“Zariz – 100 Easy, Breezy, Tel Aviv-y Recipes“ von Adeena Sussman, engl. Ausgabe, Avery 2026.
Inhalt und Konzept
Adeena Sussman dürfte hierzulande bislang nur wenigen ein Begriff sein, in den USA ist die Kochbuchautorin und Food-Journalistin dagegen längst eine feste Größe. Die in Kalifornien geborene Amerikanerin lebt seit 2015 in Tel Aviv, ganz in der Nähe des Carmel Market, dessen Zutaten, Menschen und kulinarische Vielfalt ihre Küche entscheidend prägen. Bevor sie mit eigenen Büchern bekannt wurde, arbeitete sie als Autorin und Rezeptentwicklerin an zahlreichen Kochbüchern mit – unter anderem an den erfolgreichen „Cravings“-Bänden von Chrissy Teigen. „Sababa“ und das auch hier (auf Englisch) erhältliche „Shabbat“ wurden in den USA Bestseller; „Zariz“ ist nun ihr drittes eigenständiges Kochbuch.
Der hebräische Titel bedeutet so viel wie „schnell“, „flink“ oder „zügig“. Doch Sussman versteht darunter ausdrücklich keine Drei-Zutaten-in-fünf-Minuten-Küche. Kochen soll für sie auch weiterhin nach angebratenen Zwiebeln duften, es darf geschnippelt, geröstet, gegrillt und geschmort werden. Vereinfacht werden stattdessen die Abläufe: weniger Zutaten, weniger gleichzeitig verwendete Töpfe und Pfannen, gezielt eingesetzte Gewürze und häufiger vollständige Gerichte, bei denen möglichst alles gemeinsam auf den Tisch kommt.
Entstanden ist dieser Ansatz in einigen sehr unruhigen Jahren. Pandemie, Krieg und ein ohnehin gut gefülltes Leben ließen Sussman nach einer Art zu kochen suchen, die Körper und Kopf nicht zusätzlich beansprucht. Ihre Küche beschreibt sie als „Insel der Ruhe“ – als einen Ort, an dem sie selbst die Regeln und den Rhythmus bestimmen kann. „Zariz“ soll genau dieses Gefühl vermitteln: unkompliziert kochen, ohne das Kochen selbst zur bloßen Pflichterfüllung zu machen. Die meisten der 100 Rezepte kommen mit weniger als zwölf Zutaten aus; Olivenöl, Salz, Pfeffer und Zitronen zählt Sussman als Grundausstattung nicht mit. Viele benötigen sogar höchstens zehn Zutaten, und nahezu jedes Rezept passt vollständig auf eine Seite. Kulinarisch bleibt das Buch dennoch ausgesprochen lebendig: Sussmans amerikanische Herkunft verbindet sich mit den israelischen, nahöstlichen und mediterranen Einflüssen ihrer Wahlheimat Tel Aviv. So entsteht eine aromenstarke Alltagsküche, die einfacher sein möchte – aber ausdrücklich nicht banal.
Zielgruppe
„Zariz“ richtet sich zunächst an alle, die die israelische und levantinische Küche mögen und deren Aromen auch in ihren Alltag holen möchten. Wer nach unkomplizierten Rezepten für den Feierabend sucht, dabei aber nicht auf kräftige Würzungen und überraschende Kombinationen verzichten will, findet hier eine große Auswahl. Voraussetzung ist allerdings ein entsprechend ausgestatteter Vorratsschrank – oder die Bereitschaft, sich einen Grundstock an nahöstlichen Zutaten anzulegen.
Durch die übersichtlichen Zutatenlisten, klaren Anleitungen und überwiegend unkomplizierten Zubereitungsarten eignet sich das Buch auch für weniger erfahrene Köch*innen. Nicht jedes Gericht ist in wenigen Minuten fertig, doch die Abläufe bleiben gut machbar und verlangen selten besondere Techniken. Auch für die Familienküche bietet „Zariz“ viele Möglichkeiten, sofern Kinder an Gewürze wie Sumach, Za’atar oder Baharat und an Zutaten wie Tahini, Harissa und eingelegte Zitronen bereits gewöhnt sind oder behutsam herangeführt werden sollen.
Vegetarier*innen finden eine beachtliche Auswahl, darunter vollständige Hauptgerichte, Salate, Suppen, Dips und Beilagen. Ein rein vegetarisches oder veganes Kochbuch ist „Zariz“ allerdings nicht: Fisch, Geflügel, Rind, Lamm, Eier und Käse nehmen ebenfalls viel Raum ein. Einzelne vegane Rezepte und Gerichte mit Tofu sind vorhanden, doch für eine konsequent vegane Ernährung ist die Auswahl deutlich begrenzter.
Da bislang nur die amerikanische Originalausgabe erhältlich ist, sollten Leser*innen außerdem mit englischsprachigen Rezepten und amerikanischen Maßeinheiten zurechtkommen oder bereit sein, diese umzurechnen.
Rezepte und Vielfalt
Mit 100 Rezepten in zwölf Kapiteln ist „Zariz“ erstaunlich breit aufgestellt. Das Buch reicht vom Frühstück über Dips, Aufstriche und Würzsaucen, Gemüsesalate und Beilagen, Suppen, Fisch, Geflügel, Rind und Lamm sowie vegetarische Hauptgerichte und Salate als Hauptgericht bis zu Pasta- und Getreidegerichten, Getränken und Desserts. Damit findet sich darin nicht nur ausreichend Auswahl für die schnelle Alltagsküche, sondern auch für Gäste, größere Runden und nahezu jede Gelegenheit. Viele Gerichte wirken auf den ersten Blick vertraut, werden von Sussman aber durch eine besondere Zubereitungsart, eine überraschende Kombination oder gezielt eingesetzte Aromen neu interpretiert. Die Shakshuka kommt vom Blech, Hummus wird mit Baharat und Pilzen kombiniert, Mujadara als Salat serviert und der Karottenkuchen mit Pistazien und Labneh-Frosting versehen. So hat man selbst bei bekannten Gerichten selten das Gefühl, genau dieses Rezept schon mehrfach gesehen zu haben.
Auch innerhalb der Kapitel ist die Vielfalt beachtlich: Neben israelischen und nahöstlichen Klassikern stehen mediterrane, amerikanische und teilweise osteuropäische Einflüsse. Die Rezepte sind stimmig komponiert, die Mengenangaben verlässlich und die Zubereitungen gut nachvollziehbar. Kochtechnisch stellen sie keine größeren Hürden dar – vorausgesetzt, die benötigten Zutaten sind vorhanden und erhältlich. Denn ganz ohne Vorbereitung funktioniert Sussmans vereinfachte Küche nicht. Tahini, Sumach, Za’atar, Harissa, Granatapfelsirup oder eingelegte Zitronen gehören immer wieder zum aromatischen Grundgerüst. Ein kleiner Vorrat an nahöstlichen Zutaten ist deshalb sinnvoll. In einem vorgeschalteten Grundlagenteil erklärt Sussman ihre wichtigsten Vorräte und zeigt unter anderem, wie sich Mandelmilch, Amba, Za’atar, Baharat, Harissa, Schug, eingelegte Zitronen und Tahini selbst herstellen lassen.
Hilfreich sind außerdem ihre „Kitchen Notes“, in denen sie Mengen, Zutaten und einige amerikanische Maßangaben näher erläutert. Für europäische Nutzer*innen bleibt dennoch ein Nachteil: Abgesehen von den Backrezepten arbeitet die amerikanische Ausgabe überwiegend mit Cups, Ounces und Fahrenheit. Wer metrische Angaben gewohnt ist, muss daher immer wieder umrechnen (lassen), was aber heutzutage KI-unterstützt kein Problem mehr darstellt.
Gestaltung und Sprache
„Zariz“ ist ein ausgesprochen schönes und farbenfrohes Kochbuch. Leuchtendes Gelb, Violett, Blau, Grün und Rosa vermitteln jene sonnige Leichtigkeit, die man mit dem Mittelmeerraum verbindet. Häufig arbeitet die Gestaltung mit intensiven Komplementärkontrasten, manchmal werden ganze Doppelseiten aber auch von einem einzigen Farbton bestimmt. Das wirkt lebendig und modern, ohne laut oder unruhig zu werden.
Die Fotografien von Dan Perez und das Foodstyling von Nurit Kariv greifen diese Atmosphäre gekonnt auf. Immer wieder spielen Licht und Schatten eine wichtige Rolle: Die Gerichte scheinen förmlich in der Sonne zu stehen und sehen ausgesprochen appetitlich aus. Dabei sind sie zwar sorgfältig inszeniert, aber nie überinszeniert. Alles wirkt so, als könnte es tatsächlich aus einer lebendigen heimischen Küche kommen. Auch die Aufnahmen von Sussman, ihrer Familie und ihren Freund*innen zeigen natürliche Szenen beim Kochen und Essen. Sie erzählen vom gemeinsamen Leben am Tisch, ohne wie makellos arrangierte Werbebilder auszusehen. Die Fotografie ist allerdings in erster Linie ästhetisch und atmosphärisch. Arbeitsschritte oder Techniken werden nicht im Bild erklärt. Einen besonderen didaktischen Mehrwert hat sie deshalb nicht – bei den überwiegend unkomplizierten Zubereitungen ist das aber auch kaum erforderlich.
Das von Ashley Tucker entwickelte Layout ist klar und funktional. Schwarze Schrift auf weißem Grund, deutlich voneinander getrennte Zutatenlisten und Zubereitungsschritte sowie die meist auf einer Doppelseite abgeschlossenen Rezepte sorgen dafür, dass man beim Kochen nicht blättern muss. Der ausführliche Index erschließt das Buch sowohl über Zutaten als auch über die Namen der Gerichte und macht die Orientierung erfreulich einfach.
Auch sprachlich bleibt Sussman ihrem Konzept treu. Ihre kurzen Einleitungen sind persönlich, zugänglich und häufig humorvoll, ohne die eigentlichen Rezepte zu überfrachten. Die Anleitungen sind präzise und auf den Punkt gebracht: Sie lassen keine entscheidenden Schritte aus, erklären genau das, was man wissen muss, und sind auch für weniger erfahrene Köch*innen gut nachvollziehbar. Allerdings liegt „Zariz“ bislang ausschließlich auf Englisch vor.
Fazit
„Zariz“ ist ein Kochbuch für einen Alltag, in dem wenig Zeit nicht automatisch wenig Geschmack bedeuten soll. Adeena Sussman vereinfacht ihre Küche an den richtigen Stellen: Die Zutatenlisten bleiben überschaubar, die Abläufe klar und der Abwasch häufig begrenzt. Auf überraschende Kombinationen, kräftige Aromen und die Freude am eigentlichen Kochen verzichtet sie dabei nicht. Besonders überzeugend ist die große Vielfalt. Vom schnellen Frühstück und unkomplizierten Abendessen bis zum Essen mit Gästen bietet das Buch Ideen für nahezu jede Gelegenheit. Selbst bekannte Gerichte erhalten durch eine andere Zubereitung oder einen gezielten aromatischen Dreh eine eigene Handschrift. Die Rezepte sind stimmig komponiert, zuverlässig beschrieben und auch ohne besondere Kocherfahrung gut umzusetzen.
Wer die levantinische Küche liebt und Tahini, Sumach, Za’atar, Harissa oder Granatapfelsirup ohnehin im Vorrat hat, wird aus „Zariz“ besonders viel kochen können. Alle anderen müssen zunächst ein wenig aufrüsten. Auch die englische Sprache und die amerikanischen Maßeinheiten bilden für deutschsprachige Nutzer*innen eine gewisse Hürde. Davon abgesehen ist „Zariz“ eine ausgesprochen gelungene Verbindung aus alltagstauglicher Küche, neuen Ideen und mediterraner Leichtigkeit. Kein Schnellkochbuch für Menschen, die eigentlich nicht kochen wollen – sondern eines für alle, die gerne gut kochen und essen, dafür im Alltag aber nicht unnötig viel Zeit und Energie aufwenden möchten.
Bewertung: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄 von 6 Löffeln
