„Winterfest – Das Kochbuch für ein starkes Immunsystem und mehr Energie“ von Rachel de Thample, Dumont Verlag, 2024.
Konzept in Kürze
„Winterfest“ versteht den Winter nicht als Phase des Mangels, sondern als notwendige Zeit der Verlangsamung, Regeneration und Stärkung. Rachel de Thample lädt dazu ein, den Rhythmus der Jahreszeiten wieder ernst zu nehmen – körperlich wie kulinarisch. Die zentrale Idee: Essen als Medizin, nicht im therapeutischen Sinn, sondern als alltagstaugliche, genussvolle Unterstützung für Immunsystem, Verdauung, Energiehaushalt und seelisches Gleichgewicht in der kalten Jahreszeit. Das Buch verbindet saisonale Winterküche mit ernährungsphysiologischem Wissen. Im Fokus stehen natürliche, möglichst unverarbeitete Zutaten, viele pflanzliche Komponenten, fermentierte Lebensmittel, Brühen, Tees, Tonika und wärmende Gerichte. Immer wieder wird die Bedeutung der Darmgesundheit, eines stabilen Mikrobioms und hochwertiger Fette betont. Dabei bleibt der Ton wohltuend unaufgeregt: Es geht nicht um Verbote oder strenge Regeln, sondern um Rückbesinnung, Achtsamkeit und kluge Auswahl.
Mit rund 120 Rezepten, klar nach Mahlzeiten und Bedürfnissen gegliedert, bietet „Winterfest“ sowohl klassische Gerichte als auch Hausmittel, Vorratsrezepte und stärkende Getränke. Ein umfangreicher Teil widmet sich ausdrücklich Heilmitteln aus der Vorratskammer, ergänzt durch Süßes sowie Tonika, Tees und alkoholfreie Drinks. Ein gut strukturiertes Register und ein auf den deutschen Markt abgestimmtes Bezugsquellenverzeichnis unterstreichen den praktischen Anspruch.Trotz der Nähe zu Konzepten wie Naturküche, Fermentation und traditionellem Wissen bleibt das Buch bodenständig: Die Rezepte sind machbar, die Zutaten größtenteils gut erhältlich, der Anspruch liegt eher im bewussten Einlassen auf eine winterliche, entschleunigte Ernährungsweise als in kulinarischer Komplexität. „Winterfest“ ist damit weniger ein klassisches Gesundheitskochbuch als eine Einladung, den Winter als nährende Jahreszeit neu zu entdecken.
Zielgruppe
„Winterfest“ richtet sich an Leser*innen, die Ernährung nicht nur als Nahrungsaufnahme verstehen, sondern als Teil eines bewussten, saisonalen Lebensstils. Angesprochen werden Menschen, die bereit sind, sich auf eine sehr gesunde, naturverbundene Küche einzulassen – mit hochwertigen Zutaten, ohne raffinierten Zucker, mit unverarbeiteten Lebensmitteln und einer gewissen Offenheit für Fermentation, Tonika und funktionale Getränke wie Kombucha. Ihre Heimat in der River-Cottage-Philosophie ist dabei deutlich spürbar: Wer Bücher und Konzepte aus diesem Umfeld schätzt, wird sich hier sofort zuhause fühlen. Es geht um Ursprünglichkeit, handwerkliche Herangehensweisen, Respekt vor der Jahreszeit und eine Küche, die nährt statt nur zu sättigen. Entsprechend richtet sich das Buch auch an eine Community, die Freude daran hat, neue Geschmackskomponenten zu entdecken, Zutaten bewusst auszuwählen und sich gelegentlich auch einmal aus der Komfortzone herauszubewegen.
Gleichzeitig sollte man sich darauf einstellen, dass „Winterfest“ kein bequemes Nebenbei-Kochbuch ist. Zutaten wie fermentierte Produkte, spezielle Tees oder Naturheilmittel sind Teil des Konzepts – auch wenn alles im Rahmen bleibt und gut recherchierte Bezugsquellen an die Hand gegeben werden. Wer bereit ist, Zucker zu reduzieren und gegen andere Süßungsmittel zu tauschen, Gewohntes zu ersetzen und sich mit dem Gedanken von Essen als Medizin anzufreunden, wird hier reich belohnt. Kurz gesagt: Dieses Buch ist ideal für gesundheitsbewusste Genießer*innen, für Fans saisonaler Naturküche und für alle, die im Winter bewusst langsamer werden und ihre Ernährung als unterstützenden, stärkenden Begleiter verstehen wollen.
Rezepte und Vielfalt
Nach der einordnenden Einführung mit dem Leitmotiv „Essen als Medizin“ ist „Winterfest“ klar und logisch nach Mahlzeiten und Bedürfnissen aufgebaut. Den Auftakt bilden Frühstück und Brunch, gefolgt von Snacks, Salaten und Beilagen. Es schließen sich Brühen, Suppen und Eintöpfe an, bevor wärmende Hauptgerichte den Kern der winterlichen Küche bilden. Ein umfangreicher Abschnitt widmet sich Heilmitteln aus der Vorratskammer, ergänzt durch Süßes, bevor das Buch mit Tonika, Tees und Mocktails einen stimmigen Abschluss findet. Über alle Kapitel hinweg spielen Sauerteig, Kefir, Getreide, Nüsse und Samen eine zentrale Rolle und setzen den Grundton des Buches: nährend, naturverbunden und bewusst. Fermentierte Komponenten ziehen sich ebenfalls durch das gesamte Werk und sorgen für geschmackliche Tiefe und Abwechslung. Insgesamt ist der überwiegende Teil der Küche vegetarisch, ergänzt durch gelegentliche Fisch-, Fleisch- und Muschelgerichte – stets in maßvollem Umfang und eher als Akzent denn als Mittelpunkt.
Die vegetarische Winterküche erreicht ihre Sättigung häufig über Käse oder Kokosmilch und steht gleichberechtigt neben asiatisch inspirierten Gerichten, insbesondere mit Einflüssen aus der japanischen Küche. Viele Rezepte greifen bekannte Klassiker auf und denken sie weiter: mit mehr Gemüse, gesünderen Komponenten und neuen aromatischen Kombinationen, ohne den Bezug zur Alltagsküche zu verlieren. Süßes und Gebäck sind ebenfalls vertreten, überwiegend mit Honig oder Ahornsirup gesüßt, und fügen sich stimmig in das Gesamtkonzept ein. Tonika, Tees und Mocktails bilden einen eigenständigen, ideenreichen Bereich. Besonders positiv fällt auf, dass Rachel de Thample beim Foraging klare Grenzen zieht, Risiken benennt und im Zweifel ausdrücklich zur Zurückhaltung rät. Trotz der konzeptionellen Tiefe bleibt „Winterfest“ ausgesprochen alltagstauglich. Die Rezepte sind gut und leicht nachzukochen, die Anleitungen klar und nachvollziehbar, Fehler sind nicht aufgefallen. Die Anzahl der benötigten Zutaten bleibt überschaubar, vieles ist im Supermarkt, Asialaden oder Reformhaus erhältlich. Ein Bezugsquellenverzeichnis für den deutschen Markt erleichtert den Einstieg zusätzlich. Insgesamt bietet das Buch eine vielfältige, stimmige Winterküche, die neugierig macht, ohne zu überfordern.
Gestaltung & Sprache
Sprachlich ist „Winterfest“ sehr persönlich und zugleich literarisch geprägt. Rachel de Thample schreibt ruhig, zugewandt und mit einer spürbaren inneren Überzeugung. Immer wieder streut sie Zitate, kurze Gedichte oder poetische Gedanken ein, die dem Buch eine zusätzliche Ebene geben, ohne es zu überladen. Man kann ihr sehr gut folgen, auch weil sie nicht belehrend schreibt, sondern einladend – als würde sie ihre Gedanken teilen, nicht ihre Leser*innen überzeugen wollen. Besonders authentisch wirkt der Text dadurch, dass deutlich wird, wie ernst sie den Winter als Lebensphase nimmt. Sie verklärt die dunkle Jahreszeit nicht, sondern beschreibt sie so, wie sie sie empfindet: ruhig, fordernd, manchmal schwer – aber auch nährend. In der Danksagung wird sichtbar, dass das Buch in einer persönlichen Ausnahmesituation entstanden ist: während des Entstehungsprozesses verlor sie zwei ihr sehr nahestehende Menschen, ihre Mutter und ihren Großvater. Dieses Wissen wirft ein anderes Licht auf den Text – und erklärt vielleicht auch, warum das Buch eine solche Tiefe und Ehrlichkeit ausstrahlt. Die Idee des Winters als Zeit zum Krafttanken wirkt hier nicht konstruiert, sondern gelebt.
Die Fotografie von Nassima Rothacker ist kongenial und trägt maßgeblich zur Wirkung des Buches bei. Die Bilder sind nordisch klar, reduziert und sehr zeitgemäß. Häufig vor dunklem Untergrund fotografiert, lassen sie helle Zutaten, Speisen oder Objekte gezielt hervortreten. Das verwendete Geschirr und die Flaschenformen sind schlicht, zurückhaltend und unterstreichen den puristischen Charakter. Die Naturaufnahmen greifen die winterliche Stimmung auf: kahle Bäume, Eis, Grau- und Erdtöne, wenig Grün – ruhig, stimmungsvoll und sehr ästhetisch eingefangen. Dieses zurückhaltende Farbkonzept zieht sich konsequent durch das gesamte Buch. Einschübe und erklärende Passagen sind auf karamellbraunem Papier gedruckt, was sich nicht nur optisch, sondern auch haptisch sehr stimmig anfühlt. Auch wenn das Layoutteam nicht namentlich genannt wird, ist die Gestaltung insgesamt äußerst gelungen: klar strukturiert, ruhig, hochwertig und in sich geschlossen. „Winterfest“ ist ein Buch, das man gern in die Hand nimmt, langsam durchblättert und immer wieder zur Seite legt, um später zurückzukehren. Sprache, Fotografie und Gestaltung greifen hier so harmonisch ineinander, dass das Buch weit mehr ist als eine Rezeptsammlung – es ist ein atmosphärischer Begleiter durch den Winter.
Fazit
„Winterfest“ ist ein Buch, das sich Zeit nimmt – und genau dazu auch seine Leser*innen einlädt. Es versteht den Winter nicht als etwas, das man möglichst schnell hinter sich bringen muss, sondern als Jahreszeit mit eigenem Wert, eigenem Rhythmus und eigenen Bedürfnissen. Dieses Grundverständnis prägt das gesamte Buch und macht es zu weit mehr als einer bloßen Rezeptsammlung. Die Stärke von „Winterfest“ liegt dabei in der Verbindung aus gesunder, naturverbundener Küche, persönlicher Haltung und großer atmosphärischer Dichte. Ernährung wird hier nicht funktional verkürzt, sondern als Teil eines größeren Ganzen verstanden: als Unterstützung für Körper und Seele, als Ritual, als bewusste Form der Selbstfürsorge. Das Buch vermittelt dieses Anliegen glaubwürdig und ohne Pathos – man spürt, dass die Autorin nicht über den Winter schreibt, sondern aus ihm heraus.
Inhaltlich überzeugt „Winterfest“ durch seine enorme Bandbreite: von alltagstauglichen Gerichten über fermentierte Lebensmittel und Vorratsrezepte bis hin zu Tonika, Tees und kleinen Ritualen für die kalte Jahreszeit. Trotz der konzeptionellen Tiefe bleibt vieles gut zugänglich, nachvollziehbar und machbar – vorausgesetzt, man ist bereit, sich auf den Ansatz einzulassen. Genau hier liegt aber auch eine klare Abgrenzung: „Winterfest“ ist nicht das richtige Buch für eilige Skeptiker*innen oder rein zweckorientierte Kochende. Wer schnelle Lösungen, strikt funktionale Ernährung oder reine Effizienz sucht, wird sich mit dem entschleunigten, reflektierten Zugang schwertun. Dieses Buch möchte nicht optimieren, sondern begleiten – und fordert dafür Aufmerksamkeit, Offenheit und ein gewisses Maß an innerer Ruhe.
Besonders überzeugend ist die stimmige Einheit aus Sprache, Gestaltung und Fotografie. Die ruhige, persönliche Tonalität, die nordisch klare Bildsprache und das zurückhaltende, hochwertige Layout greifen perfekt ineinander und machen das Buch zu einem echten Begleiter für die Wintermonate – einem Buch, das man nicht nur liest, sondern erlebt. „Winterfest“ richtet sich an Leser*innen, die den Winter annehmen möchten, wie er ist, und ihn mit gutem Essen, bewussten Momenten und einer entschleunigten Haltung füllen wollen. Für diese Zielgruppe ist es ein außergewöhnlich stimmiges, ehrliches und inspirierendes Buch.
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