Orhan und Orkide Tançgil – Türkei vegetarisch

1. Eckdaten

Titel: Türkei vegetarisch

Autoren: Orhan und Orkide Tançgil

Verlag: Brandstätter Verlag 

Erscheinungsjahr: 2026

Rezensionsexemplar – vielen Dank! 

2. Inhalt und Konzept

„Türkei vegetarisch“ ist kein klassisches Länderkochbuch, das eine Küche systematisch katalogisiert. Vielmehr verstehen Orkide und Orhan Tançgil ihr Werk als erzählerische Annäherung an die türkische Alltagsküche — genauer: an die häusliche, familiäre, über Generationen weitergegebene Küche Anatoliens und der Ägäis, die traditionell ohnehin stark pflanzenbasiert geprägt ist.

Schon das Vorwort macht deutlich, worum es den beiden geht: Essen ist hier nicht nur Nahrung, sondern kulturelle Praxis, Erinnerungsspeicher und verbindendes Element zwischen Menschen, Generationen und Lebensorten. Die Autoren erzählen sehr offen ihre eigene Familien- und Migrationsgeschichte zwischen Thessaloniki, der Türkei und Deutschland. Rezepte stehen dadurch nie isoliert, sondern sind immer eingebettet in Biografie, Herkunft und persönliche Erfahrungen. Viele Gerichte werden ausdrücklich als Erinnerungsgerichte beschrieben — als „Geschmack von Zuhause“. Dabei wird auch ein häufiges Missverständnis aufgelöst: Die vegetarische türkische Küche ist keine moderne Adaption oder Anpassung an heutige Ernährungsformen, sondern historisch gewachsen. Besonders die sogenannte Arme-Leute-Küche der anatolischen Regionen basiert traditionell auf Gemüse, Hülsenfrüchten, Getreide, Olivenöl, Kräutern, Nüssen und Joghurt. Fleisch spielt zwar eine Rolle in der Festtagsküche, ist im Alltag jedoch keineswegs dominierend. Das Buch zeigt damit weniger eine vegetarische Variante der türkischen Küche — sondern im Grunde deren ursprünglichen Kern.

Inhaltlich folgen die Rezepte der typischen Struktur einer türkischen Tafel (Sofra). Entsprechend ist das Buch nicht nach modernen Menülogiken aufgebaut, sondern nach Esskultur:

  • Suppen & Eintöpfe
  • Meze, Aufstriche & Cremes
  • Salate & Beilagen
  • Zeytinyağlı – Gemüsegerichte in Olivenöl und Gefülltes
  • Gemüse als Hauptgericht
  • Pilaw, Börek & Teiggerichte
  • Süßspeisen

Diese Struktur ist entscheidend: Die Gerichte sind nicht als Einzelgerichte gedacht, sondern als kombinierbare Komponenten eines gemeinsamen Essens. Genau das entspricht der türkischen Tischkultur, in der viele kleine und mittlere Speisen gleichzeitig auf den Tisch kommen und geteilt werden. Das Buch vermittelt damit nicht nur Rezepte, sondern eine Essweise.

Bevor die Leser*innen in die türkische vegetarische Küche eintauchen, erfahren Sie viel über den Hintergrund der beiden. Statt zwischen den Kapiteln immer wieder Geschichten einzustreuen, stellen Orkide und Orhan Tançgil ihre persönliche Ebene ganz bewusst an den Anfang des Buches. Dort erzählen sie ausführlich von ihrer Familiengeschichte, ihren Herkunftsorten, Migrationserfahrungen und davon, wie „KochDichTürkisch“ überhaupt entstanden ist. Dieses Erzählen erfüllt dabei eine wichtige Funktion: Die beiden möchten nicht nur Rezepte weitergeben, sondern eine Haltung zum Essen vermitteln — nämlich, dass Kochen Erinnerungen trägt, Zugehörigkeit schafft und Familien zusammenhält. Damit das glaubwürdig wird, öffnen sie sich ihren Leser*innen. Sie berichten von Eltern und Großeltern, von Kindheitserinnerungen, vom Lernen am Küchentisch und vom Weitergeben von Wissen über Generationen hinweg. Dadurch entsteht Nähe. Man versteht beim Lesen, warum diese Gerichte für sie Bedeutung haben, und genau deshalb bekommen später auch die Rezepte Gewicht. Man kocht hier nicht einfach eine Speise nach, sondern etwas, das für die Autoren Teil ihrer eigenen Biografie ist. Gerade weil sie dabei sehr offen und ungekünstelt erzählen, funktioniert dieser Zugang erstaunlich gut: Die Autoren sind nie belehrend oder folkloristisch, sondern wirken nahbar und sympathisch. Die persönliche Geschichte dient somit nicht der Selbstdarstellung, sondern als Brücke — sie lädt die Leser*innen ein, sich auf die Küche einzulassen und die dahinterstehenden Werte überhaupt nachvollziehen zu können.

Struktur des Buches

Nach den sehr persönlichen einleitenden Kapiteln wechseln Orkide und Orhan Tançgil bewusst die Ebene: Bevor die eigentlichen Rezepte beginnen, folgt eine orientierende Doppelseite, die den praktischen Umgang mit dem Buch vorbereitet. Neben einem QR-Code zu einer eigens kuratierten Spotify-Playlist mit türkischer Popmusik – gedacht als stimmungsvolle Begleitung beim Kochen – finden sich hier alle wichtigen Hinweise zur Nutzung der Rezepte. Erklärt werden unter anderem verwendete Ei-Größe, Mehlsorte, der Umgang mit Kräutern sowie typisch türkische Zutaten. Außerdem verweisen die Autoren auf das Glossar und die Menüvorschläge am Ende des Buches. Besonders hilfreich ist die Legende der verwendeten Symbole: Auf einen Blick erkennt man, ob ein Gericht vegan oder veganisierbar ist, sich gut für Meal-Prep eignet, schnell zubereitet ist, als One-Pot-Gericht funktioniert, wandelbar ist oder eine besonders große pflanzliche Vielfalt bietet. Gerade diese Kennzeichnungen zeigen, dass das Buch nicht nur traditionsbewusst, sondern zugleich sehr gegenwärtig gedacht ist. Themen wie pflanzliche Diversität, alltagstaugliche Vorbereitung oder flexible Zubereitung greifen aktuelle Koch- und Ernährungsgewohnheiten auf, ohne die Gerichte künstlich zu modernisieren.

Die Rezepte selbst sind anschließend nach der Logik einer türkischen Tafel aufgebaut und orientieren sich an der Esskultur statt an einem westlichen Menüablauf. Den Auftakt bildet das Kapitel „Suppen & Eintöpfe“ mit acht Rezepten. Neben bekannten Klassikern wie der Roten Linsensuppe oder der Almsuppe finden sich hier auch weniger geläufige Gerichte, etwa ein Zyprischer Bohneneintopf, eine Röstkohlsuppe mit grünen Linsen und Bulgur oder eine Mangoldsuppe mit Hülsenfrüchten und gerösteten Mandeln. Schon dieses erste Kapitel zeigt, dass das Buch Bekanntes und Neues miteinander verbindet und dabei konsequent pflanzenbasiert bleibt.

Auf das erste Kapitel folgt mit „Meze, Aufstriche & Cremes“ ein zentraler Bestandteil der türkischen Esskultur. Insgesamt enthält dieses Kapitel zehn Rezepte, die fast durchweg zu den bekannten Klassikern gehören. Darunter finden sich etwa Ajvar (eine Röstpaprika-Auberginen-Creme), eine Auberginencreme mit Schmelzzwiebeln, Muhammara (Paprika-Walnuss-Paste), verschiedene Joghurtzubereitungen, ein Kohlrabi-Cacık, Zucchini-Joghurt mit Walnüssen, eine Weißkäsecreme mit Kürbis, ein grünes Schälerbsenpüree mit Kapern-Salsa, hausgemachte Zatar-Chips (ganz schnell aus fertigen Weizenfladen oder Yufkateig gemacht) sowie Hummus in gleich drei Varianten. Das Kapitel ist damit sehr alltagstauglich angelegt: Die Rezepte sind überwiegend unkompliziert, gut kombinierbar und eignen sich sowohl für ein gemeinsames Essen mit mehreren Personen als auch als kleine Beilage im Alltag. Ergänzt wird das Kapitel durch zwei inhaltliche Einschübe, die den Charakter des Buches gut verdeutlichen. Anders als im persönlichen Auftakt dienen diese Texte nicht mehr dem biografischen Erzählen, sondern der Einordnung. Im ersten Einschub „Meze – eine Kultur zum Teilen“ erklären die Autoren die soziale Bedeutung der Meze-Tafel. Meze werden hier ausdrücklich nicht als Vorspeise verstanden, sondern als eigenständige Essform. Ziel ist nicht ein schneller Auftakt zu einem Hauptgericht, sondern ein gemeinsames, langes Essen: viele kleine Teller, Gespräche, Zeit und Geselligkeit. Die Speisen werden nacheinander oder gleichzeitig gereicht, ergänzt durch Brot, Getränke und häufig stundenlanges Beisammensitzen. Damit wird klar, warum das Buch insgesamt nicht auf Einzelgerichte, sondern auf kombinierbare Speisen angelegt ist. Der zweite Einschub widmet sich dem Joghurt. Unter der Überschrift „Joghurt – fermentierte, angedickte Milch“ erklären die Autoren Herkunft, Herstellung und Bedeutung dieses Grundprodukts der türkischen Küche. Joghurt erscheint hier nicht nur als Beilage, sondern als kulinarisches Fundament: als Dip, Sauce, Bestandteil warmer Gerichte, in Teigen oder auch in Süßspeisen. Gleichzeitig wird seine ernährungsphysiologische Bedeutung angesprochen (Fermentation, bessere Verträglichkeit von Milch, probiotische Wirkung). Damit erhält der Leser ein Verständnis dafür, warum so viele Rezepte des Buches auf Joghurt basieren und weshalb er in dieser Küche eine deutlich zentralere Rolle spielt als in der mitteleuropäischen Alltagsküche. Auffällig ist zudem, dass die Doppelseiten jeweils mit QR-Codes ergänzt werden. Über diese gelangt man auf die Website von „KochDichTürkisch“ zu weiterführenden Informationen, teilweise auch zu Videoclips, zusätzlichen Rezepten und praktischen Tipps. Das Buch endet damit nicht an der gedruckten Seite, sondern öffnet sich in die digitale Welt der Autoren. Gerade für weniger erfahrene Köch*innen kann das sehr hilfreich sein, da Zubereitungsschritte oder Techniken zusätzlich visuell nachvollzogen werden können. Insgesamt zeigt dieses Kapitel sehr exemplarisch die Arbeitsweise des Buches: Die Rezepte werden nicht nur präsentiert, sondern kulturell und kulinarisch verortet, und wer möchte, kann sich über die digitalen Ergänzungen noch weiter vertiefen.

Es folgt das Kapitel „Frische Salate & Beilagen“ mit insgesamt elf Rezepten. Hier zeigt sich besonders deutlich der pflanzenbasierte Kern der türkischen Alltagsküche. Neben bekannten Klassikern wie dem Hirtensalat oder Fattoush finden sich zahlreiche abwechslungsreiche Kombinationen aus Gemüse, Hülsenfrüchten und Früchten. Dazu gehören etwa Knusperkartoffeln mit Chiliöl, ein Karotten-Quitten-Salat, ein fruchtiger Linsensalat mit Kreuzkümmel-Dressing, ein sommerlicher Bohnensalat mit Zucker-Aprikosen, Honigmelone mit Weißkäse sowie ein Rote-Bete-Linsensalat. Auffällig ist dabei die große Bandbreite: Die Gerichte funktionieren sowohl als Beilage zu mehreren Komponenten einer Tafel als auch als eigenständige leichte Mahlzeit. Viele Rezepte sind schnell zubereitet und benötigen keine aufwendigen Techniken. Stattdessen lebt dieses Kapitel stark von frischen Zutaten, Kräutern, Säure-Süße-Kontrasten, Kräutern und Gewürzen — ein typisches Merkmal der türkischen Küche, in der Salate nicht nur Ergänzung, sondern ein gleichwertiger Bestandteil des Essens sind. Damit erfüllt dieses Kapitel eine wichtige Funktion innerhalb des Buches: Es verbindet die Meze-Kultur mit den folgenden Hauptgerichten. Erst durch diese frischen Komponenten entsteht die Vielfalt auf dem Tisch, die für eine Sofra charakteristisch ist.

Es folgt das Kapitel „Gerichte in Olivenöl & Gefülltes“, das mit neun Rezepten einen der zentralen Bereiche der türkischen Küche abbildet. Schon der einleitende Einschub „Kalt serviert: Gerichte in Olivenöl“ macht deutlich, welche Bedeutung diese Speisenkategorie hat. Die sogenannten Zeytinyağlılar — sanft in Olivenöl geschmortes Gemüse — gelten als fester Bestandteil der Alltagsküche und werden traditionell bei Zimmertemperatur oder kalt gegessen. Die Autoren erläutern dabei nicht nur die Zubereitungsweise, sondern auch das dahinterstehende Prinzip: Gemüse wird schonend gegart, nicht verkocht, häufig mit etwas Säure, Kräutern und hochwertigem Olivenöl ergänzt und darf anschließend durchziehen. Gerade dadurch entfalten sich Aroma und Textur. Interessant ist, dass diese Gerichte ausdrücklich auch im Voraus vorbereitet werden können und oft sogar am nächsten Tag besser schmecken. Damit wird verständlich, warum sie in Familienküchen und bei Gästebewirtung eine so große Rolle spielen. Der Einschub zeigt zugleich, wie zentral Olivenöl als Geschmacksträger, Konservierungsmittel und identitätsstiftendes Element dieser Küche ist. Der zweite Einschub „Gefüllt oder gewickelt – Dolma & Sarma“ widmet sich einer weiteren Schlüsseltechnik. Hier erklären die Autoren Herkunft, soziale Bedeutung und saisonale Vielfalt der gefüllten oder gerollten Gemüse- und Blattgerichte. Dolma und Sarma werden nicht nur als Rezepte, sondern als gemeinschaftliche Tätigkeit beschrieben: Das Füllen und Rollen geschieht traditionell zusammen, oft über längere Zeit, und ist damit ebenso sozialer Akt wie Kochtechnik. Auch wird deutlich, dass sich je nach Jahreszeit unterschiedliche Gemüse oder Blätter eignen — von Weinblättern über Paprika bis hin zu Mangold. Wie schon in den vorherigen Kapiteln werden die erklärenden Doppelseiten durch QR-Codes ergänzt, die zu Videos, zusätzlichen Rezepten und praktischen Hinweisen auf der Website von „KochDichTürkisch“ führen. Gerade bei Techniken wie dem Rollen von Sarma oder dem richtigen Schmoren der Zeytinyağlı-Gerichte ist diese visuelle Unterstützung hilfreich. Die neun Rezepte greifen diese Grundlagen direkt auf. Neben Klassikern wie langsam gegarten Bohnen mit Sellerie nach Istanbul-Art, geschmorten Erbsen mit Frühlingszwiebeln in Olivenöl oder geschmortem Lauch mit Kräutern finden sich auch ungewöhnlichere Kombinationen, etwa Okra mit Pflaumen in Olivenöl oder gemischte Wildkräutergerichte aus Blattgemüse wie Mangold, Spinat oder Wildpflanzen. Dazu kommen gemischte Dolma mit Paprika, Tomaten und Weinblättern, gefüllter Mangold mit Lor-Käse und Bulgur sowie der bekannte Auberginenklassiker „İmam bayıldı“. Auffällig ist dabei die Würzung: Traditionelle Aromen werden beibehalten, aber häufig durch Gewürze wie Piment, Zimt oder getrocknete Minze differenziert. Dieses Kapitel macht besonders deutlich, dass vegetarische türkische Küche keine Reduktion, sondern eine eigenständige kulinarische Tradition ist. Hülsenfrüchte, Gemüse, Kräuter und Olivenöl bilden hier nicht den Ersatz für Fleisch, sondern den eigentlichen Mittelpunkt.

Das folgende Kapitel „Gemüse als Hauptgericht“ ist mit 17 Rezepten das umfangreichste des Buches. Schon daran erkennt man, welchen Stellenwert pflanzenbasierte Gerichte in der vorgestellten Küche einnehmen. Allerdings versteht das Buch „Hauptgericht“ nicht im mitteleuropäischen Sinn eines einzelnen, klar abgegrenzten Tellergerichts. Vielmehr orientieren sich die Autoren erneut an der Sofra-Kultur: Ein Hauptgericht entsteht hier häufig erst im Zusammenspiel mehrerer Komponenten. Entsprechend breit ist die Auswahl. Neben sättigenderen Gerichten wie einem Veggie-Kebab, Kichererbsen-Wraps mit Sumachzwiebeln, Kumpir (gebackene Kartoffel), roten Bulgurbällchen (Çiğ Köfte), Auberginen mit Kichererbsen in Olivenöl, pochierten Eiern auf Joghurt oder Eiern mit Lauch und Spinat finden sich auch weitere Street-Food-artige Speisen wie Erbsen-Käse-Puffer oder knusprig ausgebackene Auberginen mit Vinaigrette. Daneben enthält das Kapitel mehrere Salatgerichte, etwa einen Frühlingssalat mit Freekeh, einen cremig-knusprigen Kichererbsensalat, einen grünen Linsensalat mit Wildkräutern, einen Kartoffelsalat mit grünen Bohnen oder Kichererbsensalat mit Zitronen-Joghurt-Dressing. Diese Gerichte können zwar für sich stehen, wirken aber eher als Teil einer größeren Mahlzeit wirklich vollständig. Genau darin zeigt sich erneut die Esslogik des Buches: Nicht das einzelne Rezept steht im Mittelpunkt, sondern der gedeckte Tisch aus mehreren Speisen.

Den Abschluss der herzhaften Kapitel bildet „Pilaw, Börek & Co.“ mit 13 Rezepten. Eingearbeitet sind zwei ausführlichere Einschübe, die erneut stärker warenkundlich und handwerklich ausgerichtet sind. Im Text „Pilaw ist mehr als nur eine Beilage“ erklären die Autoren zunächst, dass Pilaw in der türkischen Küche keine einzelne Speise, sondern eine Zubereitungsart darstellt. Getreide wie Reis oder Bulgur wird dabei in genau bemessener Flüssigkeit schonend gegart und darf anschließend ruhen. Entscheidend ist, dass der Pilaw nicht gerührt wird, damit die Körner locker bleiben. Gleichzeitig wird auch der historische Hintergrund angerissen: Reis kam über Zentralasien nach Anatolien, während in ländlicheren Regionen eher Bulgur und andere Getreide verbreitet waren. Pilaw kann zwar eine Beilage sein, wird aber ebenso häufig als eigenständiges Gericht mit Gemüse, Hülsenfrüchten oder Kräutern serviert und bildet damit einen wichtigen sättigenden Bestandteil der Mahlzeit. Der zweite Einschub widmet sich dem Börek. Hier beschreiben die Autoren Herkunft und Bedeutung des Yufka-Teigs sowie die enorme Formenvielfalt dieser Speisen. Börek wird nicht nur als Rezept, sondern als kulturelles Handwerk verstanden: Aus einfachen Zutaten entstehen durch Falten, Rollen oder Schichten zahlreiche Varianten, die sowohl im Alltag als auch zu Festen serviert werden. Die Weitergabe dieser Techniken über Generationen wird ausdrücklich hervorgehoben. Besonders hilfreich sind die umfangreichen Schritt-für-Schritt-Fotoanleitungen, etwa zum Falten von Knitterbörek oder zur Herstellung von Simit, den türkischen Sesamringen. Diese visuellen Anleitungen erleichtern den Zugang deutlich und nehmen Berührungsängste vor Teigarbeiten. Ergänzend führen QR-Codes zu Videos auf der Website von „KochDichTürkisch“, sodass man die Techniken zusätzlich nachvollziehen kann. Die Rezepte selbst sind entsprechend breit gefächert: von verschiedenen Pilaw-Varianten wie Lila Reis mit Pistazien, Orzo-Pilaw mit Tomaten, Halloumi und Minze oder Pilaw mit grünen Linsen und Röstzwiebeln über gefüllte Teigtaschen mit Halloumi und Sultaninen bis hin zu zahlreichen Börek-Formen, Pide, Teigröllchen mit Kartoffelfüllung, Pogatschen, Fladenbroten, Olivenbrot und den klassischen Simit. Dieses Kapitel liefert damit die sättigenden Komponenten, die viele der vorherigen Gerichte ergänzen und die Zusammenstellung einer vollständigen Mahlzeit ermöglichen.

Den Abschluss bildet das Kapitel „Süßes“, das ausschließlich aus Rezepten besteht und ohne weitere Einschübe auskommt. Mit einer breiten Auswahl von Kuchen, Gebäck, Desserts und Eis deckt es unterschiedliche Gelegenheiten ab — vom einfachen Alltagsnachtisch bis zu festlicheren Süßspeisen. Zu den Rezepten gehören unter anderem Feigenkuchen mit Mandeln, eine cremige Grießfüllung im Filoteig, Nektarineneis mit Mandel-Crunch, Tahini-Kekse mit Kakao, einfache Baklava-Röllchen, geröstete Pfirsiche mit Joghurtcreme sowie Mandel-Orangen-Schleifchen, die auch eine persönliche Bedeutung für Orhan haben, wie er eingangs erzählt. Ergänzt wird das Kapitel durch Puddings und klassische Süßspeisen wie Mandel-Pistazien-Pudding, Feigenpudding („Schlafende Feigen“), eine Kadayif-Torte, Kürbis-Helva und ein süßes Schwarzaugen-Konfekt mit winterlichen Gewürzen wie Zimt und Nelke. Auffällig ist dabei, dass die Desserts trotz ihres teils festlichen Charakters handwerklich meist überschaubar bleiben. Viele Rezepte greifen auf Grundtechniken zurück, die bereits in den vorherigen Kapiteln vermittelt wurden, etwa den Umgang mit Filoteig, Joghurt oder Nüssen. Damit wirkt das Kapitel nicht wie ein losgelöster Anhang, sondern als logische Ergänzung der vorgestellten Küche. 

Ergänzt wird das Rezeptteil am Ende des Buches durch umfangreiche Serviceseiten. Zunächst finden sich ausgearbeitete Menüvorschläge, die unterschiedliche Zugänge zur Küche ermöglichen. Diese sind zum einen thematisch gegliedert, etwa ein veganes Festessen, alltagstaugliche Familiengerichte für den Feierabend oder ein türkischer Brunch. Daneben gibt es saisonale Menüfolgen entlang der Jahreszeiten mit entsprechend verfügbaren Gemüsen sowie regionale kulinarische „Reisen“, die von der Ägäis über ein modern interpretiertes Istanbul bis nach Anatolien führen. Darauf folgt ein ausführliches Glossar, in dem typische Zutaten erklärt werden — teilweise auch mit den türkischen Originalbezeichnungen. Besonders hilfreich sind die vorgeschlagenen Alternativen: Wenn bestimmte Produkte schwer erhältlich sind, werden praktikable Ersatzmöglichkeiten genannt (etwa Ricotta für Lor-Käse). Das erleichtert den Zugang erheblich, gerade für Leser*innen ohne spezialisierten Lebensmittelhandel in der Nähe. Zusätzlich enthält das Buch zwei Register: eines alphabetisch nach Rezepttiteln und eines nach Kategorien geordnet. Dadurch lassen sich Gerichte sowohl gezielt als auch thematisch erschließen. Abgeschlossen wird der Band durch kurze Informationen zum Team, eine Danksagung sowie das Impressum. Insgesamt zeigt sich damit ein sehr durchdachter Aufbau: Das Buch vermittelt nicht nur Rezepte, sondern bietet Hilfestellungen für Planung, Einkauf und Umsetzung und unterstützt Leser*innen dabei, die Küche auch im Alltag praktisch anzuwenden.

3. Zielgruppe

„Türkei vegetarisch“ richtet sich in erster Linie an Leser*innen, die sich für vegetarische oder überwiegend pflanzenbasierte Küche interessieren, ohne sich zwingend strikt vegan ernähren zu müssen. Viele Rezepte sind vegetarisch, zahlreiche vegan oder leicht veganisierbar, zugleich bleibt die Küche aber traditionell verankert und wird nicht als moderne Ernährungsform inszeniert. Gerade dadurch dürfte das Buch auch Menschen ansprechen, die sich bisher nicht gezielt mit vegetarischer Küche beschäftigt haben, aber neugierig auf neue Aromen und Esskulturen sind.

Durch die ausführlichen Erklärungen, das Glossar, die Alternativvorschläge für schwerer erhältliche Zutaten sowie die QR-Codes mit ergänzenden Videos ist das Buch ausdrücklich auch für Einsteiger*innen geeignet. Techniken werden nachvollziehbar vermittelt, Hemmschwellen — etwa beim Arbeiten mit Yufka-Teig, beim Rollen von Sarma oder beim Umgang mit Hülsenfrüchten — werden spürbar reduziert. Gleichzeitig bietet das Buch genügend Tiefe für erfahrenere Hobbyköch*innen. Wer sich bereits für die Küche des östlichen Mittelmeerraums interessiert oder häufiger für mehrere Personen kocht, findet hier besonders viel Inspiration, da die Rezepte stark auf das gemeinsame Essen und Kombinieren mehrerer Gerichte ausgerichtet sind. Weniger geeignet ist es dagegen für Leser*innen, die schnelle Einzelportionen oder streng strukturierte Tellergerichte suchen, da die Esslogik eher auf gemeinschaftliche Mahlzeiten als auf klassische Menüabfolgen zielt.

Auch Fans der Autoren selbst — etwa aus Kochkursen, Videos oder Veranstaltungen — werden das Buch schätzen, da es deren Vermittlungsstil gut überträgt: sympathisch, erklärend, persönlich und sehr zugänglich. Insgesamt richtet sich „Türkei vegetarisch“ damit an eine breite, aber klar umrissene Zielgruppe: neugierige Alltagsköch*innen, die gerne kochen, gemeinsam essen und bereit sind, sich auf eine andere Esskultur einzulassen.

4. Rezepte und Vielfalt

Das Buch enthält insgesamt 79 Rezepte, von denen 45 ausdrücklich als vegan oder veganisierbar gekennzeichnet sind. Damit richtet sich der Band nicht nur an Vegetarier*innen, sondern auch sehr deutlich an Veganer*innen. Tatsächlich ließen sich einige weitere Gerichte problemlos anpassen, etwa durch pflanzliche Joghurtalternativen, sodass der vegane Anteil faktisch noch höher ausfallen kann.

Inhaltlich ist die Bandbreite groß. Vertreten sind Suppen und Eintöpfe, Salate und Beilagen, Ofengemüse, Hülsenfruchtgerichte, Börek- und Teigspeisen, Street-Food-Klassiker, Reis- und Getreidegerichte sowie Desserts. Dazu kommen Gerichte mit Ei und zahlreiche Kombinationen aus Gemüse, Kräutern, Joghurt und Getreide. Insgesamt entsteht damit ein sehr vollständiges Bild der pflanzenbasierten türkischen Alltagsküche. Die Rezepte decken sowohl kleine Komponenten für eine gemeinsame Tafel als auch sättigende Speisen ab und lassen sich gut miteinander kombinieren. Viele bekannte Klassiker der türkischen Küche sind vertreten, werden aber teilweise leicht variiert oder modern interpretiert. Gleichzeitig bleibt der Charakter traditionell; es geht weniger um kreative Neuerfindung als um sorgfältige Weitergabe und behutsame Weiterentwicklung.

Erwähnt werden sollte allerdings, dass langjährige Leser*innen der Autoren einzelne Gerichte wiedererkennen werden. Zehn Rezepte stammen unverändert aus dem Buch „Bayram“, während einige weitere aus früheren Veröffentlichungen in überarbeiteter Form auftauchen. Das ist bei einer stark traditionsgebundenen Küche durchaus nachvollziehbar, sollte aber transparent gemacht werden. Wichtig ist dabei auch: Es handelt sich nicht um eine Neuauflage des früheren, inzwischen vergriffenen „Türkei vegetarisch“ aus der Brandstätter-Länderküchenreihe. Zwar überschneiden sich einzelne Klassiker naturgemäß dem Titel nach, die Rezepte wurden jedoch überwiegend neu ausgearbeitet. Und manche bereits bekannte Rezepte haben im Buch einen Mehrwert erhalten, indem sie z.B. das Rezept durch Fotoanleitungen ergänzen. 

Sehr passend dazu steht das Titelbild mit dem Granatapfel als Symbol: Von außen wirkt er wie eine einzelne Frucht, im Inneren verbirgt sich jedoch eine Vielzahl an Kernen. Ähnlich präsentiert das Buch eine Küche, die auf wenigen Grundzutaten basiert, daraus aber eine überraschend große Vielfalt an Gerichten entwickelt — und diesem Anspruch wird der Band insgesamt durchaus gerecht.

5. Schwierigkeitsgrad

Der Schwierigkeitsgrad des Buches ist insgesamt niedrig. Die meisten Rezepte arbeiten mit vertrauten Zutaten und klaren Arbeitsschritten; komplizierte Techniken oder aufwendige Küchenverfahren kommen kaum vor. Viele Gerichte bestehen im Kern aus Schneiden, Schmoren, Mischen oder einfachem Backen. Herausforderungen entstehen eher aus ungewohnten Handgriffen als aus tatsächlicher Komplexität. Eine Ausnahme kann für manche der Umgang mit Yufka-Teig darstellen, etwa beim Falten von Börek. Die Autoren sind sich dieser Hürde bewusst und begegnen ihr sehr konsequent: Schritt-für-Schritt-Fotostrecken im Buch sowie ergänzende Videos über die QR-Codes erklären die Techniken anschaulich. Gerade hier zeigt sich der große Vorteil des Konzepts — Zubereitungen lassen sich beliebig oft nachvollziehen, bis sie sicher gelingen.

Auch kleinere Details, die für das Gelingen entscheidend sind, werden gut vermittelt, etwa den Pilaw nach dem Garen nicht umzurühren oder Gemüse nur sanft schmoren zu lassen. Solche Feinheiten wirken zunächst ungewohnt, sind aber verständlich erklärt und schnell verinnerlicht. Insgesamt richtet sich das Buch damit ausdrücklich auch an Kochanfänger*innen. Wer bereit ist, sich auf neue Zutaten und Abläufe einzulassen, wird zuverlässig zum Ergebnis kommen. Für erfahrene Hobbyköch*innen bietet es weniger technische Herausforderung als vielmehr Erweiterung des eigenen Repertoires.

6. Fotografie und Design

Bildqualität

Die Fotografie von Rafik Halabi trägt entscheidend zur Wirkung des Buches bei. Die Gerichte sind überwiegend aus der Vogelperspektive aufgenommen, klar ausgeleuchtet und farblich sehr präsent, ohne künstlich zu wirken. Die Speisen stehen immer im Mittelpunkt; Requisiten werden sparsam eingesetzt und unterstützen die Szene lediglich, statt sie zu dominieren. Dadurch wirken die Aufnahmen appetitlich und gleichzeitig glaubwürdig — man erkennt das Gericht als real nachkochbar und nicht als reine Food-Styling-Inszenierung. Besonders gelungen ist, dass die natürliche Farbigkeit der türkischen Küche gut zur Geltung kommt: Kräutergrün, Paprikarot, Auberginentöne, Joghurtweiß und Goldbraun wirken frisch und lebendig, ohne überbearbeitet zu erscheinen. Neben den Foodfotos zeigen auch die Aufnahmen aus Einleitung und Umfeld — etwa von den Autoren selbst, von Märkten oder Reisen — eine angenehme Natürlichkeit. Sie schaffen Atmosphäre und vermitteln ein Gefühl für Herkunft und Kontext der Gerichte, ohne ins Folkloristische abzurutschen. Zusätzlich enthalten einige Rezepte Fotostrecken, die einzelne Arbeitsschritte dokumentieren. Diese sind klar fotografiert und gut nachvollziehbar, sodass auch handwerkliche Techniken verständlich werden.

Nutzung der Bilder

Die Bilder erfüllen im Buch nicht nur eine dekorative Funktion, sondern haben echten Nutzwert. Viele Rezepte werden durch Schritt-für-Schritt-Fotografien ergänzt, etwa beim Falten von Börek oder bei der Herstellung von Simit. Gerade bei ungewohnten Techniken reduziert das Hemmschwellen erheblich und erleichtert das Nachkochen. Auch die atmosphärischen Aufnahmen der Autoren, ihrer Mutter, ihrer Arbeit und ihrer kulinarischen Umgebung unterstützen das Konzept des Buches: Sie helfen, die Küche kulturell einzuordnen und vermitteln die persönliche Ebene, die im Einleitungsteil aufgebaut wird. Zusammen mit den ergänzenden QR-Codes entsteht eine ungewöhnlich gute Verzahnung aus Bild, Text und digitaler Erweiterung. Die Fotos erklären also nicht nur Gerichte — sie unterstützen aktiv den Lernprozess.

Layout

Das Layout von Julia Leissing ist besonders stimmig und prägt den Gesamteindruck des Buches stark. Schon das Cover mit seinem türkisfarbenen Grundton und dem Granatapfelmosaik setzt eine klare visuelle Idee: Die Gestaltung greift traditionelle Muster auf, interpretiert sie aber modern und ruhig. Dieses Motiv wird im Buchinneren wieder aufgegriffen — etwa auf Doppelseiten mit ornamentalen Elementen, die als visuelle Orientierung dienen. Die Farbwelt bewegt sich vor allem zwischen Türkis-, Blau- und Rottönen und passt sehr gut zur Bildsprache der Rezepte. Einschübe sind auf helltürkisem Hintergrund gedruckt und dadurch sofort erkennbar, ohne den Lesefluss zu stören. Insgesamt wirkt das Buch dadurch sehr strukturiert und zugleich lebendig. Text, Bild und Weißraum stehen in einem ausgewogenen Verhältnis. Die Seiten sind übersichtlich, nie überladen, und man findet sich schnell zurecht. Gestaltung und Inhalt unterstützen sich hier gegenseitig: Das Buch wirkt hochwertig, bleibt aber zugleich benutzbar — ein Kochbuch, das man gern anschaut, aber auch tatsächlich in der Küche liegen hat.

7. Sprache und Anleitungen

Die Sprache des Buches ist persönlich, klar und gut verständlich. Orkide und Orhan Tançgil schreiben nicht belehrend oder fachlich überladen, sondern so, wie sie offenbar auch in ihren Kochkursen erklären: ruhig, strukturiert und nachvollziehbar. Man merkt, dass hier Erfahrung im Vermitteln von Kochtechniken vorhanden ist. Die Texte bleiben nah an der Praxis und vermeiden unnötige Komplexität.

Die Rezeptanleitungen sind übersichtlich aufgebaut und Schritt für Schritt formuliert. Die Arbeitsschritte sind logisch aufeinander abgestimmt, sodass man beim Kochen nicht zwischen verschiedenen Abschnitten springen muss. Auch für weniger geübte Köch*innen bleibt der Ablauf jederzeit gut nachvollziehbar. Besonders hilfreich sind zusätzliche Hinweise innerhalb der Rezepte — etwa zu Konsistenzen, Garzuständen oder typischen Fehlerquellen. Dadurch entsteht nicht nur ein „Was tun?“, sondern auch ein „Warum so?“. Auffällig ist außerdem, dass wichtige kleine Details erklärt werden, die für das Gelingen entscheidend sein können, etwa Ruhezeiten, richtige Hitze oder der Umgang mit bestimmten Zutaten. Diese Hinweise wirken nie belehrend, sondern unterstützend und nehmen Unsicherheiten vorweg.

Größere Ungenauigkeiten oder Fehler bei Zutaten und Mengen sind nicht aufgefallen. Das sorgfältige Lektorat von Magdalena Burghardt macht sich hier positiv bemerkbar: Die Rezepte wirken durchgehend konsistent, verständlich und praxistauglich. Insgesamt unterstützt die Sprache sehr gut das Ziel des Buches: Es möchte nicht beeindrucken, sondern befähigen.

8. Besonderheiten

Eine der größten Stärken von „Türkei vegetarisch“ liegt darin, dass es nicht isoliert für sich steht. Das Buch bündelt sehr konsequent all das, wofür „KochDichTürkisch“ seit Jahren bekannt ist: Kochkurse, Blog, Videoanleitungen und persönliche Vermittlung. Die zahlreichen QR-Codes sind dabei weit mehr als ein Zusatzangebot. Sie führen zu weiterführenden Informationen, zusätzlichen Tipps, Rezepten und vor allem zu Videosequenzen, in denen Techniken direkt gezeigt werden. Dadurch entsteht eine ungewöhnlich enge Verzahnung von gedrucktem Buch und digitaler Kochschule. Gerade bei handwerklichen Arbeitsschritten — etwa beim Formen von Börek, beim Rollen von Sarma oder bei Teigarbeiten — wird der Vorteil deutlich: Man liest nicht nur eine Anleitung, sondern kann sie sich auch praktisch vorführen lassen. Das Buch wird damit zu einer Art Einstieg, während die Videos die Umsetzung begleiten. Zusammen bildet das ein Lernsystem, das Hemmschwellen abbaut und das Nachkochen deutlich erleichtert.

Hinzu kommt der stark kulturelle Zugang. Die Autoren beschränken sich nicht darauf, Rezepte zu präsentieren, sondern erklären Essgewohnheiten, Tischkultur und Hintergründe. Die Küche wird nicht exotisiert, sondern alltagsnah vermittelt. Dadurch versteht man viele Gerichte erst richtig — etwa warum mehrere Speisen gleichzeitig serviert werden, warum bestimmte Gerichte durchziehen müssen oder warum gemeinsames Essen eine so zentrale Rolle spielt. Bemerkenswert ist außerdem die Kombination aus persönlicher Nähe und praktischer Anleitung: Die biografische Einleitung schafft Vertrauen und Interesse, während die späteren Einschübe Wissen vermitteln. Das Buch wirkt dadurch gleichzeitig persönlich und lehrreich, ohne jemals belehrend zu sein. Insgesamt entsteht ein Kochbuch, das weniger als Sammlung einzelner Rezepte funktioniert, sondern eher als Einladung in eine Koch- und Esskultur — unterstützt durch Medien, die über das gedruckte Buch hinausreichen.

9. Preis-Leistungsverhältnis

Preis: 36 Euro

Damit bewegt sich „Türkei vegetarisch“ im mittleren bis leicht gehobenen Preissegment aktueller Kochbücher, der Gegenwert fällt jedoch überzeugend aus. Zum einen bietet das Buch rein materiell viel: eine hochwertige Gestaltung, ein sehr stimmiges Layout, klare Fotografie sowie zahlreiche Schritt-für-Schritt-Abbildungen. Es ist ein Buch, das man nicht nur benutzt, sondern auch gern durchblättert — schon optisch macht es Freude und weckt unmittelbar Lust, Gerichte auszuprobieren.

Hinzu kommt der inhaltliche Mehrwert. Die QR-Codes erweitern das Kochbuch um Videos, Zusatzinformationen und praktische Hilfestellungen. Dadurch erhält man gewissermaßen nicht nur ein Buch, sondern zugleich Zugang zu einem begleitenden Lernangebot. Selbst wenn langjährige Fans der Autoren einzelne Rezepte bereits kennen, entsteht durch diese Kombination aus Buch, Hintergrundwissen und digitaler Unterstützung ein klarer zusätzlicher Nutzen. Insgesamt wirkt der Preis deshalb angemessen. Für ein sorgfältig gestaltetes, umfangreiches und zugleich sehr benutzbares Kochbuch ist der Betrag gut gerechtfertigt.

10. Gesamteindruck und Empfehlung

„Türkei vegetarisch“ ist kein Kochbuch, das in erster Linie mit neuen, spektakulären Rezeptideen überzeugen möchte. Seine Stärke liegt vielmehr darin, eine Esskultur verständlich zu machen. Das Buch zeigt sehr überzeugend, dass die pflanzenbasierte türkische Küche keine moderne Anpassung an Ernährungstrends ist, sondern seit jeher Teil des Alltags war — und bis heute geblieben ist. Die persönliche Einleitung schafft dabei bewusst Nähe zu den Autoren und erklärt, warum ihnen diese Küche so wichtig ist. Danach übernimmt das Buch sehr konsequent die Rolle eines Begleiters in der Küche. Die Rezepte sind klar aufgebaut, gut nachvollziehbar und durch Fotostrecken sowie ergänzende Videos sinnvoll unterstützt. Gerade für Einsteigerinnen entsteht dadurch eine große Sicherheit beim Nachkochen, ohne dass erfahrene Hobbyköch*innen sich unterfordert fühlen.

Gleichzeitig sollte man das Buch richtig einordnen. Es ist kein klassisches Wochenkochbuch mit klar abgegrenzten Tellergerichten, sondern orientiert sich an der Sofra — dem gemeinsamen Essen mit mehreren Speisen. Viele Gerichte entfalten ihren eigentlichen Reiz erst im Zusammenspiel, weniger als einzelne Portion auf einem Teller. Wer schnelle Einzelgerichte oder streng komponierte Hauptgerichte erwartet, wird das Konzept zunächst vielleicht ungewohnt finden. Leser*innen, die bereits mehrere Bücher der Autoren besitzen, werden einzelne Rezepte wiedererkennen. Insbesondere einige Gerichte aus „Bayram“ wurden unverändert übernommen. Das schmälert die Qualität der Rezepte nicht. Gerade wenn man das berücksichtigt, wird aber auch deutlich, worin die eigentliche Stärke des Buches liegt: Es bündelt erstmals sehr zugänglich das Wissen, die Erfahrung und die Vermittlungsarbeit der Autoren. Durch die Verbindung aus Kochbuch, Schritt-für-Schritt-Fotos und digitalen Ergänzungen entsteht kein reines Rezeptbuch, sondern eine Art begleitete Einführung in diese Küche.

Wer bereit ist, sich auf diese Esslogik einzulassen und Freude am gemeinsamen Essen, Kombinieren und Vorbereiten mehrerer Speisen hat, bekommt hier ein äußerst stimmiges, praxistaugliches und liebevoll gestaltetes Kochbuch, in dem sichtbar viel Herzblut steckt und das den Einstieg besonders leicht macht — und genau darin liegt seine Qualität.

11. Bewertung

Gesamtbewertung: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄 (6 von 6 Löffeln)

Bewertung nach Kategorien:
– Inhalt und Konzept: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Zielgruppe: 🥄🥄🥄🥄🥄
– Rezepte und Vielfalt: 🥄🥄🥄🥄🥄
– Schwierigkeitsgrad:🥄🥄
– Fotografie und Design: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Sprache und Anleitungen: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Besonderheiten: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Preis-Leistungsverhältnis: 🥄🥄🥄🥄🥄

12. Nachgekocht

Gebratener Stangenbrokkoli mit Bohnen und Tahinijoghurt (S. 135)
Ein sehr köstlicher Salat und man sollte gar nicht meinen, dass die Kombination so gut harmoniert: aromatische Minigurken sorgen für Biss, Haselnüsse für den Crunch, weiße Bohnen für Cremigkeit, Petersilie und etwas Schnittlauch (hier Lauchzwiebelgrün) für Aroma und Zitronenabrieb für Frische. Dazu kommt ein köstlicher Tahinijoghurt mit etwas Knoblauch als Dressing und on top gebratener Stangenbrokkoli. Schwarzkümmel und Zitronenschale ergeben ein stimmiges Finish. Sehr lecker!
Allerdings reichen aus meiner Sicht wesentlich weniger Stangenbrokkoli als die 800g. Ich denke, das kann man gut halbieren – zumindest war hier die halbe Menge mehr als ausreichend (und eigentlich schon zu viel) und hätte sonst alles überlagert.
Knitterbörek im Rundblech mit Spinat und Käse (S. 162)
Ein ganz einfaches Rezept – der Spinat wird nach dem Waschen und Trocknen gesalzen, geknetet und anschließend ruhen gelassen, so dass er zusammenfällt. Anschließend wird alle Flüssigkeit gut ausgedrückt. Der Spinat wird dann mit Frühlingszwiebel, Dill und Käse vermischt. Für die Sauce werden Milch, stark prickelndes Mineralwasser, Olivenöl und Eier vermischt. Dann wird Yufkateig wie eine Ziehharmonika ins Rundblech gelegt, mit der Hälfte der Sauce übergossen, die Gemüse-Käsemischung kommt daraus und dann noch einmal eine Lage Yufka, der wiederum mit Sauce begossen wird. Und schon ist es fertig und muss nur noch gebacken werden. Das Ergebnis ist sehr köstlich und kann noch durch Chili-Honig oder einen Joghurt-Dip ergänzt werden.
Lila Reis mit Butterpistazien (S. 152)
Ein Hingucker auf jeder Tafel! Hierfür wird Rotkohl in reichlich Butter gedünstet. Dann darf Reis dazu und etwas Lammgewürz, Zitrone und Zucker. Wasser wird angegossen und dann darf der Reis im Rotkohl ganz ungestört quellen. Die Pistazien werden ebenfalls in Butter geschwenkt und dann mit Frühlingszwiebeln und Dill auf dem Reis drapiert. Auch eine tolle Entdeckung!
Kohlrabi-Cacik (S. 49)
Ein Cacik mit mehr Gemüse – neben der klassischen Gurke kommt hier sehr kleingewürfelter Kohlrabi mit in den Joghurt. Eine schöne, frische Alternative.
Fruchtiger Linsensalat mit Kreuzkümmeldressing (S. 80)
Ein Koch Dich Türkisch-Klassiker, schon erstmalig in ihrem Erstling „Sofralar“ veröffentlicht: ein toller Linsensalat, der wirklich gut zwischen süß und sauer ausbalanciert ist. Pikant, mit etwas Süße (durch die Möhre und die Weintrauben), Curry und der Kreuzkümmel-Note. Apfel und Zucchini passen auch prima dazu. Unbedingt probieren!
Frischer Frühlingssalat mit Freekeh (S. 132)
ist eine schöne Variante eines Bulgursalats und wunderbar frisch. Genau das Richtige für einen warmen Tag. Hier werden Freekeh und grober Bulgur zusammen gekocht und dann mit Olivenöl und Zitronenschale aromatisiert und geschmeidig gemacht. Dazu kommen frische Petersilie und Minze, Frühlingszwiebeln und Spitzpaprika sowie einfach nur Zitronensaft. Getoppt wird es mit Granatapfelkernen.
Kichererbsensalat mit Zitronen-Joghurt-Dressing (S. 143)
Ein frische Variante eines Kichererbsensalats mit Staudensellerie, Gurke und Tomaten sowie Minze und Petersilie. Das Dressing gibt noch einmal schöne Säure durch Zitronensaft und -abrieb sowie eine schöne Menge Sumach. Toll zum Grillen als Beilage oder zum Mitnehmen ins Büro – ist nämlich ganz fix gemacht!
Hübscher Roter Salat (S. 68)
Alles, was rot ist und gut schmeckt, kommt in diesen Salat – Rotkohl, Rote Bete, rote Spitzpaprika, Granatapfelkerne und rote Zwiebeln. Als Komplementärkontrast kommt dann die Farbe grün ins Spiel: entweder greift man zu einem Wildkräutersalat oder man nimmt Rucola. Das knallt nicht nur in den Augen, sondern auch auf der Zunge. Das Dressing besteht aus Olivenöl, Zitronensaft, Granatapfelsirup, Senf und Honig und bringt somit auch noch einmal viele Aromen an diesen wunderbaren Salat.
Cremige Blumenkohlsuppe mit geröstetem Halloumi und Kräuterpesto (S. 35)
Die Suppe habe ich am Abend vorgekocht – das ging wunderbar. Dafür wird Blumenkohl im Ofen mit einer aufgeschnittenen Knolle Knoblauch geröstet. Im Topf werden Zwiebeln angedünstet, dann kommt der aus der Schale gedrückte Knoblauch sowie Zitronenschalenabrieb dazu und gewürzt wird mit Kreuzkümmel, Baharat und Muskat. Alles gut köcheln lassen und am Ende mit einem Stich Butter und Zitronensaft abrunden und anschließend fein pürieren. Schon die einfache Suppe schmeckt hervorragend.
Vor dem Servieren wird sie dann noch veredelt mit einem Topping aus Koriander, Petersilie, grünen Oliven, Knoblauch, Zitronensaft und Olivenöl (für das Pesto) und gebratenen Halloumiwürfeln sowie etwas pul biber. Fantastisch-köstliche Suppe und durch den Halloumi auch recht sättigend. Schnell auf dem Tisch und wirklich einmal was ganz anderes in der Kombi!

Weitere Rezensionen zu „Türkei vegetarisch“ finden sich bei 
Susanne auf magertratzerl und bei Dorothee auf bushcook.

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