Onur Elci / Elissavet Patrikiou – Alles in die Mitte

1. Eckdaten

Titel: Alles in die Mitte – Essen, das verbindet. Eine Reise um das Mittelmeer

Autoren: Onur Elci / Elissavet Patrikiou

Verlag: GU Verlag

Erscheinungsjahr: 2025

Rezensionsexemplar – vielen Dank dafür!

2. Inhalt und Konzept

„Alles in die Mitte“ ist weit mehr als eine Rezeptsammlung rund um den Mittelmeerraum. Onur Elci erzählt hier eine sehr persönliche kulinarische Geschichte – eine Geschichte vom Teilen, vom gemeinsamen Essen und von einer Küche, die verbindet. Bereits im Vorwort macht er deutlich, dass das Mittelmeer für ihn kein geografischer Ort im engeren Sinne ist, sondern ein kultureller Raum, ein Gefühl und ein sozialer Treffpunkt. Essen ist hier immer mehr als Nahrungsaufnahme: Es ist Ritual, Identität, Erinnerung und Beziehung.

Zentraler Gedanke des Buches ist die Kultur des Teilens. Die Gerichte sind bewusst so angelegt, dass sie in die Mitte des Tisches kommen – als Mezze, Platten, Schüsseln oder große Schalen, aus denen sich alle bedienen. Damit knüpft Elci an die kulinarischen Traditionen seiner Kindheit an, geprägt von der türkischen Küche, aber ebenso von Griechenland, Spanien und dem westlichen Mittelmeer. Brot brechen, Oliven teilen, Wein einschenken, gemeinsam genießen – dieses Motiv zieht sich konsequent durch das gesamte Buch.

Inhaltlich ist „Alles in die Mitte“ als kulinarische Reise rund um das Mittelmeer aufgebaut. Die Kapitel orientieren sich an Regionen und kulturellen Räumen:

  • Levante als Wiege jahrtausendealter Esskultur
  • Türkei als Brückenland zwischen Orient und Okzident
  • Griechenland mit seiner klaren, saisonalen Küche zwischen Land und Meer
  • Westliches Mittelmeer (Italien, Spanien, Portugal) mit seiner handwerklichen, produktzentrierten Kochtradition

Diese geografische Struktur ist jedoch nicht streng akademisch, sondern bewusst erzählerisch angelegt. Elci erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern präsentiert eine sehr persönliche Auswahl an Gerichten, die seine eigene Reise, seine Erfahrungen und seine kulinarische Sozialisation widerspiegeln. Konzeptionell verbindet das Buch klassische Rezepte mit zeitgemäßen Interpretationen. Viele Gerichte sind einfach gehalten, aber niemals banal – ganz im Sinne der mediterranen Küche, bei der Qualität der Zutaten, Saison und handwerkliche Klarheit im Vordergrund stehen. Die Rezepte sind eingebettet in eine erzählerische Rahmung, die Herkunft, Bedeutung und persönliche Bezüge sichtbar macht. Damit schlägt „Alles in die Mitte“ eine Brücke zwischen Kochbuch, kulinarischem Reisebericht und sehr persönlicher Einladung an die Leser*innen, Essen wieder stärker als gemeinschaftliches Erlebnis zu begreifen.

Visuell wird dieses Konzept durch die Fotografie von Elissavet Patrikiou getragen, die nicht nur fertige Gerichte zeigt, sondern auch Märkte, Stimmungen, Menschen und Details. Die Bilder unterstützen die Idee des Buches als lebendigen, geteilten Raum – nicht als sterile Rezeptsammlung, sondern als Einladung an einen großen, offenen Tisch.

Die Struktur des Buches 
„Alles in die Mitte“ gliedert sich in vier große, den Regionen gewidmete, Kapitel und ein kleines Kapitel zum Auftakt, das sich der Trinkkultur widmet. 

In Vino Veritas
Bevor “Alles in die Mitte“ seine kulinarische Reise rund um das Mittelmeer beginnt, stellt Onur Elci dem Rezeptteil ein eigenes, kleineres Kapitel voran: „In Vino Veritas“. Es ist das kürzeste Kapitel des Buches — aber inhaltlich eines der wichtigsten. Anders als in vielen Kochbüchern handelt es sich hier nicht um einen Aperitif-Abschnitt mit ein paar Getränkerezepten. Elci nutzt das Kapitel vielmehr, um den kulturellen Rahmen seiner Küche zu definieren. Wein wird dabei nicht primär als Begleiter zum Essen verstanden, sondern als soziales Bindeglied. Bereits die Einleitung macht deutlich: Für den Autor ist die Mittelmeerregion kein rein geografischer Raum, sondern eine gemeinsame Kulturgeschichte, und Wein gehört zu ihren ältesten Ausdrucksformen.

Der Text zeichnet den Wein historisch nach — von frühen Gärprozessen vor rund 8000 Jahren bis zu seiner Rolle in antiken Ritualen und Festkulturen. Entscheidend ist jedoch nicht die reine Wissensvermittlung, sondern die Funktion: Wein steht symbolisch für Gastfreundschaft, Gemeinschaft und Geselligkeit. In dieser Perspektive wird er zum kulturellen Medium, das Menschen miteinander verbindet — genau wie das Essen selbst. Interessant ist, dass Elci den Blick anschließend deutlich erweitert. Neben Wein behandelt das Kapitel auch die Spirituosenkulturen des Mittelmeerraums: Raki in der Türkei, Ouzo in Griechenland, Arak in der Levante sowie Pastis, Sherry oder Port im westlichen Mittelmeer. Diese Getränke erscheinen nicht als Zusatzwissen, sondern als integraler Bestandteil der Esskultur. Besonders die Beschreibung der Meyhane-Tradition — also des langen, gemeinschaftlichen Essens mit Mezze, Gesprächen und langsamem Trinken — zeigt, worauf das Buch hinauswill: Essen ist hier kein einzelnes Gericht, sondern ein sozialer Vorgang.

Damit übernimmt „In Vino Veritas“ eine klare strukturelle Funktion. Es erklärt gewissermaßen die Gebrauchsanweisung für das gesamte Kochbuch. Die folgenden Rezepte sollen nicht einzeln nacheinander gekocht werden, sondern gemeinsam auf dem Tisch stehen, begleitet von Gesprächen, Getränken und Zeit. Erst aus dieser Perspektive erschließt sich auch der Titel vollständig: „Alles in die Mitte“ meint weniger die Platzierung von Schüsseln als eine Haltung des gemeinsamen Essens.

Formal fällt zudem auf, dass Elci hier stärker essayistisch schreibt als in den späteren Kapiteln. Es gibt keine Rezepte, stattdessen kulturgeschichtliche Einordnung, persönliche Beobachtungen und atmosphärische Beschreibungen. Die Fotografie unterstützt diesen Ansatz: keine reinen Foodfotos, sondern Menschen, Weinkeller, Gläser, Situationen — also soziale Räume. So fungiert dieses Auftaktkapitel als programmatischer Einstieg. Die folgenden Länderkapitel sind nicht einfach nach Regionen sortiert, sondern bauen auf dieser Idee auf: Die Küche des Mittelmeers wird nicht über Nationalküchen erklärt, sondern über geteilte Rituale des Essens und Trinkens. „In Vino Veritas“ ist damit weniger ein Vorspiel als vielmehr das Fundament, auf dem das gesamte Buch konzeptionell ruht.

Levante
Mit dem Kapitel Levante beginnt der eigentliche Rezeptteil – und gleichzeitig auch die kulinarische Verortung des Buches. Während das vorhergehende Kapitel noch den kulturellen Rahmen absteckt, zeigt sich hier erstmals, was Onur Elci konkret unter einer „Küche des Teilens“ versteht. Bereits in der Einleitung beschreibt er die Levante – Syrien, Libanon, Israel und Palästina – als Ursprungsraum einer gemeinsamen Esskultur. Entscheidend ist dabei weniger die nationale Zuordnung einzelner Gerichte als das verbindende Prinzip: gegessen wird gemeinsam, und zwar nicht in Gängen, sondern parallel. Speisen stehen in der Mitte des Tisches und werden geteilt. Diese Mezze-Kultur bildet das kulinarische Fundament des gesamten Buches.

Auffällig ist die Auswahl der Rezepte: Elci beginnt bewusst nicht mit spektakulären Hauptgerichten, sondern mit Klassikern. Hummus, Muhammara, Falafel oder Pita sind keine Überraschungen – und genau das ist Absicht. Das Kapitel funktioniert wie ein kulinarisches Alphabet. Wer diese Küche verstehen will, muss zuerst ihre Grundbausteine kennen. Allerdings belässt er es nicht bei reiner Tradition. Nahezu jedes Gericht erhält eine kleine Verschiebung, eine zusätzliche Aromenschicht oder eine texturale Veränderung. Der Hummus wird etwa mit geröstetem Blumenkohl ergänzt, wodurch Röstaromen und Süße dazukommen. Neben klassischen Lammspießen stehen Pilzspieße als gleichwertige vegetarische Variante. Auch die Aubergine wird nicht nur geschmort, sondern mit süßen Zwiebeln und Granatapfel kombiniert, wodurch Säure, Süße und Umami gleichzeitig präsent sind. Selbst das Pita-Brot erscheint nicht als Beilage, sondern als zentrales Werkzeug des Essens – als Mittel, die Dips überhaupt erst gemeinsam genießen zu können. Gerade diese kleinen Eingriffe sind charakteristisch für das Buch: Die Rezepte bleiben einfach, aber sie sind nie banal. Elci modernisiert nicht radikal und verfremdet nicht, sondern verschiebt Gewichte. Röstaromen werden verstärkt, Säure gezielter eingesetzt, Texturen kontrastiert. Dadurch entstehen Gerichte, die vertraut wirken und gleichzeitig neu schmecken.

Bemerkenswert ist zudem die Balance zwischen Fleisch und vegetarischen Gerichten. Das Kapitel zeigt sehr deutlich, dass die Levante-Küche traditionell ohnehin stark pflanzenbasiert ist. Falafel, Dips, Brot, Gemüsegerichte und Kräuter sind keine Beilagen, sondern tragende Elemente. Fleisch erscheint eher als Ergänzung innerhalb einer größeren Tischgemeinschaft. In seiner Funktion innerhalb der Buchdramaturgie ist das Kapitel zentral: Es etabliert das Grundprinzip, nach dem auch alle folgenden Regionen gelesen werden müssen. Die Küche wird nicht über Nationalküchen erklärt, sondern über Esssituationen. Die Rezepte sind Bausteine eines gemeinsamen Tisches – und erst im Zusammenspiel entfalten sie ihre eigentliche Bedeutung. Damit wird die Levante zum logischen Einstieg. Hier zeigt sich am klarsten, was der Titel meint: Alles in die Mitte ist keine Servieranweisung, sondern ein kulinarisches Konzept.

Türkei
Im zweitumfangreichsten Kapitel von „Alles in die Mitte“ wird deutlich, wo das kulinarische Herz des Buches liegt. Die Türkei ist für Onur Elci nicht nur eine weitere Station der Mittelmeerreise, sondern biografischer Ausgangspunkt und kulturelles Zentrum seiner Küche. Entsprechend persönlicher und zugleich vielschichtiger fällt die Einführung aus. Er beschreibt das Land als Schnittstelle zwischen Europa und Asien, zwischen Orient und Okzident — und genau so ist auch die Küche aufgebaut. Die 25 Rezepte wirken nicht homogen, sondern bewusst heterogen. Ägäis, Anatolien, Levante-Einflüsse und osmanische Traditionen stehen nebeneinander und erklären, warum die türkische Küche sich kaum auf ein einzelnes Stilprinzip reduzieren lässt.

Auffällig ist zunächst die enorme Bandbreite. Während das Levante-Kapitel vor allem eine Mezze-Grundlage etabliert, öffnet sich hier das Spektrum deutlich: Gemüsegerichte der Olivenölküche stehen neben Innereien, Fisch, Grillgerichten und aufwendigeren Fleischzubereitungen. Genau dadurch entsteht ein sehr realistisches Bild der türkischen Alltagsküche, die traditionell weder rein fleischlastig noch vegetarisch ist, sondern beides selbstverständlich kombiniert. So finden sich klassische pflanzenbetonte Gerichte wie Artischocken mit Dicken Bohnen und Erbsen in Olivenöl, Sellerie in Olivenöl mit Orange oder Zucchinipuffer mit Kräutern auf Feta-Dip neben ausgesprochen herzhaften Speisen. Besonders bemerkenswert ist, dass Elci auch Zutaten einbezieht, die in vielen mitteleuropäischen Kochbüchern ausgespart werden: etwa ein Rezept mit Lammherz oder Kalbsleber mit gebackenem Apfel und Kräutersalat. Dadurch wirkt das Kapitel weniger angepasst und deutlich authentischer. Parallel dazu spielt die Grillküche eine zentrale Rolle. Gegrillte Köfte auf Pita mit Tomaten und Sumachzwiebeln, Pistazien-Kebab mit gegrillten Zwiebeln, Aprikosen und Labneh oder gegrillte Sardinen im Weinblatt zeigen, wie stark das Kochen über offenem Feuer Teil der Esskultur ist. Gleichzeitig stehen daneben feine, fast moderne Teller wie Bunte Beeten mit Ziegenkäse, Cassis und Walnuss-Crumble oder ein Bohnensalat nach Antalya-Art mit pochiertem Ei. Dadurch entsteht eine spannende Mischung aus Tradition und zeitgenössischer Küchenhandschrift.

Besonders interessant sind die eingeschobenen Sachtexte. Der Abschnitt zu Dolmas erklärt die gefüllten Gemüse nicht nur als Rezept, sondern als Prinzip: Nahezu jedes Gemüse kann gefüllt werden, und jede Familie hat ihre eigene Version. Ähnlich verhält es sich mit dem Brot. Der Einschub zum Pide macht deutlich, dass Brot in der Türkei keine Beilage ist, sondern elementarer Bestandteil der Mahlzeit — Werkzeug des Essens und zugleich sozialer Mittelpunkt des Tisches.

Insgesamt erfüllt dieses Kapitel innerhalb der Buchdramaturgie eine klare Funktion: Es erweitert das im Levante-Kapitel eingeführte Mezze-Prinzip zu einer vollständigen Küche. Hier stehen nicht mehr nur Bausteine für einen Tisch nebeneinander, sondern vollständige Mahlzeiten, von Vorspeisen über Hauptgerichte bis hin zu Desserts wie dem „Deconstructed“ Baklava mit Mascarpone und Pistazien. Gerade durch diese Vielfalt wird verständlich, was Elci mit der Idee der „Mitte“ meint. Die türkische Küche erscheint hier nicht als exotische Nationalküche, sondern als kultureller Knotenpunkt, an dem sich Einflüsse aus dem gesamten Mittelmeerraum bündeln. Sie bildet gewissermaßen das kulinarische Scharnier des Buches — zwischen Levante im Osten und dem westlichen Mittelmeer.

Griechenland
Mit dem Griechenland-Kapitel verändert das Buch spürbar seinen Ton. Nach der großen Vielfalt und aromatischen Dichte der türkischen Küche richtet sich der Blick nun stärker auf Produktqualität, Klarheit und handwerkliche Zurückhaltung. Bereits die Einleitung betont, dass die griechische Küche weniger von komplexen Zubereitungen lebt als von der Qualität der Zutaten selbst: Olivenöl, Feta, Gemüse, Kräuter und Meeresfrüchte stehen im Mittelpunkt, nicht die Technik. Auffällig ist, wie konsequent Elci hier auf Authentizität setzt. Mehrere Rezepte orientieren sich sehr nah an traditionellen Vorbildern, selbst wenn dies die Nachkochbarkeit im mitteleuropäischen Alltag etwas erschwert. Besonders deutlich wird das beim Taramosalata, für den gesalzener Fischrogen benötigt wird — ein klassischer Bestandteil der griechischen Küche, aber außerhalb spezialisierter Läden nur schwer erhältlich. Ähnlich verhält es sich beim kretischen Dacos-Salat, der auf dem typischen getrockneten Gerstenbrot basiert.

Gerade dadurch unterscheidet sich dieses Kapitel von vielen mediterranen Kochbüchern: Es versucht nicht, die Küche anzupassen, sondern den Leser*innen näherzubringen. Die zwölf Rezepte bilden eine klar erkennbare kulinarische Linie. Viele Gerichte sind leicht, frisch und stark gemüsebetont. Dazu gehören etwa der Oktopussalat mit Oliven, Tomaten und roten Zwiebeln, gegrillter Römersalat mit Manouri und Haselnüssen oder die sommerliche Kombination aus Wassermelone, Gurke, Feta-Creme, Minze und Nüssen. Auch Klassiker fehlen nicht: Garnelen-Saganaki in Tomaten-Paprikasoße mit Feta, Kalamari-Ringe mit Walnuss-Tarator oder griechische Pita. Typisch für Elci sind dabei wieder kleine Verschiebungen innerhalb der Tradition. Das Tzatziki wird mit grünem Apfel, Walnüssen und Chiliöl erweitert, Halloumi trifft auf Pfirsich und Zitronenvinaigrette, und ein Feta-Dip wird mit Möhren und Nüssen kombiniert. Diese Eingriffe bleiben jedoch subtil. Anders als im Türkei-Kapitel stehen nicht Aromenschichten im Vordergrund, sondern Balance. Charakteristisch für die griechische Küche ist laut Elci außerdem die Verbindung von herzhaften und süßen Noten. Mehrere Gerichte greifen dieses Prinzip auf: Früchte, Nüsse, Honig oder milde Säure begleiten salzige Käse- und Fischgerichte. Dadurch entstehen sehr klare, fast sommerliche Geschmacksbilder.

Innerhalb der Buchdramaturgie übernimmt Griechenland eine wichtige Rolle. Nach Levante (Grundprinzip des Teilens) und Türkei (kulinarische Vielfalt) zeigt dieses Kapitel eine dritte Perspektive: die Konzentration auf wenige, gute Zutaten. Das gemeinsame Essen bleibt zentral, aber die Gerichte werden einfacher und ruhiger. Die Küche wirkt weniger üppig und stärker vom Rhythmus der Jahreszeiten geprägt. Damit fungiert Griechenland im Aufbau des Buches gewissermaßen als Gegenpol zur Türkei — nicht als Kontrast, sondern als Reduktion. Die Idee der „Mitte“ bleibt bestehen, wird hier aber über Einfachheit und Produktnähe erzählt.

Westliches Mittelmeer
Mit dem Kapitel Westliches Mittelmeer erweitert “Alles in die Mitte“ seinen Blickraum deutlich. Italien, Spanien und Portugal werden hier nicht getrennt betrachtet, sondern bewusst als zusammenhängender Kulturraum gelesen. Bereits die Einleitung beschreibt die Region als historischen Schmelztiegel, in dem Handel, Migration und kultureller Austausch die Küche über Jahrhunderte geprägt haben. Besonders die Einflüsse der arabischen Kultur – etwa die Verbindung von süßen und herzhaften Aromen, Gewürzen, Mandeln, Zitrusfrüchten und Trockenfrüchten – werden als prägend hervorgehoben. Mit 29 Rezepten ist es das umfangreichste Kapitel des Buches, was angesichts der geografischen Breite folgerichtig erscheint. Inhaltlich fällt auf, dass sich hier eine andere Art von Mittelmeerküche zeigt als zuvor: weniger identitätsstiftende Familienküche wie in der Türkei, weniger produktreduzierte Klarheit wie in Griechenland, sondern eine deutlich handwerklich geprägte Kochkultur. Techniken, Kombinationen und Zubereitungsarten treten stärker in den Vordergrund.

Die Rezeptauswahl verdeutlicht diese Vielfalt. Neben sehr einfachen Gerichten – etwa Bruschetta mit bunten Tomaten, Pimientos de Padrón oder Zucchini-Carpaccio – stehen elaboriertere Teller wie Vitello tonnato mit Petersilienpesto und Couscous, gegrillter Pulpo mit Kartoffeln und Chorizo-Butter oder Albondigas mit gegrillten Paprika. Auch klassische Tapas und Bar-Gerichte fehlen nicht: Patatas Bravas mit Aioli und Serrano-Chips, eingelegte Sardellen mit Gremolata oder Baby-Calamari mit Tomaten und Zitrone.
Charakteristisch ist zudem die starke Präsenz von Meeresfrüchten und Fisch. Gerichte wie Garnelen mit Chorizo-Chips, Sardellen oder Calamari greifen die Küstenküchen Spaniens und Italiens auf, während gleichzeitig Fleischgerichte ihren Platz behalten – etwa Kalbsleber mit Salbei und geschmorten Tomaten.
Bemerkenswert ist außerdem die Aromenkombinatorik. Mehrfach taucht das Zusammenspiel von süß und salzig auf: Honigmelone mit Feta, Jamón und Fenchelsamen, gebackene Pfirsiche mit Mozzarella und Kräutern oder die Spargel-Panzanella mit Erdbeeren und Ziegenkäse. Diese Kombinationen knüpfen an die zuvor beschriebenen arabischen Einflüsse an und verbinden die westliche Mittelmeerküche mit den östlichen Regionen des Buches. Auch Brot spielt erneut eine zentrale Rolle. Mit Rezepten für Ciabatta und Ligurische Focaccia wird deutlich gemacht, dass Brot hier nicht nur Beilage ist, sondern Teil der Esskultur — zum Auftunken von Saucen, Begleiten von Tapas und als verbindendes Element am Tisch.

Innerhalb der Buchstruktur erfüllt das Kapitel eine wichtige Aufgabe: Es führt die zuvor entwickelten Ideen zusammen. Die Mezze-Kultur der Levante, die Vielfalt der Türkei und die Produktklarheit Griechenlands finden hier eine handwerkliche Übersetzung. Das gemeinsame Essen bleibt das verbindende Prinzip, doch die Gerichte wirken restaurantnaher, technischer und teilweise moderner interpretiert. Damit schließt sich der Kreis des Buches. Das westliche Mittelmeer erscheint nicht als Gegenpol zu den östlichen Regionen, sondern als deren Fortsetzung — eine Küche, die Einflüsse aufnimmt, weiterentwickelt und wieder zurückspielt. Genau darin wird die zentrale Aussage des Buches sichtbar: Die Mittelmeerküche besteht weniger aus Nationalküchen als aus einem zusammenhängenden kulinarischen Kulturraum.

3. Zielgruppe

„Alles in die Mitte“ ist ein Buch, dessen Zielgruppe man leicht unterschätzt, wenn man nur kurz darin blättert. Auf den ersten Blick wirken viele Gerichte vertraut: Hummus, Köfte, Bruschetta oder Saganaki hat man in anderen mediterranen Kochbüchern scheinbar schon häufig gesehen. Genau hier liegt jedoch die Besonderheit des Buches. Es geht nicht um eine weitere Sammlung bekannter Klassiker, sondern um deren kulturelle Einordnung und persönliche Interpretation. Onur Elci verfolgt ein anderes Konzept als viele mediterrane Kochbücher. Die Rezepte stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern sind Teil einer größeren kulinarischen Erzählung. Hinter fast jedem Gericht steckt ein Kontext – Traditionen des Teilens, Essgewohnheiten einzelner Regionen oder persönliche Erinnerungen. Dadurch richtet sich das Buch ausdrücklich auch an Leser*innen, die bereits mehrere Kochbücher zur mediterranen Küche besitzen und dennoch eine inhaltliche Erweiterung suchen. Es ergänzt vorhandene Sammlung nicht durch neue Spektakelgerichte, sondern durch ein vertieftes Verständnis.

Gleichzeitig bleibt das Buch zugänglich. Die Rezepte sind überwiegend einfach aufgebaut und orientieren sich an dem im Vorwort formulierten Anspruch: klassische Gerichte, schlicht zubereitet, aber mit einem raffinierten Dreh. Die Kreativität entsteht weniger durch komplizierte Techniken als durch Kombinationen, Aromengewichtung und kleine Veränderungen innerhalb bekannter Strukturen. Auch Kochanfänger*innen können sich an das Buch heranwagen. Die Anleitungen sind klar formuliert und gut nachvollziehbar, und viele Gerichte bestehen aus wenigen Komponenten. Herausfordernd ist eher gelegentlich die Beschaffung einzelner Zutaten – etwa traditioneller Fischrogen für Taramosalata oder weniger gebräuchliche Teile wie Innereien. Das betrifft jedoch die Verfügbarkeit, nicht den Schwierigkeitsgrad der Zubereitung.

Damit richtet sich das Buch letztlich an ein breites Spektrum: an Einsteiger*innen, die einen fundierten Zugang zur mediterranen Küche suchen, ebenso wie an erfahrene Hobbyköch*innen, die über klassische Rezepte hinaus deren kulturellen Hintergrund kennenlernen möchten. Wer bereit ist, sich nicht nur für einzelne Gerichte, sondern für Esskultur zu interessieren, findet hier besonders viel.

4. Rezepte und Vielfalt

Die Rezeptauswahl gehört zu den größten Stärken des Buches. Beim ersten Durchblättern entsteht leicht der Eindruck, es handele sich überwiegend um bekannte mediterrane Klassiker. Tatsächlich zeigt sich beim genaueren Lesen jedoch eine deutlich größere kulinarische Tiefe und Breite. Das Buch vereint Gerichte aus Levante, Türkei, Griechenland und dem westlichen Mittelmeerraum und versteht diese Regionen nicht als getrennte Küchen, sondern als miteinander verbundene Esskultur. Mezze, Salate, Gemüsegerichte, Grillgerichte, Fisch, Meeresfrüchte, Fleischgerichte, Innereien, Brot und Desserts stehen gleichberechtigt nebeneinander. Dadurch entsteht weniger ein thematisch eingegrenztes Kochbuch als vielmehr ein kulinarisches Gesamtbild mediterranen Essens.

Auffällig ist zunächst der hohe Anteil pflanzenbasierter Gerichte. Viele Rezepte basieren auf Gemüse, Hülsenfrüchten, Kräutern, Joghurt, Käse oder Brot: Hummus mit Blumenkohl, Muhammara, Aubergine mit Granatapfel, Artischocken in Olivenöl, Zucchinipuffer, gegrillter Auberginensalat, Römersalat mit Käse oder Panzanella-Varianten zeigen, wie selbstverständlich pflanzliche Gerichte in dieser Küche eine tragende Rolle spielen. Gemüse erscheint hier nicht als Beilage, sondern als eigenständiges Gericht.

Gleichzeitig ist das Buch jedoch kein vegetarisches Kochbuch. Neben den vielen pflanzlichen Rezepten nehmen Fisch- und Fleischgerichte einen ebenso wichtigen Platz ein. Sardinen, Oktopus, Garnelen, Calamari oder gefüllte Muscheln stehen neben Köfte, Kebab, Kalbsleber oder auch ungewöhnlicheren Zutaten wie Lammherz. Gerade diese Offenheit gehört zum Konzept: Die mediterrane Küche wird nicht modernisiert oder angepasst, sondern möglichst vollständig dargestellt. Reine Vegetarier*innen könnten daher enttäuscht sein, weil ein erheblicher Teil der Rezepte auf Fisch oder Fleisch basiert. Am ehesten richtet sich das Buch an Flexitarier*innen oder Omnivore, die bereit sind, die gesamte kulinarische Bandbreite kennenzulernen.
Bemerkenswert ist zudem die Art, wie Elci mit Klassikern umgeht. Viele Gerichte sind vertraut, werden aber leicht verschoben: Tzatziki mit Apfel und Nüssen, Hummus mit geröstetem Blumenkohl, Halloumi mit Pfirsich oder süß-herzhafte Kombinationen wie Melone mit Feta und Schinken. Diese Veränderungen bleiben stets nachvollziehbar und wirken nie konstruiert. Die Rezepte behalten ihre Identität, gewinnen aber zusätzliche Aromen oder Texturen.

Auch Brot nimmt eine besondere Stellung ein. Pita, Pide, Ciabatta oder Focaccia sind nicht nur Begleiter, sondern Teil des Esskonzepts – zum Teilen, Dippen und gemeinsamen Essen am Tisch. Dadurch werden die Gerichte weniger als Einzelportionen gedacht, sondern als Bausteine eines gemeinsamen Menüs. Insgesamt entsteht eine ungewöhnlich breite Rezeptsammlung: alltagstaugliche kleine Gerichte stehen neben aufwendigeren Komponenten, traditionelle Zubereitungen neben modernen Interpretationen. Gerade diese Mischung macht den Reiz des Buches aus. Es liefert nicht nur einzelne Rezepte, sondern Möglichkeiten, ganze Tafeln zusammenzustellen — genau im Sinne seines Titels.

5. Schwierigkeitsgrad

Der Schwierigkeitsgrad von “Alles in die Mitte“ liegt deutlich niedriger, als man beim ersten Durchblättern vermuten könnte. Die fremdsprachigen Bezeichnungen und die mediterrane Aromatik wirken zunächst komplex, tatsächlich verlangt das Buch kochtechnisch jedoch kaum besondere Fertigkeiten. Die Zubereitungen basieren überwiegend auf elementaren Küchentechniken: schneiden, anrösten, schmoren, grillen, pürieren oder marinieren. Präzise Garstufen, komplizierte Saucentechniken oder aufwendige Küchenverfahren spielen praktisch keine Rolle. Auch die Zutatenhürde relativiert sich schnell. Zwar gehören — wie bei jeder regional geprägten Küche — einige typische Produkte dazu, doch die Mehrzahl der Rezepte lässt sich mit gut erhältlichen Lebensmitteln umsetzen. Das Buch fordert kein Spezialwissen, sondern eher die Bereitschaft, vertraute Produkte neu zu kombinieren. Der tatsächliche Aufwand entsteht vor allem durch die Idee des gemeinsamen Essens. Wer eine vollständige Mezze-Tafel nach dem Konzept des Buches vorbereiten möchte, plant mehrere Komponenten parallel und verbringt entsprechend mehr Zeit in der Küche. Das ist jedoch eine Frage der Menügestaltung, nicht der Schwierigkeit einzelner Rezepte. Viele Gerichte funktionieren ebenso gut alleinstehend — als Beilage, Vorspeise oder in größerer Portion als Hauptgericht. Einzelne Rezepte eignen sich sogar ausdrücklich für eine unkomplizierte Alltagsküche, auch wenn dies nicht der primäre Anspruch des Buches ist. Die Anleitungen selbst sind klar strukturiert und gut nachvollziehbar formuliert. Dadurch können auch Kochanfänger*innen sicher arbeiten, während erfahrene Hobbyköch*innen genügend Spielraum für Variationen finden. Insgesamt bewegt sich das Buch damit auf einem moderaten Niveau: leicht bis mittelschwer. Nicht die handwerkliche Komplexität, sondern eher die Planung eines gemeinsamen Menüs bestimmt, wie aufwendig das Kochen empfunden wird.

6. Fotografie und Design

Bildqualität
Die Fotografie in „Alles in die Mitte“ gehört zu den prägenden Elementen des Buches. Elissavet Patrikiou gelingt es, eine sehr lebendige Bildwelt zu schaffen, die weit über reine Foodfotografie hinausgeht. Die Aufnahmen vermitteln Atmosphäre, Lebensgefühl und kulturellen Kontext und transportieren die Idee des gemeinsamen Essens überzeugend. Auffällig ist der Wechsel zwischen Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografie. Diese Kombination erzeugt Spannung und verhindert visuelle Monotonie. Besonders gelungen ist der gezielte Einsatz von kräftigen Farben, häufig Komplementärfarben in der Bildkomposition, wodurch die Bilder sehr klar und leuchtend wirken, ohne überladen zu sein. Ein wiederkehrendes Gestaltungselement ist die Farbe Blau. Sie taucht in Himmel, Meer, Keramik oder Umgebung immer wieder auf und fungiert fast als visuelles Leitmotiv, das die mediterrane Grundstimmung unterstreicht.
Die Gerichte selbst sind appetitlich und authentisch fotografiert, meist aus der Vogelperspektive. Zutaten, Texturen und Farben sind gut erkennbar, das Essen steht klar im Mittelpunkt. Ergänzt werden die Foodaufnahmen durch stimmungsvolle Bilder von Landschaft, Menschen und Situationen sowie durch Fotografien des Autors, die dem Buch eine persönliche Note verleihen.

Nutzung der Bilder
Die Fotografien erfüllen in erster Linie eine emotionale und inspirierende Funktion. Sie schaffen Atmosphäre und machen Lust aufs Kochen und gemeinsame Essen, ohne dabei als technische Anleitung zu dienen. Schritt-für-Schritt-Darstellungen oder erklärende Detailbilder zur Zubereitung gibt es nicht.
Diese Entscheidung funktioniert hier gut, da die Rezepte klar formuliert sind und keiner visuellen Anleitung bedürfen. Die Bilder begleiten die Gerichte also nicht erklärend, sondern erzählerisch. Sie verorten die Rezepte kulturell und unterstützen das zentrale Konzept des Buches: Essen als sozialer und gemeinschaftlicher Vorgang.

Layout

Das Layout ist übersichtlich und ruhig gestaltet. Jedes Rezept erstreckt sich über eine Doppelseite mit einer kurzen Einführung, klar getrennten Zutatenlisten und Zubereitungsschritten. Die Struktur ist sofort verständlich und erleichtert die Orientierung beim Kochen. Die typografische Gestaltung ist bewusst zurückhaltend. Der Textbereich bleibt überwiegend schwarz-weiß, wodurch die farbigen Fotografien besonders hervortreten. Gleichzeitig bleibt die Lesbarkeit jederzeit hoch. Gestalterisch entspricht das Buch dem hohen Standard des Gräfe und Unzer Verlags. Das Innenlayout stammt von der Agentur „die basis“ aus Wiesbaden und es arbeitet klar, strukturiert und funktional, ohne nüchtern zu wirken. Insgesamt entsteht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Information und Atmosphäre: Die Gestaltung lenkt nicht vom Inhalt ab, sondern unterstützt ihn.

7. Sprache und Anleitungen

Die sprachliche Gestaltung überzeugt auf ganzer Linie. Onur Elci schreibt sehr persönlich, zugleich aber klar und unprätentiös. Der Ton ist nahbar und bodenständig, ohne vereinfacht zu wirken. Man fühlt sich als Leser*in direkt angesprochen. Die Einleitungen zu den Kapiteln und auch die kurzen Texte vor den einzelnen Rezepten sind leicht verständlich formuliert und geben Orientierung. Häufig ordnet der Autor die Gerichte kulturell ein, erzählt kurz von Herkunft oder Essgewohnheiten und ergänzt praktische Hinweise. Dadurch entsteht nicht nur eine Anleitung zum Kochen, sondern auch ein besseres Verständnis der Gerichte.

Die Rezeptanleitungen selbst sind präzise, gut strukturiert und zuverlässig nachvollziehbar. Die Arbeitsschritte sind logisch aufgebaut und in einer klaren Reihenfolge beschrieben, sodass man während des Kochens nicht interpretieren muss, sondern sich sicher führen lassen kann. Zusätzlich finden sich regelmäßig Hinweise zu Variationen, Servierideen oder möglichen Abwandlungen, die das Nachkochen erleichtern und Spielraum geben. In der praktischen Umsetzung zeigt sich die hohe Qualität besonders deutlich: Die Rezepte funktionieren. Fehler, Unklarheiten oder widersprüchliche Mengenangaben fallen nicht auf. Dass dies so verlässlich gelingt, dürfte auch am sorgfältigen redaktionellen Arbeiten liegen. Das Lektorat übernahm Gertrud Köhn, das Korrektorat Jutta Friedrich — beide haben hier offensichtlich sehr präzise gearbeitet.

Insgesamt ist der Schreibstil ausgesprochen zugänglich. Die Anleitungen holen sowohl Anfänger*innen als auch erfahrene Hobbyköch*innen gut ab und machen das Buch zu einem Arbeitskochbuch, mit dem man tatsächlich gerne und regelmäßig kocht.

8. Besonderheiten

Der Mittelmeerraum gehört zu den am intensivsten bearbeiteten Themenfeldern der Kochbuchlandschaft. Tapas-, Mezze-, griechische, türkische, italienische oder allgemein mediterrane Kochbücher erscheinen in großer Zahl. Umso bemerkenswerter ist es, dass „Alles in die Mitte“ diesem vertrauten Feld dennoch eine eigene Perspektive hinzufügen kann.

Der besondere Ansatz liegt weniger in einzelnen spektakulären Rezepten als im konzeptionellen Zugriff. Onur Elci ordnet die bekannten kleinen Gerichte — Mezze, Vorspeisen, Beilagen und Snacks — nicht isoliert nebeneinander an, sondern versteht sie als Teile eines größeren Zusammenhangs. Im Zentrum steht die Kultur des Teilens: Die Speisen bilden gemeinsam eine Tafel, ein soziales Ereignis, ein Ritual. Dadurch erhalten auch vertraute Gerichte eine neue Bedeutung. Sie werden nicht mehr als einzelne Rezepte gelesen, sondern als Bausteine eines gemeinsamen Essens. Hinzu kommen die zahlreichen kleinen Veränderungen innerhalb der Klassiker. Elci verfremdet die Gerichte nicht grundlegend, sondern arbeitet mit behutsamen Verschiebungen: zusätzliche Säure, Röstaromen, neue Texturkombinationen oder unerwartete Begleiter. Diese „Twists“ sorgen dafür, dass Bekanntes neu wahrgenommen wird. Selbst erfahrene Hobbyköch*innen finden dadurch neue Anregungen und Ideen, ohne dass die Identität der Gerichte verloren geht. Eine weitere Besonderheit ist die kulturelle Einbettung. Die kurzen Einführungen, Hintergrundinformationen und Beobachtungen vermitteln Essgewohnheiten, regionale Traditionen und soziale Bedeutungen von Mahlzeiten. Das Buch wird dadurch nicht zu einem Reiseführer, aber zu einer kulinarischen Annäherung an den Mittelmeerraum. Man versteht nicht nur, wie ein Gericht zubereitet wird, sondern auch, warum es so gegessen wird.

Gerade dieser kulturelle Blick erweitert die Nutzung des Buches: Es inspiriert nicht nur zum Nachkochen, sondern verändert auch die Wahrnehmung mediterraner Küche insgesamt. Wer anschließend in einem Restaurant isst oder in den Mittelmeerraum reist, wird viele Speisen bewusster wahrnehmen. Genau darin liegt seine eigentliche Besonderheit — es vermittelt Esskultur, nicht nur Rezepte.

9. Preis-Leistungsverhältnis

Preis: 40 Euro

Mit einem Preis von 40 Euro bewegt sich „Alles in die Mitte“ im oberen Segment aktueller Kochbuchveröffentlichungen. Für ein Alltagskochbuch wäre das viel, für ein aufwendig produziertes Themenkochbuch ist es jedoch nachvollziehbar — und hier gut begründet. Das Buch bietet einen echten Mehrwert: nicht nur durch die Vielzahl an Rezepten, sondern vor allem durch den eigenständigen konzeptionellen Zugang zur mediterranen Küche. Die Verbindung aus Rezepten, kulturellen Hintergründen und persönlicher Erzählweise geht über eine reine Rezeptsammlung hinaus. Hinzu kommt die aufwendige Gestaltung mit zahlreichen hochwertigen Fotografien und einer insgesamt sehr sorgfältigen Produktion, die erkennbar kostenintensiv gewesen sein dürfte.

Auch die Verarbeitung überzeugt. Die Bindung ist stabil, das Buch bleibt beim Arbeiten zuverlässig aufgeschlagen liegen und eignet sich damit tatsächlich für den praktischen Einsatz in der Küche — ein Punkt, der bei umfangreichen Kochbüchern keineswegs selbstverständlich ist. Hier zeigt sich die verlegerische Erfahrung deutlich. Insgesamt ergibt sich daher ein stimmiges Verhältnis: Das Buch ist nicht günstig, rechtfertigt seinen Preis aber durch Ausstattung, inhaltliche Qualität und Gebrauchswert. Wer es regelmäßig nutzt, wird den Preis schnell relativieren — am Ende wirkt es eher wie eine Investition als wie eine Anschaffung.

10. Gesamteindruck und Empfehlung

“Alles in die Mitte“ ist kein weiteres mediterranes Kochbuch unter vielen. Obwohl die Gerichte auf den ersten Blick vertraut erscheinen, entfaltet das Buch seine Stärke erst beim intensiveren Lesen und Kochen. Es geht hier nicht primär um einzelne Rezepte, sondern um eine Haltung zum Essen. Onur Elci gelingt es, bekannte Klassiker aus Levante, Türkei, Griechenland und dem westlichen Mittelmeerraum in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Die Rezepte stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern greifen ineinander und ergeben gemeinsam eine Tafel. Genau darin liegt die Qualität des Buches: Es vermittelt nicht nur Zubereitungen, sondern Esskultur. Das gemeinsame Essen, das Teilen, das Zusammenspiel mehrerer kleiner Gerichte wird als eigentliches Ziel des Kochens verstanden.

Bemerkenswert ist, wie gut die Balance gelingt. Das Buch ist persönlich, aber nicht privat; authentisch, ohne folkloristisch zu wirken; kreativ, ohne die Tradition zu verlassen. Die kleinen Abwandlungen der Klassiker sind nachvollziehbar und inspirierend, ohne konstruiert zu erscheinen. Gerade dadurch eignet sich das Buch sowohl für Leser*innen, die sich erstmals intensiver mit mediterraner Küche beschäftigen möchten, als auch für erfahrene Hobbyköch*innen, die neue Ideen suchen.Seine größte Stärke entfaltet das Buch nicht im schnellen Durchblättern, sondern im Gebrauch. Wer daraus kocht, merkt schnell, dass die Rezepte zusammen gedacht sind. Das Buch lädt dazu ein, mehrere Gerichte zu kombinieren, Gäste einzuladen und sich Zeit für das Essen zu nehmen. Es verändert damit weniger den Speiseplan als die Art zu kochen und zu essen.

Am Ende bleibt der Eindruck eines sehr stimmigen Kochbuchs, das ein bekanntes Thema neu interpretiert. Es erweitert vorhandene mediterrane Kochbücher sinnvoll, anstatt sie zu ersetzen, und bietet sowohl kulinarische Inspiration als auch kulturelle Einordnung. Besonders empfehlenswert ist es für alle, die Essen nicht nur als Alltagspraxis verstehen, sondern als gemeinsames Erlebnis. Es ist kein spektakuläres „Trendbuch“, sondern ein dauerhaft nutzbares Arbeits- und Inspirationskochbuch, das eine bekannte Küche neu zugänglich macht und eher wächst, je länger man daraus kocht.

11. Bewertung

Gesamtbewertung: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄 (6 von 6 Löffeln)

Bewertung nach Kategorien:
– Inhalt und Konzept: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Zielgruppe: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Rezepte und Vielfalt: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Schwierigkeitsgrad:🥄🥄🥄
– Fotografie und Design: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Sprache und Anleitungen: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Besonderheiten: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
– Preis-Leistungsverhältnis: 🥄🥄🥄🥄🥄

12. Nachgekocht

Zucchinipuffer mit Kräutern auf Feta-Dip (S. 77)
Das waren die besten Zucchinipuffer, die ich je gemacht habe – die Puffer aus Zucchini und Möhre bekommen neben der schönen Kräutermischung aus Petersilie, Dill und Minze einen schönen Crunch durch gehackte Haselnüsse. Das Ganze wird auf einem superköstlichen einfachen Dip angerichtet, der aus Joghurt, Schafskäse, Olivenöl, Zitrone und Knoblauch besteht. Das passt perfekt und ist das Tüpfelchen auf dem i. „Luftig, frisch und saftig zugleich“, so beschreibt es Onur Elci – genau so! Köstlich!
Kartoffel-Tortilla mit Spitzpaprika und Frühlingszwiebeln (S. 201)
Wieder so ein ganz einfaches, aber sehr köstliches Gericht. Die gegrillten roten Spitzpaprika kamen hier aus dem Glas (sehr gute Qualität ist da wirklich wichtig und die hatte ich glücklicherweise) – ein Rezept für das Einlegen derselben findet sich aber auch im Buch. Wird wieder gemacht – ggf. auch mit einem anderen Topping. Empfohlen werden im Buch: Mayo, Thunfisch, Chorizo, Schinken, Spinat oder Käse.
Ofenfenchel mit Zimt, Pistazien und Orangenfilets (S. 157)
klingt köstlich und ist es auch. Der Fenchel wird geviertelt und zunächst gründlich mariniert: Orangensaft und in Zesten gezogene Schale treffen auf gutes Olivenöl, etwas Zucker, Salz und eine deutliche Menge Zimt. Mindestens 30 Minuten sollte er darin ziehen (ich habe ihm deutlich länger Zeit gegeben — das lohnt sich wirklich, weil der Fenchel die Aromen regelrecht aufsaugt). Anschließend wandert alles in den Backofen und gart dort etwa 45 Minuten. Dabei passiert genau das, was man sich wünscht: Der Fenchel wird weich und saftig, verliert seine Strenge, bleibt aber strukturiert. Die Orange karamellisiert leicht mit dem Zucker, der Zimt verbindet sich mit dem Anis-Aroma des Fenchels zu einer warmen, fast schon festlichen Würze. Erst zum Schluss kommen die frischen Orangenfilets dazu, damit sie saftig bleiben, außerdem grob gehackte Pistazienkerne und noch ein kleiner Schuss Olivenöl darüber.  Ich habe dazu ein gebratenes Rotbarschfilet serviert — und genau da wird aus einer Beilage plötzlich eine vollständige Mahlzeit. Die Süße der Orange, die Wärme des Zimts und die leichte Bitterkeit des Fenchels passen hervorragend zu Fisch. Zusammen ergibt das eine ausgewogene, vollwertige Wintermahlzeit, die satt macht, aber nicht schwer wirkt.
Einfach richtig gut. Genau die Art Gericht, bei der man nach dem Essen denkt: Das koche ich wieder. 🙂
Lammspieße mit Sumach-Zwiebeln (S. 23)
Das wird der Knaller der nächsten Grillsaison – so herrlich saftiges und würziges Fleisch bekommt man durch die Marinade aus Joghurt, Paprikamark, Olivenöl, Zitrone und Kreuzkümmel. Aufgespießt werden noch Zwiebeln und rote Paprika dazu. Heute aus der Grillpfanne – demnächst dann über Holzkohle. Serviert wird eigentlich auf einem Brot-Bett (aus Lavash) mit Sumach-Zwiebeln, Petersilie und mit Tomaten. Da es andere Beilagen gab, habe ich nur die Sumach-Zwiebeln (auch ganz köstlich!) und Petersilie genommen. Ein ganz toller Fleischspieß!

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