85 Rezepten auf über 250 Seiten, vielen persönlichen Geschichten, stimmungsvollen Fotografien und fundierten Hintergrundinfos einen echten Mehrwert bietet.

Die Gestaltung ist aufwändig, die Haptik hochwertig, das Layout liebevoll umgesetzt. Die Fotos stammen von einem renommierten Fotografen, die Gestaltung von einem erfahrenen Studio – das merkt man auf jeder Seite. Hier wurde nicht gespart, sondern in Qualität investiert und mit Liebe zum Detail gearbeitet.

Inhaltlich bietet „Sebze“ sowohl Einsteiger*innen als auch Fortgeschrittenen viel Inspiration – und zwar alltagstauglich und nachvollziehbar. Die meisten Zutaten sind gut erhältlich, die Anleitungen klar. Und weil viele der Rezepte vielseitig kombinierbar, gut vorzubereiten oder saisonal anpassbar sind, wird man lange Freude daran haben.

Für mich ist „Sebze“ kein „Durchblätter-und-weiter“-Buch, sondern ein echter Küchenbegleiter – das macht es auch im Hinblick auf den Preis zu einer lohnenden Investition.

10. Gesamteindruck und Empfehlung

„Sebze“ ist kein flüchtiger Küchenflirt. Es ist eins dieser Bücher, die bleiben. Die mit jeder Seite mehr erzählen – über eine Kultur, eine Familie, eine Art zu kochen und zu leben, die zutiefst berührt. Özlem Warren schenkt uns mit diesem Buch nicht nur über 85 Rezepte, sondern einen ganzen Kosmos aus Geschmack, Geschichte und gelebter Liebe zur türkischen vegetarischen Küche.

Für mich ist „Sebze“ eines dieser Bücher, die nicht im Regal verstauben, sondern aufgeschlagen in der Küche liegen, mit vielen Bäppern, Eselsohren und handschriftlichen Notizen am Rand. Es ist warm, lebensnah, bildschön und dabei niemals abgehoben – ein Kochbuch, das an die Hand nimmt und zugleich Raum zum eigenen Entdecken lässt.

Dass es bei LeseLust&Löffel zu meinen Lieblingen 2024 zählt, ist keine Frage. Und ehrlich gesagt: Es hat das Zeug zum Klassiker. Wer sich für die türkische Küche interessiert – oder einfach gut, alltagstauglich und genussvoll vegetarisch kochen möchte –, wird an diesem Buch lange, lange Freude haben.

11. Bewertung

  • Gesamtbewertung: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
  • Bewertung nach Kategorien:
    • Inhalt und Konzept: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
    • Zielgruppe: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
    • Rezepte und Vielfalt: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

    • Schwierigkeitsgrad: 🥄 🥄🥄
    • Fotografie und Design: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
    • Sprache und Anleitungen: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
    • Besonderheiten: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
    • Preis-Leistungs-Verhältnis: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄


12. Nachgekocht

Kichererbsen-Salat mit Sumach Zwiebeln (S. 118)
 Ein köstlicher Salat mit Paprika, Tomate, Frühlingszwiebeln und Petersilie. Rote Zwiebeln werden hier mit Salz und Sumach schön geknetet, so dass sie voller Aroma stecken.
Einfaches Kräuter-Pfannenbörek (S. 40)
Fix gemacht – statt in den Ofen wandert das Börek aus Filoteig in die Bratpfanne – das klappt auch gut. Gefüllt wird es mit einer Mischung aus Frühlingszwiebeln, Feta, Dill, Minze und Petersilie. Das kann ja nur gut schmecken! Özlem empfiehlt dazu diesen Salat:
Gartensalat mit Granatapfelmelasse (S. 127)
Dass das Einfache das Beste ist, vergessen wir oft: dieser Salat ruft es in Erinnerung. Zwiebeln (die mit Salz weich geknetet werden), Frühlingszwiebeln, Paprika, Tomaten und reichlich Petersilie und ein wenig Minze sowie Granatapfelkerne werden nur mit Granatapfelsirup und Zitronensaft sowie Salz und Pfeffer angemacht. Das Ergebnis ist ein absolut köstlicher Gemüsesalat – erfrischend, leicht und mit Crunch! Toll!
Fladenbrote mit Kartoffel-Blattspinat-Füllung (S. 170)
Das Streetfood lässt sich super vorbereiten. Die Füllung für die Gözleme hatte ich schon am Vortag gemacht. Dafür werden Kartoffeln gekocht, mit Kreuzkümmel gestampft und mit angeschmorten Zwiebeln, geschnittenem frischem Spinat und Pul Biber vermischt. Der Teig braucht etwas Zeit, weil er gute 20 Minuten ruhen muss und erst dann ausgerollt und gefüllt werden kann.  Die flachgedrückten gefüllten Fladen werden dann einfach kurz in der Pfanne ohne Fett von beiden Seiten gebraten und danach mit Butter bestrichen. Sehr, sehr lecker und einfach!
Olivensalat mit Granatapfelmelasse und Walnüssen (S. 66)
In den Salat kommen grüne und schwarze Oliven, eingelegte Tomaten, Frühlingszwiebeln, rote Spitzpaprika, Walnüsse und Petersilie. In das Dressing gehören nur Olivenöl, Granatapfelsirup und Kreuzkümmel und in den Tipps steht noch, dass man auch etwas Za‘atar ergänzen kann, was ich gemacht habe. Man kann ihn gut vorbereiten und Reste auch gut verwerten – als Füllung in Wraps oder mit Pasta, Reis oder Bulgur serviert, schreibt die Autorin. 
Es war megaköstlich!

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