Stefan Wiesner – Herzensküche

Herzensküche – Ayurvedisch inspirierte Rezepte – regional und saisonal“ von Stefan Wiesner
at Verlag, 2025

Rezensions-exemplar – vielen Dank an den Verlag!

Konzept in Kürze

Beim ersten Durchblättern von „Herzensküche“ bleibt vieles unklar. Das Buch wirkt konzeptionell zerfasert, überladen und schwer einzuordnen: Kochbuch, philosophischer Essay, persönlicher Erfahrungsbericht, Ernährungslehre – alles scheint gleichzeitig Platz finden zu wollen. Erst bei genauerer Beschäftigung wird verständlich, was Stefan Wiesner eigentlich beabsichtigt.

Der Titel ist dabei programmatisch. „Herzensküche“ ist weniger ein Kochbuch als ein Abbild der Persönlichkeit seines Autors. Wiesner möchte zeigen, wie er Kochen empfindet, was ihn antreibt und welche Haltung er mit Essen, Genuss und Leben verbindet. Das Buch ist stark autobiografisch geprägt, von Selbstaussagen, Erklärungen und Deutungen – sprachlich wie visuell. Der Autor ist präsent, fast allgegenwärtig, auch in der Bildsprache.

Ayurveda bildet dabei den gedanklichen Unterbau, ausdrücklich als Inspiration, nicht als Dogma. In mehreren einseitigen Einschüben – etwa zu den „vier Tiefen“, zur Sensorik beim Essen, zur Neurogastronomie, zur Bedeutung von Eiweiß oder zum Storytelling – versucht Wiesner, grundlegende Zusammenhänge zwischen Essen, Emotion, Erinnerung, Körper und Geist zu erklären. Viele dieser Texte sind für sich genommen durchaus interessant, teils klug, teils gut beobachtet.

Problematisch wird jedoch ihre Ballung: Die Vielzahl an Themen, Konzepten und Erklärungsebenen wirkt überfrachtet. Statt ein stringentes Leitmotiv zu entwickeln, stehen die Einschübe häufig nebeneinander, ohne sich organisch zu verbinden. Das Buch erklärt sehr viel, reflektiert viel – verliert dabei aber an Klarheit.

So entsteht letztlich kein klassisches Kochbuch, sondern ein persönliches Manifest: Stefan Wiesner teilt seine Sicht auf Kochen, Essen und Haltung. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, findet Gedankenanstöße und Einblicke in eine sehr individuelle kulinarische Welt. Wer jedoch Orientierung, Struktur und ein in sich rundes Kochbuchkonzept sucht, wird hier eher ratlos zurückbleiben.

Zielgruppe

„Herzensküche“ richtet sich vor allem an Leser*innen, die sich für Ayurveda als Haltung interessieren und Freude an persönlichen, philosophischen Annäherungen an das Thema Essen haben. Wer Stefan Wiesner kennt oder sich von seiner Person und seinem Selbstverständnis als Koch angesprochen fühlt, wird hier leichter einen Zugang finden.

Für Leser*innen, die sich jedoch ein klassisches Ayurveda-Kochbuch erhoffen, dürfte die Enttäuschung groß sein. Die Rezepte sind nicht nach Dosha-Typen gekennzeichnet, es gibt keine systematische Orientierung innerhalb der ayurvedischen Lehre, und auch eine klare ernährungspraktische Einordnung fehlt. Ayurveda bleibt Inspirationsquelle, nicht strukturierendes Element.

Ebenso wenig eignet sich das Buch für alle, die in erster Linie alltagstaugliche, gut zugängliche Rezepte suchen. Der Fokus liegt klar auf Haltung, Erklärung und Selbstausdruck – nicht auf kulinarischer Anleitung. Kurz gesagt: „Herzensküche“ spricht eine enge, bereits interessierte Zielgruppe an.

Rezeptüberblick

Der Rezeptteil von „Herzensküche“ ist geprägt von Brüchen. Zwischen sehr einfachen Gerichten und komplexeren Ideen entsteht keine durchgängige kulinarische Linie. Das Buch pendelt zwischen Anklängen an Sterneküche und schlichten Alltagsgerichten – oft jedoch mit Zutaten, die schwer erhältlich sind und das Nachkochen unnötig erschweren.

Auf Rezepte mit hochspezialisierten oder regional sehr spezifischen Produkten folgen Gerichte, die so einfach sind, dass sie kaum Anleitung benötigen. Diese Mischung wirkt unausgewogen und wenig einladend. Statt Lust aufs Kochen entsteht häufig Frustration: Entweder scheitert es an der Zutatenbeschaffung oder am fehlenden kulinarischen Reiz.

Hinzu kommen sehr eigenwillige Ideen, die eher als Statement denn als praktikable Kochanleitung funktionieren. Auch die ayurvedische Inspiration bleibt im Rezeptteil unscharf und wird nicht systematisch umgesetzt. Dazwischen stehen plötzlich Gesundheitsgetränke, Hausmittel oder Basics wie Ghee – für sich genommen interessant, im Gesamtzusammenhang jedoch kaum eingebettet. Unterm Strich fehlt es dem Rezeptteil an Stringenz, Zugänglichkeit und Relevanz für die eigene Küche.

Gestaltung und Sprache

Gestalterisch ist „Herzensküche“ ein hochwertig gemachtes Buch. Die Fotografie von Maurice Grünig ist stimmungsvoll und ansprechend, insbesondere bei den Foodfotos. Auffällig ist die wiederkehrende Präsenz des Autors selbst, die den stark persönlichen Charakter des Buches unterstreicht. Layout und Typografie sind klar, gut lesbar und flüssig – ein Buch, durch das man zunächst gerne blättert.

Auch sprachlich bleibt der Zugang leicht. Stefan Wiesner schreibt in einem einfachen, gut nachvollziehbaren Duktus, dem man problemlos folgen kann. Die Rezepte sind verständlich formuliert, Fehler fallen nicht auf, und die Gedanken des Autors sind grundsätzlich gut strukturiert.

Einige Textpassagen nehmen jedoch viel Raum ein, ohne für alle Leserinnen gleichermaßen an Tiefe zu gewinnen. Nicht jeder Gedanke hätte zwingend eine ganze Seite gebraucht. Positiv hervorzuheben ist der Lexikonteil am Ende des Buches: übersichtlich angelegt und als Nachschlagewerk durchaus sinnvoll – allerdings eher für Leserinnen mit Vorkenntnissen, da konkrete Anleitungen zur Umsetzung weitgehend fehlen.

Fazit

„Herzensküche“ ist ein Buch mit Anspruch und Haltung, aber ohne klaren Fokus. Stefan Wiesner öffnet sehr persönlich seine Gedankenwelt rund um Kochen, Genuss, Gesundheit und Lebensführung – und versteht sein Werk eher als Ausdruck seiner inneren Überzeugungen denn als klassisches Kochbuch. Das kann inspirieren, fordert aber auch viel Bereitschaft zur Auseinandersetzung.

Wer sich auf diese sehr subjektive Perspektive einlassen möchte, findet Denkanstöße, stimmungsvolle Bilder und einen gut gemachten Rahmen. Wer hingegen ein strukturiertes Kochbuch, eine klare ayurvedische Linie oder alltagstaugliche Rezepte sucht, wird hier kaum fündig. Zu groß sind die Brüche im Konzept, zu uneinheitlich die Rezeptauswahl und zu hoch die Hürden beim Nachkochen.

So bleibt „Herzensküche“ vor allem ein Buch zum Lesen, Blättern und Reflektieren – weniger eines, das regelmäßig in der Küche zum Einsatz kommt.

Bewertung: 🥄🥄🥄 (3 von 6 Löffeln)

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