Eva Gritzmann / Denis Scheck (Hg.) – Kafkas Kochbuch

Kafkas Kochbuch – Franz Kafkas vege-tarische Verwand-lung in 544 Rezepten“, heraus-gegeben von Eva Gritzmann und Denis Scheck, Klett Cotta, 2025.

Konzept in Kürze

„Kafkas Kochbuch“ ist kein Kochbuch im heutigen Sinne, sondern eine editorische Wiederentdeckung. Grundlage bildet das „Hygienische Kochbuch zum Gebrauch für ehemalige Kurgäste“ aus dem Jahr 1905, das Gäste des Sanatoriums von Dr. Lahmann auf dem Weißen Hirsch bei Dresden – darunter Franz Kafka – nach ihrem Aufenthalt mit nach Hause bekamen. Die Herausgeber haben den historischen Rezeptteil bewusst unverändert belassen. Die Rezepte stehen also im Originalwortlaut der Zeit um 1900 und spiegeln eine ganz bestimmte Ernährungsvorstellung: Essen als Teil eines medizinisch-hygienischen Lebenskonzepts. Die vegetarische Ausrichtung entspringt dabei keiner ethischen Überzeugung, sondern der damaligen Gesundheitslehre.

Eingegriffen wird nur behutsam. Anmerkungen beziehen sich vor allem auf Zutaten und praktische Umsetzbarkeit: etwa wenn damals propagierte Industrieprodukte wie Palmin heute sinnvoll ersetzt werden sollten, wenn Garzeiten aufgrund moderner Herde angepasst werden müssen oder wenn Gemüse deutlich kürzer gegart werden darf, als es die Originalrezepte vorsehen. Teilweise schlagen die Herausgeber auch vorsichtige geschmackliche Variationen oder Gewürzergänzungen vor, um die Gerichte heutigen Erwartungen anzunähern. Das Buch liest sich daher weniger als Anleitung zum Kochen, sondern eher als kulturgeschichtliches Dokument einer Ernährungsepoche zwischen Naturheilkunde, Reformbewegung und frühem Ernährungswissen.

Ergänzt wird der historische Rezeptteil durch zahlreiche literarische Bezüge. Die Einleitung der Herausgeber zeichnet den biografischen Hintergrund von Kafkas Sanatoriumsaufenthalt nach und ordnet ihn gesundheitlich wie zeitgeschichtlich ein. Zwischen den Rezepten finden sich zudem immer wieder eingeschobene Texte, vor allem Auszüge aus dem Briefwechsel Franz Kafkas – etwa an seinen Freund und Verleger Max Brod, aber auch aus der Korrespondenz mit Familienangehörigen – sowie Passagen aus seinen literarischen Werken. Gerade dadurch erschließt sich das Buch besonders für Kafka-Interessierte: Es verbindet Esskultur, Lebensumstände und Schreiben und macht nachvollziehbar, in welchem körperlichen und geistigen Kontext diese Ernährung für ihn stand.

Zielgruppe

Das Buch ist vor allem interessant für literaturaffine Leser*innen, kulturhistorisch Interessierte und Kochbuchsammler*innen. Wer ein alltagstaugliches vegetarisches Kochbuch sucht, wird hier dagegen kaum fündig.

Rezepte und Vielfalt

Die 544 Rezepte bestehen überwiegend aus Milch-, Getreide- und Gemüsegerichten: Aufläufe, Kompotte, Breie, Knödel, Mehlspeisen und einfache Gemüsezubereitungen prägen das Bild. Gewürze werden sparsam eingesetzt, häufig stehen Bekömmlichkeit und Verdaulichkeit vor Geschmackstiefe. Viele Gerichte wirken heute überraschend schlicht, manche aber auch erstaunlich üppig.
Formal einfach, praktisch jedoch anspruchsvoll: Mengenangaben, Zeiten und Temperaturen entsprechen nicht modernen Rezeptstandards und setzen viel Küchenerfahrung voraus. Kochen nach diesem Buch bedeutet zwangsläufig interpretieren und experimentieren.
An wenigen Stellen greifen die Herausgeber ergänzend ein. Diese Hinweise stehen jedoch bewusst nicht innerhalb der Originalrezepte, sondern als gesonderte Einschübe. Dort werden etwa Gewürze vorgeschlagen, Zubereitungsarten verändert oder Ergänzungen empfohlen, die einzelnen Gerichten einen zeitgemäßeren Charakter geben sollen. Ziel ist es, die historischen Vorlagen behutsam – mitunter auch deutlich – an heutige Geschmackserwartungen anzunähern und sie dadurch für die Gegenwart schmackhafter zu machen, ohne den Originaltext selbst zu verändern.

Gestaltung und Sprache

Schon die äußere Ausstattung macht deutlich, dass dieses Buch nicht für die Küchenarbeitsplatte gedacht ist. Die Leinenbindung mit Goldschnitt, Lesebändchen und die insgesamt bibliophile Anmutung verweisen eher auf ein Lese- als auf ein Kochbuch. „Kafkas Kochbuch“ ist ein Band, den man im Sessel zur Hand nimmt und durchblättert – nicht einen, den man neben Herd und Schneidebrett legt. Auch im Inneren wird dieser Eindruck fortgeführt. Das Layout greift gestalterisch den Jugendstil auf; eine klassische Serifenschrift, ruhige Satzspiegel und eine sehr traditionelle Seitengestaltung bestimmen das Erscheinungsbild. Zwischenseiten mit weißer Schrift auf rotem Papier setzen gezielte Akzente und unterstreichen den edlen Gesamteindruck. Fotos gibt es keine – zeittypisch, aber aus heutiger Sicht natürlich wenig appetitanregend. Streckenweise wirkt der Band dadurch eher textlastig. Am Ende finden sich ein nach Gerichtarten gegliedertes Rezeptregister sowie eine ausführliche Bibliographie, die den wissenschaftlich-kulturhistorischen Anspruch der Herausgeber unterstreicht. Gestaltung und Layout (Rothfuss & Gabler, Hamburg) sind sorgfältig und stimmig umgesetzt, zeigen aber zugleich klar: Dieses Buch möchte gelesen werden. Für den praktischen Einsatz beim Kochen ist es kaum vorgesehen.

Fazit

„Kafkas Kochbuch“ ist ein ungewöhnlicher Band, der nur sehr bedingt in die Kategorie Kochbuch passt. Es bietet kaum praktische Anleitung, verlangt beim Nachkochen viel Interpretation und richtet sich eindeutig nicht an Leser*innen, die Inspiration für den Küchenalltag suchen. Wer konkrete Garzeiten, moderne Küchentechnik oder geschmacklich ausgearbeitete Gerichte erwartet, wird damit wenig anfangen können. Seine Stärke liegt an anderer Stelle: Das Buch funktioniert als kulturhistorisches Dokument. Es zeigt, wie Ernährung um 1900 gedacht wurde – als Gesundheitslehre, als Teil eines Lebenskonzeptes und auch als Ausdruck eines bestimmten Körperideals. In Verbindung mit den biografischen und literarischen Einschüben entsteht ein Bild der Zeit, in der Franz Kafka lebte und schrieb. Dadurch wird der Band besonders für Kafka-Interessierte und literarisch orientierte Leser*innen spannend.Als praktisches Kochbuch wird man es jedoch kaum nutzen. Es ist vielmehr ein Lesebuch über Esskultur und Lebensreform, ein bibliophiles Sammlerstück und ein Stück Literatur- und Alltagsgeschichte zwischen Buchdeckeln.

Gerade deshalb fällt auch die Bewertung anders aus als bei einem klassischen Kochbuch: Sie misst nicht die editorische Qualität oder den kulturhistorischen Wert, sondern bewusst die tatsächliche Nutzbarkeit als Kochbuch.

Bewertung: 🥄🥄🥄 (3 von 6 Löffeln)

 

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