Nat Thaipun – THAI Anywhere and Everywhere

„THAI – Anywhere and Every-
where“
von Nat Thaipun,
englische Ausgabe, Hardie Grant, 2025.

Konzept in Kürze

„THAI – Anywhere and Everywhere“ ist kein klassisches Länderküchenkochbuch, das eine Sammlung bekannter Restaurantgerichte präsentiert. Nat Thaipun positioniert ihr Debüt bewusst als kulturelle Dokumentation über Essen — und das wird bereits in der Einleitung deutlich: Für sie ist Essen nicht Küche, sondern Beziehungssystem. Familie, Erinnerung, Migration und Identität sind die eigentliche Grundlage des Buches. Die Autorin beschreibt sehr offen ihre biografische Situation zwischen zwei Kulturen (außen australisch, innen thailändisch) und erklärt, warum sie dieses Buch schreibt: Viele traditionelle Gerichte werden in Thailand zunehmend nicht mehr weitergegeben, weil jüngere Generationen in Städte ziehen und das Alltagskochen verschwindet. Das Buch versteht sich daher ausdrücklich als Bewahrungsprojekt kulinarischen Wissens, nicht nur als Rezeptsammlung. Konsequent folgt daraus der Aufbau. Bevor überhaupt gekocht wird, führt das Buch zunächst in Denkweise und Esskultur ein:

  • „How to eat like a Thai“ erklärt das gemeinsame Essen als System aus Balance (scharf, sauer, salzig, süß, bitter, Textur und Temperatur).
  • „Regions of Thailand“ differenziert die Küche nach regionalen Aromaprofilen (z. B. fermentiert-säuerlich im Isaan, kokosbetont im Süden).
  • „How to tackle this cookbook“ ist fast ein Küchenmanifest: Mise en place, lautes Rezeptlesen, Atmosphäre, gemeinsames Essen — Kochen als Praxis, nicht als Anleitung.

Erst danach beginnt der Rezeptteil. Die Kapitelstruktur folgt dabei nicht westlichen Menülogiken, sondern Funktionsbereichen einer thailändischen Mahlzeit:

  • Kitchen Basics (Grundlagen, Pasten, Brühen, Würzbasis)
  • Layers of Flavour (Aromakomponenten und Dressings)
  • On the Grill
  • On the Side
  • From the Sea
  • Small Bites (Snacks & Streetfood)
  • Curries, Soups and Stews
  • Noodles and Rice
  • Something Sweet

Auffällig ist der enorme Umfang: Das alphabetische Register zeigt eine sehr große Rezeptmenge und vor allem eine breite Spannweite — von Currypasten, Dips und fermentierten Saucen über Salate und Grillgerichte bis zu Desserts und Getränken. Viele Gerichte sind keine international bekannten Restaurantklassiker, sondern Alltags- und Familienküche. Damit verfolgt das Buch ein klares Ziel: Es möchte Leser*innen nicht nur Thai-Gerichte nachkochen lassen, sondern ihnen ermöglichen, thailändisch zu kochen zu lernen — also eigenständig Geschmacksbalance zu entwickeln. Der Titel „Anywhere and Everywhere“ ist dabei programmatisch: Thai-Küche soll nicht reproduziert, sondern verstanden werden.

Rezepte und Vielfalt

Die Rezeptauswahl ist außergewöhnlich breit und wirkt eher wie eine kulinarische Landkarte als wie eine klassische Sammlung thailändischer Lieblingsgerichte. Nat Thaipun kombiniert sehr traditionelle Hausküche mit persönlichen Weiterentwicklungen und gelegentlichen Crossover-Ideen aus ihrer australischen Lebenswelt. Wer nach den typischen internationalen Restaurantklassikern sucht, wird teilweise überrascht: Ein klassisches Pad Thai findet sich beispielsweise nicht in der erwarteten Form, sondern als kreative Variante in einem Omelett wieder. Das zeigt bereits das Grundprinzip des Buches — es geht nicht um das Reproduzieren bekannter Tellerbilder, sondern um das Verständnis der Küche.

Besonders stark vertreten sind Grundlagen und Aromakomponenten: Currypasten, Würzsaucen, Dips, Brühen und fermentierte Zubereitungen nehmen viel Raum ein. Dadurch lernt man nicht nur einzelne Gerichte, sondern die Bausteine, aus denen sich eine thailändische Mahlzeit zusammensetzt. Gleichzeitig tauchen auch sehr persönliche Einflüsse auf: Durch ihr Leben in Australien finden sich unerwartete Zutaten und Rezepte, etwa mit Kängurufleisch, neben ausgesprochen traditionellen Gerichten. Die Authentizität bringt allerdings Konsequenzen mit sich. Einige Zutaten — etwa frische Betelblätter — werden in Deutschland nur schwer erhältlich sein. Hat man sich jedoch einmal einen Grundstock an typisch thailändischen Zutaten aufgebaut (Fischsauce, Tamarinde, Palmzucker, Kräuter, Chilipasten), lassen sich erstaunlich viele Rezepte problemlos umsetzen.

Inhaltlich spiegelt das Buch zudem realistisch die thailändische Alltagsküche wider: Die Gerichte sind überwiegend nicht vegetarisch, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Fleisch, ergänzt durch einen sehr hohen Anteil an Fisch und Meeresfrüchten. Gerade dadurch entsteht jedoch eine große Vielfalt an Zubereitungsarten — von Salaten über Grillgerichte, Suppen und Currys bis hin zu Snacks, Reis- und Nudelgerichten. Selbst die Dessertsektion ist für ein thailändisches Kochbuch ungewöhnlich umfangreich und ideenreich. Insgesamt bietet das Buch damit weniger eine Sammlung einzelner Lieblingsrezepte als vielmehr einen Werkzeugkasten, mit dem sich die Küche langfristig erschließen lässt — und genau darin liegt sein besonderer Reiz.

Gestaltung und Sprache

„THAI – Anywhere and Everywhere“ ist ganz klar als Autorenbuch angelegt — fast als One-Woman-Show. Nat Thaipun ist nicht nur Köchin und Rezeptgeberin, sondern die zentrale Figur des gesamten Buches. Sie ist auf vielen Bildern präsent: jung, tätowiert, mit Nasenring, Boots und punkigem Stil. Diese starke visuelle Präsenz wirkt keineswegs eitel, sondern konsequent — das Buch erzählt genauso sehr ihre Geschichte wie die der Küche. Dementsprechend persönlich ist auch die Sprache. Die Autorin schreibt sehr direkt und unverstellt, fast wie in einem Gespräch, dabei aber jederzeit respektvoll gegenüber den Leser*innen. Vieles liest sich wie eine Selbstverortung zwischen Kulturen und Generationen. Diese Lockerheit betrifft jedoch nur die erzählerischen Passagen — die Rezepte selbst sind präzise formuliert, klar strukturiert und gut nachvollziehbar.

Das Layout unterstützt das Kochen spürbar: Zutaten und Zubereitung sind übersichtlich getrennt, Arbeitsschritte logisch aufgebaut und häufig mit Hinweisen zur Reihenfolge oder kleinen Tipps ergänzt. Fast jedes Rezept wird zudem kurz eingeführt, sodass man nicht nur weiß wie, sondern auch warum ein Gericht zubereitet wird.MFotografisch profitiert das Buch deutlich vom Vorwortschreiber Jamie Oliver, der nach ihrem Sieg bei “Masterchef Australia“ das Projekt unterstützte und den renommierten Foodfotografen David Loftus für die Aufnahmen gewann. Die Foodfotografie ist hochwertig, die Porträts wirken lebendig und sympathisch. Über den Bildern liegt ein leicht warmer, fast retroartiger Farbfilter, der den Aufnahmen Atmosphäre verleiht, ohne die Speisen unnatürlich erscheinen zu lassen.

Gestalterisch überzeugt das Buch insgesamt durch Klarheit und Modernität. Klare Farben, großzügige Seiten und eine gute Lesbarkeit prägen das Layout. Besonders schön ist, dass die Rezepttitel zusätzlich handschriftlich in thailändischer Schrift wiedergegeben werden — ein kleines Detail, das den persönlichen Charakter des Buches noch verstärkt.

Fazit

„THAI – Anywhere and Everywhere“ ist kein Einsteiger-Thai-Kochbuch und auch kein klassisches Nachkochbuch für schnelle Alltagsgerichte. Wer vor allem bekannte Restaurantklassiker erwartet, wird hier nicht unbedingt fündig. Stattdessen versteht Nat Thaipun Poon ihr Debüt als persönliches Projekt: Sie möchte nicht nur Rezepte weitergeben, sondern erklären, wie thailändisches Essen gedacht, kombiniert und gemeinsam gegessen wird. Gerade dadurch wirkt das Buch ungewöhnlich tiefgehend. Viele Gerichte setzen eine gewisse Bereitschaft voraus, sich auf neue Zutaten, Grundlagen und Arbeitsschritte einzulassen. Nicht alles wird sich in Deutschland sofort und problemlos umsetzen lassen — doch erstaunlich vieles funktioniert, sobald man sich einmal eine kleine Basis an thailändischen Zutaten aufgebaut hat. Gleichzeitig bringt die Autorin durch ihr Leben in Australien immer wieder Crossover-Elemente ein, bei denen sich thailändische Tradition mit anglo-australischen Einflüssen verbindet.

Die große Stärke liegt deshalb weniger im einzelnen Rezept als im Gesamtverständnis: Das Buch vermittelt Prinzipien, Geschmacksbalance und Küchendenken. Wer sich ernsthaft mit der thailändischen Küche beschäftigen möchte, bekommt hier kein Best-of, sondern eine Art kulinarische Einführung in ein ganzes System. Damit ist es kein bequemes Kochbuch — aber ein sehr lohnendes. Und vor allem eines, das lange relevant bleibt, weil man aus ihm nicht nur kocht, sondern lernt.

Bewertung:  🥄🥄🥄🥄🥄 (5 von 6 Löffeln)

Hinterlasse einen Kommentar