Sami Tamimi – Boustany

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1. Eckdaten

Titel: „Boustany – Vegane und vegetarische Rezepte aus Palästina“

Autor: Sami Tamimi

Verlag: DK Verlag (hier engl. Ausgabe Ebury Press)

Erscheinungsjahr: 2025

2.  Inhalt und Konzept

• Beschreibung des Konzepts

„Boustany“ bedeutet „mein Garten“ – und genau wie ein Garten ist dieses Buch wild, verwurzelt, lebendig und zutiefst persönlich. Sami Tamimi nimmt uns mit auf eine kulinarische Reise durch Palästina, aber auch durch seine Erinnerungen, seine Herkunft, seine Heimatgefühle. Es ist kein Buch, das laut schreit. Es spricht leise – aber eindringlich.

Die Rezepte sind rein pflanzenbasiert – ein Fest für Gemüse, Kräuter, Hülsenfrüchte, Getreide und eingelegte Köstlichkeiten. Es geht nicht um vegane Ersatzprodukte, sondern um das, was Tamimi aus seiner Heimat kennt: Gerichte, die ohne Fleisch auskommen, weil sie von sich aus vollkommen sind.

Ob Mezze, Suppen, Eintöpfe, Brot oder Süßes – „Boustany“ versammelt mehr als 100 Rezepte, die sich zwischen Alltagstauglichkeit und feierlicher Gastlichkeit bewegen. Manche sind schlicht, andere aufwändig, viele voller Aromen, Gewürze und Texturen. Immer aber erzählen sie Geschichten.

• Besonderheiten des Buches

Was dieses Buch besonders macht, ist sein doppelter Blick: Es ist eine Liebeserklärung an palästinensisches Essen – aber eben auch ein bewusstes politisches Statement. In Interviews betont Tamimi, dass das Kochen und Teilen dieser Gerichte ein Akt der kulturellen Selbstbehauptung ist. Besonders in einer Zeit, in der palästinensische Identität oft unsichtbar gemacht wird.

„Boustany“ entstand während der Pandemie in Umbrien, wo Tamimi lebt. Es ist ruhiger, persönlicher als „Palästina“, sein vorheriges Werk (das in Kooperation mit Tara Wigley entstanden ist und ebenfalls großartig ist). Gerade deshalb ist es so eindrucksvoll.
Was dieses Buch auszeichnet, ist seine Vielschichtigkeit. Es ist ein persönliches Dokument, das tief in Tamimis Kindheit und Familiengeschichte eintaucht – besonders in die Erinnerungen an seine Großeltern und deren Garten in Hebron. Es ist ein kulturelles Zeugnis, das die Vielfalt und Tiefe der palästinensischen Küche sichtbar macht und es ist ein politisches Statement, das die Realität palästinensischen Lebens nicht ausspart, sondern einbettet – respektvoll, ruhig, aber klar und nicht zuletzt ein sehr schön aufgemachtes Buch, das mit berührenden Texten und atmosphärischer Fotografie eine eigene Welt aufspannt.

Tamimi geht es nicht darum, sich an einem festgelegten Kanon palästinensischer Klassiker abzuarbeiten – sondern darum, Gerichte weiterzuerzählen, neu zu interpretieren und dabei doch ihrer Herkunft treu zu bleiben. Diese Balance zwischen Innovation und Identität gelingt ihm beeindruckend.

• Struktur des Buches

„Boustany“ ist klar und übersichtlich gegliedert – dabei aber mit viel Gefühl für den Rhythmus des Alltags und die unterschiedlichen Momente des Essens. Das Buch umfasst neun große Kapitel:

Die Vorratskammer – Pickles, Gewürzmischungen, Joghurt, Saucen & fermentierte Grundzutaten

Frühstück und Brunch – Frühstücksgerichte, herzhafte Eierspeisen, Gebäck

Kleine Gerichte, Dips und Saucen – Mezze, Aufstriche, Dips, kleine Happen

Salate – Frische und oft sehr farbenfrohe Salatkreationen

Suppen – Wärmende, bodenständige, aber auch raffinierte Suppen

Unter der Woche – Alltagstaugliche Hauptgerichte mit Gemüse, Hülsenfrüchten & Getreide

Für Gäste & Feste – Größere, festlichere Gerichte zum Teilen

Brot – Fladen, Hefebrote, Brötchen und mehr

Süßspeisen – Desserts, Kuchen, Süßspeisen mit orientalischem Touch

Ergänzt wird das Ganze durch atmosphärisch geschriebene Kapiteltexte und persönliche Einleitungen zu den einzelnen Rezepten – oft verbunden mit Anekdoten, Erinnerungen oder Reflexionen. Das ergibt einen harmonischen Wechsel zwischen Erzählung und Küche, zwischen Erinnerung und Anleitung. Am Ende steht ein umfangreiches Glossar, einen Rezeptindex und ein persönlicher Abschnitt über den Autor.
Nun aber ins Detail: 

Vorratskammer (Mooneh)
In der palästinensischen Küche ist die Mooneh weit mehr als ein Vorratsschrank – sie ist ein Ausdruck von Tradition, Achtsamkeit und Gemeinschaft. Sami Tamimi beschreibt diesen Begriff als Herzstück der kulinarischen Kultur, das weit über praktische Vorratshaltung hinausgeht. Es geht darum, saisonale Fülle zu bewahren: Gemüse wird eingelegt, Kräuter werden getrocknet, Nüsse geröstet, Joghurt zu Labneh abgetropft.

Diese Vorratsrezepte sind ein Stück gelebtes Gedächtnis. Sie sorgen dafür, dass Aromen und Zutaten das ganze Jahr über verfügbar bleiben – auch dann, wenn ihre Saison vorbei ist. Gleichzeitig spiegeln sie eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Rhythmen des Landes wider. Für Tamimi ist das Zubereiten von Pickles, Saucen und Gewürzmischungen auch eine meditative Tätigkeit, ein Akt des Bewahrens und der Weitergabe. Im Kapitel finden sich z.B. Rezepte für Eingelegtes und Fermentiertes, wie z.B. eingelegte Mini-Auberginen oder frisch eingelegten Za’atar mit Chili und Zitrone, klassische Saucen und Würzmittel wie  Paprikamark (scharf oder mild), Tahini-Sesamsauce, Zwiebeln mit Sumach oder geröstete Nüsse und Samen sowie Gewürzmischungen (Dukkah aus Gaza, süßes und klassisches Baharat).

Frühstück & Brunch
Ein palästinensisches Frühstück ist viel mehr als nur eine Mahlzeit – es ist ein Fest der Gemeinschaft. Familie und Freunde kommen an einem reich gedeckten Tisch zusammen, auf dem herzhafte Gerichte die Hauptrolle spielen: warmes Khobez (Fladenbrot), Olivenöl mit Za’atar, cremiger Labneh, Hummus, eingelegte Oliven und frisches Gemüse. Dazu gibt es süßen Minz- oder Salbeitee – und immer ein Gefühl von Verbundenheit und Ruhe, mit dem der Tag beginnen darf.

Tamimi beschreibt diese Mahlzeit als ein Ritual des Teilens, in dem sich Aromen, Erinnerungen und Gastfreundschaft verbinden. Und er betont, dass viele dieser Gerichte genauso gut zu Mittag oder am Abend schmecken – denn die palästinensische Küche kennt keine starren Uhrzeiten, sondern lebt von Flexibilität und Genuss im richtigen Moment.
Neun Rezepte gibt es in diesem Kapitel, darunter:

1. Gazan broad bean falafel – Falafel aus dicken Bohnen nach Art aus Gaza
Diese Variante kommt ganz ohne Kichererbsen aus – stattdessen bilden getrocknete, geschälte Ackerbohnen die Basis. Sie werden mit Petersilie, Koriander, Knoblauch und Gewürzen zu einer tiefgrünen, knusprigen Köstlichkeit verarbeitet. Besonders: Tamimi greift damit auf eine regionale Spezialität zurück, die in Gaza sehr verbreitet ist und geschmacklich wunderbar nussig und kräftig ist.

2. Cardamom pancakes with tahini, halva & carob – Kardamom-Pfannkuchen mit Tahini, Halva & Johannisbrot
Ein Frühstück für besondere Tage: fluffige Pancakes mit Kardamomduft, dazu Tahini, süßes Halva und Sirup aus Johannisbrot – eine wunderbar orientalisch inspirierte Kombination, die Wärme und Tiefe mitbringt.

3. Courgette & leek ijeh (Arabic frittata) – Ijeh mit Zucchini & Lauch
Diese „arabische Frittata“ ist ein rustikales, vegetarisches Gericht aus Eiern, Gemüse und Kräutern. Sie wird in der Pfanne gebacken und schmeckt sowohl warm als auch kalt hervorragend – ideal für einen gemütlichen Brunch oder als Bestandteil eines Mezze-Tellers.

4. Scrambled egg & burnt chilli cherry tomato toast – Rührei & gerösteter Chili-Kirschtomaten-Toast
Hier trifft Rührei auf aromatisch angeröstete Kirschtomaten mit einem Hauch Chili serviert auf getoastetem Sauerteigbrot – simpel, aber mit Tiefe. Perfekt für alle, die morgens gerne würzig starten.

Kleine Gerichte, Dips & Saucen
In der palästinensischen Gastfreundschaft gilt ein Prinzip ohne Ausnahme: Wer zu Besuch kommt, soll sich willkommen fühlen – mit gutem Essen, Herzlichkeit und Großzügigkeit. Kleine, liebevoll zubereitete Gerichte stehen dabei im Mittelpunkt. Sie sind mehr als nur Mezze – sie symbolisieren Nähe, Verbindung, Teilen.
Sami Tamimi betont: Es geht nicht darum, wie aufwendig ein Gericht ist, sondern wie es serviert wird – als Teil eines bunten, aromatischen Mosaiks aus Geschmack, Textur und Temperatur. Viele dieser Speisen sind einfach in der Zubereitung, oft aus Vorratszutaten gemacht, aber raffiniert im Zusammenspiel. Ein solcher Teller mit Oliven, fermentierten Gemüsen, Salaten, Joghurtdips und aromatischem Öl bringt all das zusammen, wofür palästinensische Küche steht: Wärme, Vielfalt und Sinn für Gemeinschaft.
12 Rezepte finden sich hier – exemplarisch vorgestellt nun vier: 

1. Green kishk (fermentierter Joghurt mit Bulgur)
Eine ungewöhnliche, aber traditionelle Spezialität, die sich durch Säure, Tiefe und Textur auszeichnet. Der Kishk wird mit getrockneten Kräutern versetzt und kann als Dip, Brotaufstrich oder Beilage serviert werden. Tamimi verleiht dieser uralten Fermentationspraxis neue Leichtigkeit.

2. Crushed butter beans with orange, makdous & mint (Mus aus weißen Bohnen mit Orange, Makdous & Minze)
Ein Paradebeispiel für Balance auf dem Teller: cremige weiße Bohnen, fruchtige Orangenzesten, herzhafte eingelegte Auberginen (Makdous) und frische Minze. Die Aromen schaukeln sich gegenseitig hoch – ein ideales Element auf einem großen Mezze-Teller.

3. Smoky chickpeas with coriander tahini (Geräucherte Kichererbsen mit Koriander-Tahini)
Hier trifft Rauchigkeit auf Cremigkeit: mit geräucherter Paprika aromatisierte und geröstete Kichererbsen werden mit einer frischen Koriander-Tahini-Sauce kombiniert – perfekt zu Fladenbrot, aber auch als Bestandteil eines Brunchs geeignet.

4. Braised chard with crispy onions & sumac (Gedünsteter Mangold mit knusprigen Zwiebeln & Sumach)
Gedünsteter Mangold bekommt durch knusprig frittierte Zwiebeln und die säuerlich-würzige Note von Sumach ein ganz neues Leben eingehaucht – ein warmes Gericht mit Textur und Tiefe, das auf keiner Tafel der kleinen Speisen fehlen sollte.

Salate
In Palästina ist ein Salat nie nur eine Beilage. Er ist Teil des Ganzen – zentral auf dem Tisch, geschmacklich wie visuell. Mal puristisch, mal opulent. Für Sami Tamimi sind Salate ein Spiegel palästinensischer Esskultur: vielfältig, aromatisch, oft improvisiert – und vor allem: gemeinschaftsstiftend. Traditionell werden zu vielen warmen Gerichten wie Mujaddara oder Fattet Adas einfache, gehackte Salate gereicht – knackig, säuerlich, frisch. Doch Tamimi rückt die Gemüsegerichte selbst ins Rampenlicht: In diesem Kapitel feiern Salate ihren Auftritt als Hauptdarsteller – als kunstvoll komponierte Teller voller Aromen und Kontraste.
Ob Rohkost oder geröstetes Gemüse, ob samtige Joghurtsaucen, süßliche Noten von Granatapfel oder Kräuter aus dem Garten – jedes Gericht ist ein kleines, selbstständiges Fest. Und ja: Auch der klassische Fattoush hat hier seinen Platz, allerdings spontan aus dem Kühlschrankvorrat gemacht, denn auch Spontanität ist Teil dieser Küche. 
14 Salat-Rezepte präsentiert das Kapitel, hier eine Auswahl: 

1. Roasted aubergine with tomato, pomegranate & herbs (Geröstete Aubergine mit Tomate, Granatapfel & Kräutern)
Ein Paradebeispiel für die Verbindung von Röstaromen, Fruchtigkeit und Frische: Aubergine trifft auf frische Tomaten, Granatapfelkerne und grüne Kräuter. Die Texturen kontrastieren wunderbar – weich, saftig, knackig – und ergeben ein Gericht, das sowohl als Vorspeise als auch als Mittelpunkt einer Mahlzeit bestehen kann.

2. Fridge-raid fattoush (Spontaner Fattoush aus dem Kühlschrank)
Charmant benannt, aber kein Notbehelf: Diese improvisierte Version des Brotsalats macht deutlich, dass Fattoush keine exakten Regeln braucht – nur gutes Fladenbrot, etwas Säure, Kräuter und alles, was das Gemüsefach hergibt. Typisch Tamimi: aus dem Spontanen etwas mit Tiefe schaffen.

3. Cucumber & feta yoghurt with dill, almonds & rose (Gurken-Feta-Joghurt mit Dill, Mandeln & Rosenaroma)
Ein kühler, cremiger Salat mit Crunch: Der würzige Feta-Joghurt wird durch Gurken und frische Kräuter ergänzt – und durch Mandeln sowie Rosenblätter zu einem echten Highlight. Elegant, floral, orientalisch.

4. Turmeric cauliflower & chickpeas with lemon yoghurt (Kurkuma-Blumenkohl & Kichererbsen mit Zitronenjoghurt)
Ein sättigender Salat mit goldener Farbe und viel Substanz: gerösteter Blumenkohl mit Kurkuma, cremige Kichererbsen, dazu ein säuerlich-frischer Zitronenjoghurt – simpel in der Zubereitung, groß im Geschmack.

Suppen
Für Sami Tamimi sind Suppen Seelennahrung. In der Einleitung zu diesem Kapitel beschreibt er sie als das ultimative Trostessen – egal ob samtig und fein, grob und rustikal oder klar und einfach. Besonders eine Schale Linsensuppe steht für ihn bis heute als kulinarisches Heilmittel in schweren Zeiten. In der palästinensischen Küche sind Suppen reich, nahrhaft und vielseitig. Sie strotzen nur so vor Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchten – und haben oft eine lange Familientradition. Tamimi hat viele davon über die Jahre gekocht und gegessen, die Auswahl fiel ihm schwer. Am Ende versammelt dieses Kapitel eine Auswahl aus Klassikern und neuen Ideen – mal vertraut, mal überraschend, aber immer wohltuend.
Suppen sind hier nicht nur Vorspeise, sondern vollwertiger Teil der Mahlzeit – ein Symbol für Heimat, für Fürsorge und das langsame Kochen in großen Töpfen.
Neun Rezepte bietet das Kapitel, hier vier davon kurz vorgestellt: 

1. Red lentil, dried mint & lemon soup (Rote-Linsen-Suppe mit getrockneter Minze & Zitrone)
Ein Klassiker der Levante-Küche, hier mit besonderem Twist: Die getrocknete Minze bringt aromatische Frische, viel frische Zitrone hellt die Suppe auf – ideal für graue Tage oder wenn die Seele etwas Wärme braucht. Einfach, sättigend und sehr aromatisch.

2. Jerusalemite-Armenian yoghurt soup (Joghurt-Suppe nach Jerusalemer-armenischer Art)
Diese cremige, säuerlich-frische Suppe basiert auf Joghurt und wird mit Couscous serviert. Sie verbindet die kulinarischen Einflüsse Armeniens mit denen Jerusalems – ein echtes Hybridgericht mit Geschichte.

3. Bulgur wheat dumpling & lentil soup (Linsen-Bulgurklößchen-Suppe)
Diese herzhafte Suppe vereint zwei Grundzutaten der palästinensischen Küche: Linsen und Bulgur. Letzterer wird zu kleinen Klößchen geformt und in der Suppe gegart – ein Gericht, das sättigt, wärmt und wunderbar rustikal ist.

4.Lemony spinach soup with za’atar breadcrumbs (Zitronige Spinatsuppe mit Za’atar-Bröseln)
Frisch, grün und aromatisch: Die Spinatsuppe wird durch einen ordentlichen Schuss Zitrone belebt – und durch knusprige Brösel mit Za’atar zum Texturwunder. Eine moderne Interpretation der klassischen grünen Gemüsesuppe.

Unter der Woche
Auch wenn Sami Tamimi sein Leben dem Kochen gewidmet hat, bleibt der Alltag nicht verschont von der einen großen Frage: „Was koche ich heute?“ Wie viele von uns entscheidet er oft spontan – inspiriert vom Markt, vom Kühlschrank oder einfach von der Stimmung. Für ihn zählt: Es muss unkompliziert sein, gut schmecken und am besten auch noch saisonal passen. Dieses Kapitel versammelt Gerichte, die genau das leisten sollen: wohltuend, einfach und alltagstauglich. Manche Rezepte sind echte Last-Minute-Retter, andere lassen sich gut vorbereiten oder auf Vorrat kochen. Und obwohl sie unkompliziert sind, haben sie alles, was Tamimis Küche ausmacht: Geschmackstiefe, interessante Texturen und eine Prise Kreativität. Von den elf Rezepten des Kapitels wieder vier exemplarisch kurz vorgestellt: 

1. Mejadra with two kinds of lentils (Mejadra mit zwei Linsensorten)
Ein Klassiker der levantinischen Küche, bei dem Linsen und Reis mit gebratenen Zwiebeln und Gewürzen wie Kreuzkümmel, Piment und Zimt kombiniert werden. In Tamimis Version kommen gleich zwei Linsensorten zum Einsatz, grüne und rote  – für noch mehr Tiefe und Textur. Wärmend, sättigend, aromatisch – echtes Comfort Food.

2. Aubergine & chickpeas with green lemon sauce (Auberginen & Kichererbsen mit grüner Zitronensauce)
Ein frisches, zitronig-kräuteriges Gericht, das durch eine intensive grüne Sauce (mit Kräutern, Zitrone, Chili und Knoblauch) an Tiefe gewinnt. Die Kombination von samtiger Aubergine und nussigen Kichererbsen ist perfekt abgestimmt – ideal als leichtes Hauptgericht.

3. Palestinian egg & chips (Palästinensisches Ei mit Pommes frites)
Ein charmantes, augenzwinkerndes Alltagsgericht: knusprige Kartoffelspalten, mit Zwiebeln gebraten, über die die Eier gegeben werden, dazu etwas Sumach, frischer Oregano und frische Petersilie. Ein Beweis, dass auch einfache Gerichte mit einem palästinensischen Twist besonders sein können.

4. Celeriac & tomato bake (Überbackener Sellerie mit Tomaten)
Ein einfaches, erdiges Ofengericht mit überraschender Eleganz: Selleriescheiben werden gewürzt und gebacken und danach mit einer Tomatensauce und einer Ziegenkäse-Frühlingszwiebel-Eiermasse überbacken. Die natürliche Süße des Selleries verbindet sich wunderbar mit der fruchtigen Säure der Tomaten – ein Ofengericht ohne Schnickschnack, aber voller Geschmack.

Für Gäste & Feste
Palästinensische Küche ist geprägt von Vielfalt, Tiefe und einem tiefen Respekt vor den Zutaten, der Natur und der Gemeinschaft, so Tamimi. In diesem Kapitel geht es um die Gerichte, die Zeit, Hingabe und Planung brauchen – genau jene Speisen, die früher an Feiertagen oder zu besonderen Anlässen aufgetischt wurden, heute aber auch als Statement für bewusste Gastfreundschaft stehen.
Sami Tamimi verortet diese Rezepte mitten im kulturellen Gedächtnis Palästinas: langsame Schmorgerichte, gefülltes Gemüse, aufwendige Pasteten oder knusprige Makali (Frittiertes) – alles Gerichte, die generationsübergreifend weitergegeben wurden. Manche Speisen in diesem Kapitel lassen sich gut vorbereiten, andere erfordern Arbeit auf den Punkt. Was sie alle verbindet: Sie laden zum Teilen ein – und sie erzählen Geschichten von Erinnerung, Ritual und Gemeinschaft.
Hier erwarten die Leser*innen elf Rezepte, einige Beispiele: 

1. Lentil fatteh (Fatteh mit Linsen)
Fatteh ist eine geschichtete Spezialität aus Brot, Joghurt und oft Hülsenfrüchten – hier mit Linsen, aber ohne Joghurt. Tamimis Version ist warm, cremig, knusprig und würzig zugleich. Sie kombiniert Reste-Ethos mit Festtagstauglichkeit – und schmeckt auch solo hervorragend.

2. Sweet potato kubbeh with chilli salsa (Süßkartoffel-Kubbeh mit Chilisalsa)
Eine moderne Interpretation der klassischen Bulgur-Kubbeh: Hier kommt Süßkartoffel in die Hülle und bringt eine weiche, leicht süßliche Note ein. Gefüllt oder pur serviert – mit der scharfen Salsa wird daraus ein echtes Highlight für Gäste.

3. Ouzi filo parcels (Ouzi-Filo-Päckchen (gefüllte Teigtaschen))
Ouzi sind festliche Reispäckchen, traditionell in Teig gehüllt. Tamimi nutzt hauchdünnen Filo-Teig, der beim Essen knuspert, während sich innen eine aromatische Füllung aus Reis, Nüssen und Gewürzen (u.a. Zimt, Kardamom und Nelke) verbirgt. Elegant, sättigend und absolut festlich.

4. Roasted aubergine fatteh (Fatteh mit gerösteter Aubergine)
Ein aromatisches Löffelgericht: geröstete Auberginen, Joghurt-Tahinisauce, Tomatensauce und Brotchips werden geschichtet und mit Mandeln, Petersilie, Chili und Granatapfelkernen getoppt. Dieses Gericht lebt vom Kontrast – weich & knusprig, heiß & kühl, säuerlich & süß – ein perfekter Fusionsmoment.

Brot
Brot ist in der palästinensischen Kultur weit mehr als eine Beilage, sagt Tamimi – es ist Symbol für Gemeinschaft, Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Kein Tisch kommt ohne Brot aus, und das Teilen eines Laibs ist ein stilles Zeichen des Willkommens. Vom Frühstück bis zum Abendessen, zum Dippen, Schaufeln oder Umhüllen – Brot ist stets dabei.
In diesem Kapitel würdigt Sami Tamimi die beeindruckende Vielfalt palästinensischer Brotkultur: Taboon, Khubez, Pita, Manakish, Markook, Fatayer und Kemaj – um nur einige zu nennen. Dabei liegt sein Fokus nicht nur auf klassischen Fladenbroten, sondern auch auf den sogenannten moajanat – herzhaft oder süß gefüllten Teigwaren, die in unterschiedlichsten Formen auf den Tisch kommen.
Einige Brote sind alltagstauglich, andere festlich. Manche erinnern an Streetfood, andere wirken fast wie orientalisches Gebäck. Was sie alle gemeinsam haben: Sie sind Ausdruck regionaler Identität, handwerklicher Tradition und unglaublicher Wandlungsfähigkeit.
Von den zehn Rezepten hier vier kurz vorgestellt: 

1. Jerusalem sesame bread nests (Sesam-Brotnester aus Jerusalem)
Diese kleinen, gerollten Brote sind mit schwarzem und weißem Sesam bestreut und haben eine auffällige Kranzform. Außen knusprig, innen weich und in der Mitte liegt ein Ei, das im Ofen mitgebacken wird –  ein typisches Straßenbrot aus Jerusalem, das sowohl pur als auch mit Dips wunderbar schmeckt.

2. Fenugreek & onion buns (Brötchen mit Bockshornklee & Zwiebeln)
Herzhaft, aromatisch, etwas süßlich durch die langsam geschmorten Zwiebeln – diese weichen, aufgerollten Brötchen, die optisch an Zimtschnecken erinnern,  sind eine wunderbare Beilage oder auch Snack für unterwegs. Der Bockshornklee verleiht ihnen eine überraschend tiefe Würze.

3. Za’atar & anise crackers (Knuspercracker mit Za’atar & Anis)
Diese hauchdünnen Cracker sind perfekt als Begleitung zu Labneh, Hummus oder einfach zum Knabbern. Der Mix aus herbem Za’atar, scharfer Chili und süßlich-würzigem Anis ist ungewöhnlich, aber sehr harmonisch.

4. Egg, onion & feta open pie (Offene Tarte mit Ei, Zwiebeln & Feta)
Eine herzhafte Pastete ohne Deckel, optisch einer Pizza ähnlich, aber reich gefüllt mit Ei, karamellisierten Zwiebeln, Zucchini, Frühlingszwiebeln und salzigem Feta. Ideal für Brunch, Picknick oder als Beilage – und ein weiteres Beispiel dafür, wie vielseitig Brotgebäck in der palästinensischen Küche sein kann.

Süßspeisen
Für Palästinenser*innen ist Süßes kein reines Dessert – es begleitet den ganzen Tag. Ob zum Frühstück, zur Teezeit oder als festlicher Abschluss: Süßspeisen sind fest in der Alltagskultur verankert.
Sami Tamimi erinnert sich an Knafeh, Kekse, Baklava – Gerüche und Aromen, die seine Kindheit prägten. In diesem Kapitel lässt er diese Erinnerungen aufleben: mit traditionellen Zutaten wie Rosenwasser, Orangenblüte, Mastix, Kardamom, Datteln, Sesam und Nüssen – aromatisch, kraftvoll, voller Geschichte.
Wie immer verbindet er dabei Bodenständigkeit mit Eleganz: Manche Rezepte sind unkompliziert und schnell gemacht, andere verlangen etwas mehr Aufwand. Doch jedes einzelne erzählt vom reichen süßen Erbe der palästinensischen Küche – und von der Freude am Teilen.
14 Rezepte umfasst dieses Kapitel, zum Beispiel: 

1. Pan-baked tahini, halva & coffee brownie (Brownie mit Tahini, Halva & Kaffee)
Ein echtes Highlight für Süßmäuler mit Hang zu Tiefe: Nussig, schokoladig, leicht bitter, mit viel Umami durch das Tahini und die erdige Süße des Halva – einfach und herrlich aromatisch.

2. Sumac roast plums with cardamom cream & pistachio (Mit Sumach geröstete Pflaumen mit Kardamomcreme & Pistazien)
Säuerlich, cremig, nussig: Dieses Dessert verbindet Textur mit Charakter. Die Pflaumen werden gewürzt im Ofen geröstet, bis sie karamellisieren, dann trifft ihre Fruchtigkeit auf die elegante Würze von Kardamom und den feinen Crunch von karamellisierten Pistazien  – ein Dessert für Gäste oder zum Verwöhnen.

3. Labneh & pomegranate ice cream (Labneh-Granatapfel-Eis)
Eine ungewöhnliche, aber grandiose Kombination: Der leicht säuerliche Labneh macht das Eis besonders frisch, der Granatapfel bringt Fruchtigkeit und Knack, Limette und Rosenwasser den Aromenkick. Orientalisch, kühlend, überraschend – und optisch ein Traum. Serviert wird mit etwas Olivenöl. 

4. Coconut, rose & chocolate truffles (Kokos-Rosen-Schoko-Trüffel)
Kleine Pralinen mit großem Auftritt: Die Kokoscreme wird von feiner Schokolade umhüllt und mit Salz, Pistazien und Rosenblättern garniert. Ideal als Geschenk, Abschluss eines Essens oder einfach als süßer Happen zum Kaffee.

3. Zielgruppe

„Boustany“ richtet sich an alle, die Lust auf eine gemüsezentrierte, aromenreiche und kulturell verwurzelte Küche haben. Es ist ein Kochbuch für Menschen, die nicht nur nach Rezepten suchen, sondern nach Geschichten und Verbindungen– und die beim Kochen gern über den Tellerrand hinausblicken.

Wer Tamimis vorheriges Buch „Palästina“ mochte (mit Tara Wigley verfasst, deutsche Ausgabe im DK Verlag erschienen; engl. Titel: „Falastin“), wird hier noch stärker in seine persönliche Welt eintauchen: „Boustany“ ist persönlicher, poetischer, ruhiger – aber zugleich konsequenter in seiner Ausrichtung auf pflanzenbasierte Küche, ohne dogmatisch zu sein. 

Es ist ideal für:

  • Gemüse-Liebhaber*innen, die neue Kombinationen entdecken wollen – mit Zutaten wie  Freekeh, Sumach oder Salzzitrone.
  • Reisende am Herd, die Palästina kulinarisch erkunden möchten – ohne Folklore, aber mit viel Gefühl.
  • Kochbuchsammler*innen, die Gestaltung, Haptik und erzählende Texte schätzen.
  • Erfahrene Hobbyköch*innen, die keine Scheu vor Fermentation, Vorratshaltung oder ungewohnten Zutaten haben.
  • Food-Geschichten-Fans, die ihre Bücher genauso gern lesen wie daraus kochen.

Weniger geeignet ist das Buch für absolute Kochanfänger*innen, die schnelle Lösungen suchen oder klare Zeiteinordnungen und Gelinggarantien brauchen. Zwar sind viele Gerichte alltagstauglich, doch „Boustany“ fordert Mitdenken, Lust auf Ausprobieren – und manchmal auch Geduld.

4. Rezepte und Vielfalt

Anzahl der Rezepte
„Boustany“ enthält über 100 Rezepte, die rein pflanzenbasiert sind – viele davon vegan oder leicht zu veganisieren. Die Auswahl ist konzentriert, durchdacht und sorgfältig kuratiert. Jedes Rezept bringt Substanz mit – sei es durch persönliche Erinnerung, kulturelle Tiefe oder aromatische Raffinesse.

• Vielfalt der Gerichte
Die Rezeptvielfalt ist beeindruckend, besonders wenn man bedenkt, dass auf tierische Hauptzutaten verzichtet wird. Die Bandbreite reicht von einfachen Alltagsgerichten bis hin zu aufwendigeren Festessen. Regional und saisonal gedacht, zeigt Tamimi, wie viel sich aus Gemüse, Hülsenfrüchten, Getreide, Kräutern und Gewürzen herausholen lässt – und wie eng Küche und kulturelle Identität miteinander verwoben sind.

• Originalität und Kreativität
Tamimis Handschrift ist unverkennbar: Er verbindet klassische palästinensische Elemente mit einem modernen, persönlichen Zugang. Viele Gerichte sind neu interpretiert, dabei nie gekünstelt. Besonders hervorzuheben sind:

  • Kombinationen, die überraschen (z. B. Mangoparfait mit gesalzenen Saaten, Bohnen mit Makdous und Orange)
  • Strukturen, die durch Vorratsküche ergänzt werden (Pickles, Gewürze, Saucen als Aromatreiber)
  • Süßspeisen, die weit über Baklava-Klischees hinausgehen

Auch die Balance zwischen lesenswertem Text und praktischer Kochanleitung ist gelungen – „Boustany“ ist ein Buch, das Kopf, Herz und Gaumen gleichermaßen anspricht.

5. Schwierigkeitsgrad

„Boustany“ bewegt sich insgesamt im mittleren bis gehobenen Schwierigkeitsgrad. Viele Gerichte sind unkompliziert in der Zubereitung, erfordern aber eine gewisse Vertrautheit mit Grundtechniken und den Einsatz aromatischer Zutaten wie Za’atar, Sumach oder Tahini.

Was Einsteiger*innen herausfordern könnte:

  • Einige Rezepte enthalten ungewöhnliche Zutaten (z. B. Freekeh, Johannisbrot-Sirup, Mahlep), die nicht überall erhältlich sind.
  • Tamimi setzt oft auf Baukastensysteme – d. h. bestimmte Vorratsrezepte (z. B. Chili-Saucen, Labneh, fermentierte Kräuter) dienen als Basis oder Beilage für andere Gerichte.
  • Die Anleitung ist detailliert, aber nicht kleinteilig – wer exakte Minuten- und Temperaturangaben erwartet, muss manchmal mit Gefühl arbeiten.

Gleichzeitig bietet das Buch viel Spielraum: Tamimi ermutigt zum Variieren, Kombinieren, zum „Mitdenken beim Kochen“. Die Gerichte funktionieren auch dann, wenn man nicht jede Zutat exakt bekommt – wichtig ist die aromatische Idee dahinter.

Fazit:
Für Anfänger*innen mit Abenteuerlust und Fortgeschrittene mit Freude an aromatischer Tiefe.
Wem Ottolenghi manchmal zu aufwendig ist, findet hier eine angenehm geerdete, aber nicht weniger reizvolle Alternative.

6. Fotografie und Design

• Bildqualität
Alle Rezepte in „Boustany“ sind bebildert – und das auf durchgehend hohem Niveau. Die Fotos stammen von Ola O. Smit und Issy Croker, das Food Styling übernahmen Tamara Gillion, Lara Cook und Noor Murad – ja, genau die Noor Murad, deren eigenes Buch „Lugma“ bereits gezeigt hat, wie stilbewusst und nahbar Essen inszeniert werden kann.
Die Aufnahmen sind in der Regel aus der Vogelperspektive fotografiert, auf schlichtem Geschirr und mit wenigen Requisiten. So bleibt das Essen im Mittelpunkt – ungeschönt, aber ästhetisch, klar und sehr ansprechend. Farblich dominieren Grün-, Erd- und Naturtöne, die das Gartenthema des Buches aufgreifen und eine warme, ruhige Atmosphäre schaffen.
Einige komplexere Zubereitungsschritte werden in Bilderserien gezeigt – selten, aber gezielt eingesetzt. Das bietet echten praktischen Mehrwert.

• Layout und Gestaltung
Das Layout stammt von Claire Rochford und überzeugt durch Klarheit, Lesbarkeit und Rhythmus. Jedes Rezept beginnt mit einer kurzen, persönlichen Einführung. Zutaten und Zubereitung stehen übersichtlich nebeneinander, die Schrifttype ist modern und angenehm lesbar.
Zwischen den Kapiteln setzen einfarbige Doppelseiten mit angedeuteten botanischen Zeichnungen ruhige Akzente – hier wiederholt sich das Cover-Motiv mit stilisierten Früchten und Zweigen. Das Buch wirkt dadurch sehr organisch, fast künstlerisch gestaltet.
Das Cover selbst ist ein Hingucker: elegant, ruhig, coffeetable-tauglich, ohne Effekthascherei – eine visuelle Einladung in Tamimis Garten.

• Nutzung der Bilder
Die Bebilderung ist nicht nur atmosphärisch, sondern funktional: Man erkennt, wie die Gerichte aussehen sollen – ohne dabei auf Hochglanz getrimmte Perfektion zu suggerieren. Manche Rezeptfotos finden sich auf der jeweils nächsten Doppelseite, was beim Blättern etwas Aufmerksamkeit verlangt, aber zugleich zur offenen, großzügigen Bildgestaltung beiträgt.
Auch Zutatenfotos und persönliche Bilder von Sami Tamimi – mal beim Kochen, mal entspannt mit seinen Hunden – verstärken den autobiografischen Ton des Buches und fügen sich stimmig ins Gesamtbild.

7. Sprache und Anleitungen

Das Lektorat (der hier benutzten englischen Ausgabe) lag bei Annie Lee und Imogen Fortes – und die beiden haben ganze Arbeit geleistet. Die Sprache ist klar, flüssig und gut lesbar, sowohl in den Rezeptanleitungen als auch in den einleitenden Texten. Tamimis persönliche Tonalität – ruhig, reflektiert, zugewandt – bleibt dabei durchgehend spürbar, ohne je belehrend oder pathetisch zu wirken, was bei der emotionalen Betroffenheit, die die momentane Situation bei ihm auslöst, sicherlich nicht leicht war. 

Die Anleitungen sind strukturiert und präzise, Zutaten und Zubereitungsschritte gut gegliedert. Auch wenn manche Gerichte etwas aufwändiger sind, lassen sich die Rezepte problemlos nachvollziehen – auch von weniger geübten Köch*innen. Maßangaben und Zubereitungsweisen sind verständlich beschrieben; Fachbegriffe werden sparsam, aber passend verwendet, ein Glossar erklärt Begrifflichkeiten und Zutaten und zeigt auch Alternativen für schwer zugängliche auf. 

Die kurzen Einleitungstexte zu jedem Rezept liefern nicht nur hilfreiche Hinweise zur Zubereitung oder passenden Beilagen, sondern geben oft auch einen persönlichen oder kulturellen Kontext – ohne sich dabei in Anekdoten zu verlieren.

Fehler oder Unstimmigkeiten sind mir beim Durchsehen nicht aufgefallen – das spricht für ein sehr sorgfältiges Lektorat und eine insgesamt durchdachte Umsetzung.

8. Besonderheiten

„Boustany“ ist weit mehr als ein schönes Kochbuch. Es ist ein zutiefst persönliches Projekt, in dem Sami Tamimi seine kulinarischen Wurzeln reflektiert und neu interpretiert – mit einem klaren Fokus auf pflanzenbasierte Gerichte, kulturelle Identität und alltägliche Poesie.

Besonders hervorzuheben sind:

  • die konsequent vegetarisch-vegane Ausrichtung, ohne erhobenen Zeigefinger – mit großem Ideenreichtum und aromatischer Tiefe.
  • die Verbindung von Vorratsküche und Alltagsrezepten – Pickles, Gewürze, Fermentiertes und Dips werden nicht als Beiwerk verstanden, sondern als zentrale Bestandteile der Küche.
  • der biografische Ton: Tamimis Stimme ist präsent – in Erinnerungen an seine Kindheit, an Gerichte seiner Großmutter, an das gemeinsame Kochen mit Freunden. Man spürt das Heimweh und den Schmerz über Verlust, besonders im Angesicht der aktuellen politischen Lage – auch wenn das niemals explizit ausgesprochen wird.
    Das Buch liest sich stellenweise wie ein kulinarisches Memoir, ruhig und berührend zugleich.
  • die visuelle Handschrift: Das Buch überzeugt durch ein organisches, kohärentes Design, das sowohl modern als auch erdig wirkt. Es vereint Ästhetik mit Alltagstauglichkeit.
  • die kulturelle Positionierung: Ohne laut zu werden, ist „Boustany“ ein Statement – für das Bewahren von palästinensischer Kochtradition, für Vielfalt, für das Erzählen durch Essen.

Kurzum: ein Buch mit Haltung – und Herz.

9. Preis-Leistungs-Verhältnis

Das Buch erscheint in der deutschen Ausgabe beim DK Verlag zum Preis von 32,00 € – und das ist aus meiner Sicht absolut angemessen.

Dafür erhält man:

  • über 100 pflanzenbasierte Rezepte, viele davon mit Vorratswert, Kombinationsmöglichkeiten oder Festtagscharakter,
  • ein hochwertiges Hardcover mit Fadenbindung,
  • durchgängig bebilderte Rezeptseiten in erstklassiger Druckqualität,
  • ein sorgfältig editiertes, grafisch stimmiges Buch mit sehr guter Papierqualität,
  • und nicht zuletzt: ein visuell wie inhaltlich tiefgehendes Werk, das kulinarische Inspiration mit kultureller Reflexion verbindet.

Auch in Sachen Alltagstauglichkeit lohnt sich die Investition: Viele Rezepte lassen sich gut vorbereiten, einige halten sich lange, andere funktionieren hervorragend als Komponenten für größere Essen mit Gästen.
Wer Bücher liebt, die man sowohl lesen, verschenken als auch immer wieder benutzen kann, wird hier bestens bedient. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist rundum überzeugend.

10. Gesamteindruck und Empfehlung

„Boustany“ ist ein stilles, aber eindringliches Buch. Es überzeugt nicht durch laute Aufmachung oder Trend-Geschrei, sondern durch Tiefe, Ehrlichkeit und eine spürbare emotionale Verbindung zu Land, Menschen und Essen. Sami Tamimi gelingt hier ein sehr persönliches Werk, das gleichermaßen Kochbuch, Memoir und kulturelles Manifest ist.

Man liest, blättert und kocht – und spürt dabei auf jeder Seite die Sehnsucht nach Heimat, die Liebe zum Garten seiner Kindheit, zu den Frauen, die ihn geprägt haben, und zum kulinarischen Erbe Palästinas. Auch wenn Tamimi politisch nie explizit wird, schwingt ein stiller Schmerz mit – über das, was verloren geht, über eine bedrohte Esskultur und über ein Land, dessen Reichtum an Aromen, Zutaten und Geschichten oft übersehen wird.

Dabei ist „Boustany“ kein nostalgisches Buch, sondern ein zutiefst gegenwärtiges: Es zeigt, wie viel in der pflanzenbasierten palästinensischen Küche steckt – an Vielfalt, Fülle und Alltagstauglichkeit. Es gibt Raum für Fermentation, für Vorratsgläser, für einfache Brote und festliche Kubbeh – und schafft dabei eine warme, lebendige Verbindung zwischen Küche und Gefühl.

Für alle, die sich für palästinensische Küche interessieren, für Menschen, die tiefer einsteigen wollen, für Hobbyköch*innen mit Lust auf Aromen und Atmosphäre – eine unbedingte Empfehlung. Dieses Buch ist nicht laut, aber es bleibt. Und hat absolut das Zeug zum LeseLust&Löffel-Liebling fürs Leben. 

11. Bewertung

  • Gesamtbewertung: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
  • Bewertung nach Kategorien:

    •Inhalt und Konzept: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

    •Zielgruppe: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

    • Rezepte und Vielfalt: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

    • Schwierigkeitsgrad: 🥄 🥄🥄🥄

    • Fotografie und Design: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

    • Sprache und Anleitungen: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

    • Besonderheiten: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

    • Preis-Leistungs-Verhältnis: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

12. Nachgekocht

Zucchini-Lauch Ijeh – Arabische Frittata (S. 58)
Ganz viel Gemüse und Kräuter sind darin: Erbsen, Zucchini, Zwiebel, Lauch, Petersilie, Minze und gewürzt wird mit noch mehr getrockneter Minze, Aleppo Chili, Kurkuma und Dillsaat sowie Salz und Pfeffer. Es kommen nur drei Eier dazu und eigentlich noch Mehl – das hatte ich vergessen, aber es hat auch nicht gefehlt. Am Ende kommt noch etwas Zitronensaft darüber und serviert wird mit einem Klecks Sauerrahm. 
Das Ergebnis ist unglaublich frisch und aromatisch im Geschmack. Ganz köstlich!
Aubergine und Kichererbsen mit grüner Zitronensauce (S. 179)
Die Auberginenwürfel werden erst im Ofen gebacken. Währenddessen schmörgelt man Zwiebeln, dann rote Paprika und Staudensellerie an und würzt mit reichlich Knoblauch und einer tollen Gewürzmischung aus Kreuzkümmel, Koriander, Zimt, Aleppo Chili, Paprika, Piment und Kurkuma. Wenn alles toll duftet, kommen Tomaten, Kichererbsen und die gebackenen Auberginen hinzu und alles darf sich bei geschlossenem Deckel gut auf dem Herd verbinden. 
Die grüne Zitronensauce gibt den letzten Schliff und macht diesen Eintopf, der sich vielseitig verwenden lässt, zu einem kleinen Gemüsejuwel. 
Er schmeckt am nächsten Tag noch besser und lässt sich, so Tamimi, auch gut zu Reis oder als Basis für einen Nudelauflauf oder Shakshuka servieren. Wirklich superlecker! 
Grüne Zitronensauce (S. 28)
Eine Geschmacksbombe aus Petersilie, grüner Chilischote, Knoblauch, Zitronensaft und Weißweinessig – zum Auberginen-Kichererbsen-Topf ein Muss, aber auch auf anderem Gemüse ein Geschmacksbooster!
Grüne Bohnen mit Lauch und Tomaten (S. 84)
Ein ganz einfacher Gemüseeintopf mit viel Olivenöl, Knoblauch, etwas Chili und Kreuzkümmel. Er kann warm oder kalt gegessen werden – das macht ihn zum Allrounder auf dem Küchentisch. Und es schmeckt immer fantastisch!

Eine weitere Rezension zu „Boustany“ findet ihr bei Susanne auf magentratzerl.de

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