Carolina Doriti – Griechische Inselküche

1. Eckdaten

Titel: „Griechische Inselküche“ (engl. Titel: „The Greek Islands Cookbook“)

Autorin: Carolina Doriti

Verlag: ars vivendi Verlag (Originalausgabe Murdoch Books)

Erscheinungsjahr: 2026 (GB 2025)

Rezensionsexemplar – vielen Dank!

2. Inhalt und Konzept

Carolina Doriti wurde in Athen geboren und wuchs in einem stark kulinarisch geprägten Umfeld auf; ihre Mutter arbeitete als Food-Autorin und Rezeptentwicklerin, Doriti selbst entwickelte nach eigenen Angaben schon als Jugendliche eigene Rezepte. Nach einem Studium in Großbritannien arbeitet sie seit 2005 als Köchin und Gastronomieberaterin, schreibt über griechische Esskultur und deren Geschichte und ist unter anderem als Culinary Producer für die US-amerikanische PBS-Reihe My Greek Table tätig. „Griechische Inselküche“ ist nach „Salt of the Earth“ ihr zweites Kochbuch und knüpft an ihre intensive Beschäftigung mit regionalen griechischen Küchen und kulinarischen Traditionen an. Sie versteht die griechische Inselküche nicht als eine einheitliche regionale Küche, sondern als ein Geflecht zahlreicher kleiner kulinarischer Welten. Ausgangspunkt ihres Buches sind die unterschiedlichen Landschaften, historischen Einflüsse und Lebensbedingungen der Inseln: fruchtbare Täler oder karge Böden, Gebirge, Küsten und Meer bestimmen ebenso, was gekocht wird, wie Handel, frühere Besatzungen, lokale Landwirtschaft und die teilweise jahrhundertelange Abgeschiedenheit einzelner Inseln. So sind Gemeinsamkeiten entstanden, zugleich aber auch sehr unterschiedliche regionale Produkte, Gerichte und Aromen.

Für Doriti ist diese Beschäftigung zugleich persönlich. Ihr Großvater stammte von Paros, sie selbst verbrachte viele Sommer auf den griechischen Inseln und verbindet ihre Küche mit familiären Erinnerungen. Für das Buch hat sie darüber hinaus mit lokalen Köch*innen und Produzent*innen gearbeitet und die kulinarischen Traditionen verschiedener Inseln recherchiert. Sie beschreibt die Inselküche dabei ausdrücklich nicht als etwas Starres: Tradition soll bewahrt werden, gleichzeitig versteht sie diese Küche als lebendige Kultur, die sich verändert und von den Menschen vor Ort weiterentwickelt wird.

Ein zentraler Gedanke ist die lange notwendige Selbstversorgung der Inseln. Angebaut, hergestellt und konserviert wurde, was die jeweilige Umgebung hergab – von Hülsenfrüchten, Getreide und Gemüse über Käse und Kräuter bis zu Fisch und Meeresfrüchten. Trocknen, Einlegen und andere Konservierungsmethoden gehörten deshalb selbstverständlich zum Küchenalltag. Zugleich entstanden durch Handelsverbindungen und fremde Einflüsse neue Zutaten und Gewürzkombinationen. Doriti beschreibt die Inselküchen damit immer wieder aus dem Spannungsfeld von Isolation und Austausch. Auch innerhalb Griechenlands gibt es entsprechend deutliche Unterschiede. Die Einleitung führt zunächst durch die großen Inselgruppen – Ionische Inseln, Kykladen, nordöstliche Ägäis, Dodekanes, Saronische Inseln und Sporaden – sowie Kreta und Euböa. Dabei werden typische Produkte und kulinarische Eigenheiten skizziert: etwa Wein und Kräuter auf den Kykladen, Masticha und Zitrusfrüchte in der nordöstlichen Ägäis, Kreuzkümmel auf den Dodekanes oder die besonders ausgeprägte Produktvielfalt Kretas.

Die Rezepte selbst sind anschließend jedoch nicht nach Inseln geordnet. Doriti entscheidet sich für eine klassische kulinarische Struktur mit Kapiteln zu Frühstück & Brunch, Kleine Speisen zum Teilen, Fisch & Meeresfrüchte, Fleisch, Pasteten & Teigtaschen, Getreide & Hülsenfrüchte, Gerichte mit Gemüse, Salate, Süßes und Extras. Die regionale Herkunft einzelner Gerichte wird damit innerhalb einer alltagstauglichen Rezeptstruktur sichtbar gemacht, statt das Buch als Insel-für-Insel-Reiseführer aufzubauen. Insgesamt möchte Doriti also mehr bieten als eine Sammlung griechischer Rezepte. Ihr Anspruch ist, die kulinarische Vielfalt der griechischen Inselwelt über ihre Gerichte, Produkte und Geschichten sichtbar zu machen und zugleich ein Stück dieses regionalen Wissens zu bewahren.

Struktur des Buches

Frühstück & Brunch
Schon im ersten Rezeptkapitel zeigt sich eine gewisse Spannung zwischen dem Anspruch einer dezidierten Inselküche und der tatsächlichen Auswahl. Doriti ordnet ihre Gerichte zwar immer wieder bestimmten Inseln zu, macht in den Begleittexten aber zugleich deutlich, dass manche davon in ähnlicher Form in ganz Griechenland verbreitet sind. Bei den Tiganites, den griechischen Pfannkuchen, spricht sie selbst von zahlreichen regionalen Varianten und präsentiert hier eine Version von Samos. Auch Dakos oder ein Insel-Granola mit Joghurt, Früchten und Honig lassen sich nur bedingt als eigenständige Inselküche lesen. Gerade beim Granola wirkt die Verbindung eher modern konstruiert: Granola gehört längst zum internationalen Frühstücksrepertoire; griechischen Charakter erhält es vor allem durch Joghurt und Honig.

Daneben gibt es deutlich konkretere regionale Bezüge: mit Käse gefüllte Pfannkuchen, ein Omelett mit Würstchen, Kartoffeln und Minze von den Kykladen, fluffige Krapfen mit Honig, Walnüssen und Zimt oder die doppelt gebackenen Olivenöl-Kekse mit Orange und Anis, die Doriti auf Tinos verortet und dort als typische Begleitung zum Kaffee beschreibt. Besonders deutlich wird diese Spannung beim Rührei in Auberginen-Tomatensauce aus Santorin. Rührei mit Tomaten und Feta gehört zunächst einmal zu den bekannten Klassikern der griechischen Küche. Der eigentliche Inselbezug steckt an anderer Stelle: Doriti erzählt von den weißen Auberginen Santorins, die süßer schmecken, weniger Kerne besitzen und eng mit den besonderen Anbaubedingungen der Insel verbunden sind. Genau solche Produkte könnten den Unterschied zwischen allgemeiner griechischer Küche und einer spezifischen Inselküche sichtbar machen.

Gleichzeitig zeigt sich hier aber auch ein grundsätzliches Problem des Konzepts. Solche regionalen Zutaten sind oft schon innerhalb Griechenlands außerhalb ihrer Herkunftsregion schwer erhältlich – in Deutschland oder anderen europäischen Ländern erst recht. Natürlich ist es sinnvoll, Rezepte so anzulegen, dass sie auch mit verfügbaren Zutaten funktionieren. Doch sobald das charakteristische Inselprodukt ersetzt werden muss und seine Bedeutung nur noch in einem kurzen Begleittext auftaucht, verliert das Gericht einen Teil dessen, was seine regionale Eigenart eigentlich ausmacht. Aus einer Spezialität Santorins wird dann schnell wieder ein allgemein griechisch wirkendes Gericht.

Gerade deshalb wäre es hilfreich gewesen, die besonderen Produkte und kulinarischen Merkmale der einzelnen Inseln stärker sichtbar zu machen: etwa durch deutlich gekennzeichnete Infokästen, Zutatenporträts oder Hinweise direkt am Rezept. Doriti verfügt offensichtlich über dieses Wissen, doch es ist im Buch nicht immer leicht auffindbar. So entsteht bereits im ersten Kapitel der Eindruck, dass „Griechische Inselküche“ weniger eine konsequente Darstellung klar voneinander unterscheidbarer Inselküchen ist als vielmehr griechische Küche mit Rezepten und Geschichten von den Inseln.

Ergänzt wird das Kapitel durch einen ausführlicheren Einschub über griechischen Inselhonig. Doriti beschreibt verschiedene Honigsorten und ihre Herkunft – etwa Thymian-, Wildblüten-, Heidekraut- oder Pinien-Thymian-Honig – und zeigt zugleich, wie vielfältig Honig in der Inselküche eingesetzt wird. Auch hier geht der Blick allerdings quer über zahlreiche Inseln. Die Einschübe vermitteln damit durchaus interessantes Wissen über Produkte und kulinarische Traditionen, verstärken aber zugleich den Eindruck, dass das Buch eher ein Panorama griechischer Inselküchen entwirft, als die einzelnen Inseln konsequent voneinander abzugrenzen.

Kleine Speisen zum Teilen
Das zweite Rezeptkapitel umfasst 13 kleine Gerichte und Dips und bewegt sich deutlich im Umfeld klassischer griechischer Mezze. Dabei gibt es durchaus reizvolle regionale Varianten – zugleich wird aber noch deutlicher, wie großzügig Doriti den Begriff der Inselküche auslegt. So sind die Keftedakia, gegrillte oder gebratene Fleischbällchen mit Minze aus Folegandros, zunächst ein griechischer Klassiker. Doriti schreibt selbst, dass Fleischbällchen auf allen griechischen Inseln verbreitet sind; hier soll vor allem die Minze den besonderen Charakter der Variante ausmachen. Weshalb das Gericht darüber hinaus gerade Folegandros zugeordnet wird, bleibt jedoch offen. Ähnlich verhält es sich mit den Kichererbsenbällchen mit Mandel-Knoblauch-Dip aus Nisyros. Auch hier weist Doriti darauf hin, dass sich von Insel zu Insel zahlreiche Varianten finden. Auf der Vulkaninsel Nisyros werden sie besonders gern mit Skordalia serviert. Doch auch Skordalia ist keineswegs auf diese Insel beschränkt, sondern ein weit verbreiteter Bestandteil der griechischen Küche. Der Inselbezug liegt damit weniger im Gericht selbst als in einer bestimmten lokalen Kombination. Die frühlingshaften Zucchini-Bratlinge aus Thasos sind ein weiteres Beispiel. Doriti bezeichnet sie selbst als klassisches griechisches Sommergericht. Warum gerade diese Variante Thasos repräsentiert, wird nicht wirklich ausgeführt. Beim gekochten Fisch mit Kräutern und Kapern von Paros ist die Verbindung dagegen ausdrücklich persönlich: Das Gericht erinnert die Autorin an ihre dort verbrachten Kindheitssommer. Auch das ist legitim – es beschreibt dann allerdings eher Doritis kulinarische Erinnerung an eine Insel als eine eindeutig dort beheimatete Spezialität.

Spannender wird es dort, wo tatsächlich ein regionales Produkt ins Spiel kommt. Für die Fava-Bratlinge aus Santorin verwendet Doriti die gelbe Platterbse, die in Griechenland ebenfalls als Fava bezeichnet wird – nicht zu verwechseln mit der italienischen Saubohne. Auf Santorin wächst mit Lathouri eine besondere Sorte. Damit gibt es hier tatsächlich einen konkreten Zusammenhang zwischen Landschaft, Landwirtschaft und Gericht. Doch genau an dieser Stelle kehrt das bereits bekannte Problem zurück: Die Originalzutat ist außerhalb Griechenlands nur über griechische Feinkostgeschäfte oder das Internet erhältlich, weshalb Doriti ersatzweise gelbe Schälerbsen empfiehlt. Das Rezept wird dadurch problemlos nachkochbar, entfernt sich aber zugleich wieder von dem Produkt, das seinen spezifischen Inselcharakter begründet. Auch bei den verschiedenen Cremes und Dips bewegt sich das Kapitel zwischen allgemein Griechischem und regionalen Ausprägungen. Tsatsiki wird ausdrücklich als Variante „von den Inseln“ präsentiert, obwohl es selbstverständlich weit über die Inselwelt hinaus zur griechischen Küche gehört. Eine Fischrogencreme wird Lesbos zugeordnet, ohne dass die regionale Verbindung näher erläutert wird. Beim Petersilien-Dip aus Kefalonia und dem cremigen Feta-Dip aus Syros bleibt die Begründung ebenfalls eher knapp. Interessanter wird es dort, wo Doriti auf konkrete Produktionszusammenhänge eingeht – etwa wenn sie bei einer Creme erklärt, dass der verwendete Frischrahm auf Kefalonia und anderen Ionischen Inseln als Nebenprodukt der Käseherstellung entsteht.

Der Einschub: Inselziegen und -schweine
Der begleitende Text über Inselziegen und -schweine gehört dagegen zu den Stellen, an denen Doritis Konzept überzeugender greifbar wird. Sie beschreibt, wie stark Tierhaltung und Fleischverarbeitung von Landschaft, Klima und historischen Lebensbedingungen geprägt sind: frei lebende Ziegen, deren Futter sich unmittelbar auf Fleisch und Milch auswirkt, traditionelle Ziegen- und Schafsprodukte sowie die fast vollständige Verwertung geschlachteter Schweine. Auch regionale Zubereitungen und Konservierungsmethoden werden genannt. Gerade solche Einschübe vermitteln das, was man von einem Buch über Inselküchen eigentlich erwartet: Zusammenhänge zwischen Landschaft, Landwirtschaft, verfügbaren Ressourcen und Esskultur. Allerdings bleibt auch dieser Text ein Querschnitt durch zahlreiche Inseln. Er vertieft das Verständnis der griechischen Inselwelt insgesamt, hilft aber nur bedingt dabei, die einzelnen Inselküchen klar voneinander zu unterscheiden.

Fisch und Meeresfrüchte
Mit nur acht Rezepten fällt das Kapitel erstaunlich knapp aus – gerade in einem Buch, das die Küche griechischer Inseln ins Zentrum stellt und in der Einleitung die enge Verbindung von Inselbewohner*innen und Meer stark betont. Die Auswahl selbst ist allerdings abwechslungsreich und teilweise deutlich weniger erwartbar als in vielen allgemeinen Griechenland-Kochbüchern. So gibt es Muscheln in Ouzo-Fenchelsud von Lesbos, wobei Doriti den Bezug zur Insel mit der dort verbreiteten Muschelzucht begründet. Eine einfache Fischsuppe mit Ei-Zitronen-Sauce, Avgolemono, wird Paros zugeordnet; hier ist die Verbindung wiederum vor allem biografisch, weil Doriti das Gericht mit den Sommern bei ihrem Großvater verbindet. Die regionale Verortung erzählt damit mehr über ihre persönliche kulinarische Erinnerung als über eine eindeutig nur dort heimische Spezialität.

Eigenständiger wirkt die in Feigenblätter gewickelte Goldbrasse vom Grill aus Euböa. Hier verbindet Doriti die Zubereitung mit einem Fisch, der auf der Insel besonders geschätzt werde, und einer ungewöhnlicheren Technik. Der Wolfsbarsch mit Kartoffeln, Knoblauch und Olivenöl aus Korfu bewegt sich dagegen wieder stärker im vertrauten Spektrum einfacher griechischer Fischgerichte. Ähnlich verhält es sich mit dem Kabeljau aus dem Ofen mit Tomaten, Kartoffeln, Zucchini und Zwiebeln. Doriti greift hier im Grunde eine verbreitete griechische Art der Fischzubereitung auf und ergänzt sie selbst um Kartoffeln und Zucchini. Warum gerade diese Fassung einer bestimmten Insel zugeordnet wird, bleibt weniger klar. Daneben stehen Gerichte, bei denen zumindest das regionale Produkt beziehungsweise die lokale Fischerei stärker in den Vordergrund rückt: Hummer-Spaghetti mit schneller Tomatensauce, weil die betreffende Insel für Hummer bekannt ist, oder Kaisergranate mit Zucchini aus Skiathos, das Doriti mit der dortigen Bedeutung von Meeresfrüchten sowie der Kombination mit Garten- und Wildgemüse verbindet. Beim gegrillten Tintenfisch mit Kräuterreis liegt die Besonderheit weniger im Tintenfisch selbst – täglich frischer Fang dürfte für zahlreiche Inseln gelten – als in der konkreten Zubereitung mit Pflaumentomaten und Kapernblättern und der spießartigen Präsentation.

Damit wiederholt sich auch in diesem Kapitel das bereits bekannte Muster: Manche Gerichte besitzen einen nachvollziehbaren regionalen Anker, bei anderen bleibt die Inselzuordnung eher locker oder persönlich begründet. Gleichzeitig ist die Auswahl kulinarisch durchaus spannend, weil Doriti sich nicht auf gegrillten Fisch, Calamari und wenige bekannte Klassiker beschränkt.

Der Einschub: Die Schwammtaucher von Kalymnos
Der begleitende Einschub über die Schwammtaucher von Kalymnos wirkt auf den ersten Blick etwas überraschend – schließlich geht es nicht um ein Lebensmittel. Tatsächlich gehört er aber zu den stärkeren kulturgeschichtlichen Passagen des Buches.

Doriti beschreibt Kalymnos als karge Dodekanes-Insel, deren Bevölkerung aufgrund begrenzter landwirtschaftlicher Ressourcen traditionell besonders eng mit dem Meer verbunden war. Fischer und Schwammtaucher prägten die lokale Wirtschaft und Lebensweise. Interessant wird der Text dort, wo diese maritime Geschichte direkt in die Esskultur übergeht: Doriti erklärt etwa die traditionelle Konservierungsmethode Spinialo, bei der Meeresfrüchte – darunter Muscheln beziehungsweise die lokal vorkommenden Fouskes – eingesalzen, in Flaschen abgefüllt und mit Olivenöl konserviert werden. Hier entsteht genau die Verbindung von geografischen Bedingungen, wirtschaftlicher Geschichte, verfügbaren Lebensmitteln und Kochtechnik, die wir uns an anderen Stellen des Buches häufiger wünschen würden. Bemerkenswert ist außerdem der historische Exkurs zur Auswanderung kalymnischer Schwammtaucher nach Tarpon Springs in Florida zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damit zeigt Doriti, wie sich eine lokale maritime Tradition sogar außerhalb Griechenlands weiterentwickelte und eine griechisch-amerikanische Gemeinschaft prägte.

Gerade dieser Einschub führt deshalb fast exemplarisch vor, was das Buch besonders gut kann, wenn es sich Zeit für Kontext nimmt. Er erklärt nicht nur, was gegessen wird, sondern warum sich bestimmte Lebensmittel und Konservierungsmethoden auf einer Insel entwickelt haben. Und genau deshalb entsteht hier wieder ein kleiner Widerspruch: Der kulturgeschichtliche Text macht die enge Verbindung der Inseln zum Meer sehr anschaulich – das eigentliche Rezeptkapitel bildet diese Bedeutung mit nur acht Gerichten aber vergleichsweise knapp ab.

Fleisch
Das Kapitel Fleisch umfasst zehn Rezepte und fällt damit ebenfalls vergleichsweise kompakt aus. Wer griechische Küche vor allem aus deutschen Restaurants kennt, könnte das zunächst überraschen. Tatsächlich zeichnet Doriti aber ein anderes, historisch stärker geprägtes Bild: Fleisch gehört zur Inselküche, spielt dort jedoch häufig eine besondere Rolle bei Festen und gemeinschaftlichen Anlässen und weniger als selbstverständliches Alltagsessen.

Auch hier ist die regionale Verankerung der einzelnen Gerichte unterschiedlich stark. Beim Schweinefleisch mit Kreuzkümmel, Bulgur und Kichererbsen aus Kos ist sie recht nachvollziehbar: Doriti verweist auf die vergleichsweise fruchtbare Insel und darauf, dass Schweinefleisch dort eine größere Rolle spielt als auf manchen anderen Inseln. Deutlich indirekter ist die Verbindung bei der wohltuenden Rindfleischsuppe mit Gemüse aus Zakynthos. Das Rezept stammt von einer Köchin und Restaurantbesitzerin in den USA, die auf Zakynthos aufgewachsen ist. Hier wird also wieder eine persönliche beziehungsweise biografische Überlieferung zur Grundlage der Inselzuordnung. Der klassische Lammbraten mit Kartoffeln, Kräutern und Knoblauch von Lesbos ist dagegen erneut ein Beispiel für ein Gericht, dessen regionale Exklusivität Doriti selbst relativiert: Es wird zu Ostern und anderen Feiertagen in ganz Griechenland und auf zahlreichen Inseln serviert. Lesbos ist damit eher eine konkrete Ausprägung eines weit verbreiteten Festessens als dessen eindeutiger Herkunftsort. Spannender wird es dort, wo bestimmte Techniken oder Würzungen ins Spiel kommen. Beim geschmorten Hähnchen mit Kartoffeln aus Ithaka steht die Tserepa, ein traditionelles Kochgefäß, im Mittelpunkt – allerdings weist Doriti selbst darauf hin, dass dieses auch auf Kefalonia und Lefkada verbreitet ist. Der Inselbezug ist damit regional, aber keineswegs auf Ithaka beschränkt. Sehr viel klarer ist dagegen das in würziger Tomatensauce geschmorte Rindfleisch auf Pasta aus Korfu. Hier liegt die Besonderheit in einer charakteristischen Gewürzmischung aus unter anderem Lorbeer, Fenchelsamen, Kreuzkümmel, Paprika, Zimt, Muskat, Nelken, Pfeffer und Piment. Solche Details machen nachvollziehbar, warum ein Gericht trotz grundsätzlich vertrauter Zutaten tatsächlich regional geprägt sein kann. Bei den Kritharaki mit Rinderhackfleisch aus dem Ofen von Samos erklärt Doriti zwar ausführlicher den Zusammenhang mit dem traditionellen Schmorgefäß Giouvetsi, doch der spezifische Bezug zu Samos bleibt weniger deutlich. Ähnlich verhält es sich mit der langsam geschmorten Schweineschulter mit Zitrone und Fenchelsamen aus Kreta: Der Hinweis auf die besondere Verwendung von Zitronenblättern und -blüten auf Kreta ist interessant, wird aber nicht wirklich zu einem klar erkennbaren regionalen Profil des Gerichtes ausgebaut.Stärker mit lokaler Festkultur verbunden ist der Ziegen-Kartoffel-Eintopf mit Wein und Thymian aus Amorgos. Doriti bezeichnet ihn als kulinarisches Herzstück bestimmter Inselfeste – und genau hier greifen Rezept und begleitender kulturgeschichtlicher Einschub überzeugend ineinander.Bei den gefüllten Kohlrouladen mit Ei-Zitronen-Sauce aus Syros und Tinos zeigt sich dagegen erneut, dass verschiedene Inseln jeweils eigene Varianten eines weiter verbreiteten Gerichtes besitzen. Und das Schweinefleisch-Souvlaki mit Pitabrot „von den Inseln“ ist letztlich ausdrücklich griechisches Streetfood, das Doriti selbst als landesweit populär beschreibt.

Panigyria – die Inselfeste
Der Einschub über die Panigyria, die traditionellen Inselfeste, gehört wiederum zu den stärkeren Kontexttexten des Buches. Doriti beschreibt sie nicht nur als religiöse oder folkloristische Veranstaltungen, sondern als gesellschaftliche Zentren des Insellebens: Musik, Tanz, Essen und gemeinschaftliches Feiern gehören untrennbar zusammen. Besonders interessant ist die Rolle des Essens. Ganze Dörfer beteiligen sich an der Vorbereitung, bei größeren Festen wird in riesigen Töpfen oder über offenem Feuer gekocht. Je nach Insel kommen Ziege, Lamm oder Schwein auf den Tisch; auf anderen Inseln stehen Fisch und Meeresfrüchte stärker im Mittelpunkt. Doriti nennt verschiedene lokale Traditionen und zeigt damit, dass die Festküche durchaus von den verfügbaren Produkten und regionalen Gewohnheiten geprägt wird. Sie schlägt außerdem einen historischen Bogen: Die Panigyria reichen in ihren Ursprüngen weit zurück, religiöse Bräuche wurden im Laufe der Zeit verändert und in christliche Traditionen integriert. Auf Kreta etwa spielt das Antikristo, langsam am offenen Feuer gegartes Ziegen- oder Lammfleisch, bei solchen Festen eine Rolle. Andere Inseln haben wiederum eigene Festgerichte. Der Text macht außerdem sehr schön sichtbar, dass Essen hier nicht nur Versorgung ist, sondern soziale Funktion besitzt. Gemeinsam essen, tanzen, trinken und feiern stiftet Zugehörigkeit. Gerade dadurch erklärt dieser Einschub auch plausibel, warum Fleisch in der traditionellen Inselküche einen besonderen Stellenwert haben kann, ohne täglich gegessen worden zu sein.

Pasteten und Teigtaschen

Mit nur fünf Rezepten gehört Pasteten & Teigtaschen zu den kleinsten Kapiteln des Buches. Inhaltlich ist es dafür erstaunlich ergiebig. Pasteten und gefüllte Teige sind zwar keineswegs ausschließlich auf den griechischen Inseln zu Hause, doch Doriti gelingt es hier häufiger, die jeweilige Variante tatsächlich mit ihrer Herkunft und den dortigen Lebensbedingungen zu verbinden. Besonders schön zeigt sich das bei der Zwiebelpastete aus Mykonos. Doriti stellt dabei dem heutigen Bild Mykonos’ als internationalem, lebhaftem Ferienziel eine ganz andere Inselgeschichte gegenüber: Die kargen Böden boten nur begrenzte Möglichkeiten für Landwirtschaft, und mit dem gesellschaftlichen und touristischen Wandel droht ein Teil dieser traditionellen Kultur verloren zu gehen. Das Rezept erhält sie von einer Mykonierin, deren Familie eng mit der Landwirtschaft verbunden ist und die am Projekt Rizes beteiligt ist, das traditionelle Architektur, Dorfleben und kulinarisches Erbe bewahren möchte. Damit bekommt ein Rezept plötzlich genau jene Tiefe, die wir uns häufiger wünschen: Es steht nicht einfach „Mykonos“ darüber, sondern man versteht, warum dieses Gericht dort eine Bedeutung besitzt und wer dafür sorgt, dass dieses Wissen erhalten bleibt. Gleichzeitig bleibt die Zwiebelpastete für Leser*innen außerhalb Griechenlands gut nachkochbar. Ein lokaler Käse lässt sich beispielsweise durch Ricotta ersetzen, und Fenchelgrün kann außerhalb der Saison durch Dill oder eine entsprechende Mischung ausgetauscht werden. Hier gelingt der Spagat zwischen regionalem Original und praktischer Zugänglichkeit wesentlich überzeugender als dort, wo eine charakteristische Inselzutat fast vollständig aus dem Rezept verschwindet.

Auch die Ladenia aus Kimolos, ein Teigfladen mit rauchiger Aubergine, Tomaten und Feta, besitzt einen nachvollziehbaren kulturellen Hintergrund. Doriti beschreibt die Vulkaninsel, ihre Fisch- und Käsetradition und verweist zugleich auf venezianische Einflüsse. Die Ladenia erinnert mit ihrem dicken Teig eher an eine Focaccia als an eine dünne Pizza und wird traditionell unter anderem mit Tomaten, Zwiebeln, Kapern und Oregano belegt. Doriti präsentiert dabei bewusst ihre eigene Variante. Das ist interessant, weil sie hier transparent macht, wo Tradition endet und ihre persönliche Interpretation beginnt. Bei den Pità mit Spinat, Gemüse und Kräutern aus Karpathos ist die Verbindung wieder stärker biografisch vermittelt: Das Rezept stammt aus dem familiären Umfeld einer Bekannten, deren Mutter von Karpathos kommt. Vergleichbare gefüllte Teigtaschen gibt es in zahlreichen Regionen Griechenlands, sodass die Inselzuordnung hier weniger eindeutig ist. Immerhin legt Doriti ihre Quelle offen – und macht damit deutlich, dass sie eine konkrete überlieferte Version präsentiert und keinen exklusiven Ursprungsanspruch erhebt. Regional spezifischer wirken die Tiortes aus Symi, Teigtaschen mit Käse-Minze-Füllung, die traditionell besonders zu Ostern zubereitet werden. Mit Mastiha kommt außerdem eine Zutat ins Spiel, die einen deutlich griechisch-regionalen Charakter besitzt, auch wenn Doriti sie für das Rezept lediglich optional vorsieht. Wieder zeigt sich damit der Versuch, Authentizität anzudeuten, ohne Leser*innen mit schwer beschaffbaren Zutaten auszuschließen. Sehr reizvoll klingt schließlich die Kabeljaupastete aus Kefalonia. Doriti führt den gesalzenen Kabeljau auf den venezianischen Einfluss zurück und schlägt damit erneut eine historische Verbindung zwischen Inselgeschichte und Küche. Für ihre eigene Version verwendet sie lieber frischen Kabeljau – eine Anregung, die wiederum aus dem persönlichen Umfeld ihrer Familie stammt. Auch beim Teig bleibt sie pragmatisch: Wer ihn nicht selbst herstellen möchte, kann auf fertigen Filo- oder Blätterteig zurückgreifen. Gerade dieses Kapitel zeigt deshalb schön, dass Zugänglichkeit und regionale Identität sich nicht zwangsläufig widersprechen. Ersatzprodukte und Vereinfachungen funktionieren besonders dann, wenn das Buch vorher erklärt, was das Original ausmacht und weshalb es auf der jeweiligen Insel eine Rolle spielt.

Die Genossenschaften der Inseln
Der begleitende Einschub über die Genossenschaften der Inseln passt außerordentlich gut zu diesem Kapitel und gehört für mich wiederum zu den informativeren Hintergrundtexten. Doriti beschreibt Genossenschaften nicht nur als wirtschaftliche Zweckgemeinschaften. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Bewahrung regionaler Produkte, handwerklicher Traditionen und sozialen Zusammenhalts. Landwirtschaftliche Kooperativen ermöglichen es kleinen Produzent*innen beispielsweise, Käse und andere Milchprodukte, Olivenöl, Oliven und weitere lokale Spezialitäten gemeinsam herzustellen und zu vermarkten. Doriti nennt hier unter anderem Produkte wie Mastiha aus Chios oder Korinthen aus Zakynthos. Daneben geht es auch um Handwerk: Keramik auf Sifnos und Rhodos oder traditionelle Webkunst auf Kreta werden über gemeinschaftliche Strukturen bewahrt und weitergegeben. Bedeutende Weinbaukooperativen gibt es ebenfalls – beispielsweise auf Santorin und Samos. Besonders interessant finde ich Doritis Hinweise auf Frauengenossenschaften. Auf Ikaria produziert eine solche Kooperative traditionelle Lebensmittel wie Konfitüren, Kräutertees und Liköre; auch auf Lesbos gibt es entsprechende Zusammenschlüsse, die ein breites Spektrum lokaler Spezialitäten herstellen. Genossenschaften werden damit nicht nur als Instrument wirtschaftlicher Stabilität dargestellt, sondern auch als Möglichkeit, Wissen, Herstellungsverfahren und Rezepte an die nächste Generation weiterzugeben und insbesondere Frauen wirtschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Und damit wird dieser Einschub fast zu einer Antwort auf die Frage, die das Kapitel mit der Zwiebelpastete aus Mykonos aufwirft: Wie überlebt eine regionale Küche überhaupt, wenn traditionelle Landwirtschaft und Lebensformen verschwinden? Doritis Antwort lautet zumindest teilweise: durch Menschen und Gemeinschaften, die dieses Wissen aktiv bewahren und wirtschaftlich tragfähig halten.

Getreide und Hülsenfrüchte
Das Kapitel umfasst sieben Rezepte und ist ausgesprochen heterogen: Suppen stehen neben Pilaw, gefülltem Gemüse und Ofengerichten. Damit zeigt Doriti weniger eine klar abgegrenzte Rezeptgruppe als vielmehr, wie selbstverständlich Getreide und Hülsenfrüchte in ganz unterschiedlichen Bereichen der Inselküche eingesetzt werden.
Einen überzeugenden regionalen Bezug besitzt der kretische Hochzeitspilaw. Hier gehört das Gericht unmittelbar zu einer konkreten Festtradition und wird damit tatsächlich Teil einer regionalen Esskultur. Wesentlich diffuser ist die Zuordnung der gefüllten Zucchiniblüten und Mangold-Dolmades mit Reis und Kräutern zu Ios. Doriti weist selbst darauf hin, dass sowohl Zucchiniblüten als auch Dolmades auf den griechischen Inseln weit verbreitet sind. Ios steht damit eher für eine bestimmte Variante als für ein exklusiv dort beheimatetes Gericht. Noch deutlicher zeigt sich das beim Klassiker Gemista – gefüllte Tomaten und Paprika mit Kartoffeln. Doriti verortet das Rezept auf Ägina, erklärt gleichzeitig aber, dass es in ganz Griechenland ein typisches Sommergericht ist. Der eigentliche Bezug zu Ägina ist biografisch: Es handelt sich um das Gericht ihrer Großmutter, das Doriti mit deren Sommerküche auf der Insel verbindet. Auch hier geht es also eher um persönliche kulinarische Herkunft als um geografische Exklusivität. Die im Ofen geschmorten Kichererbsen mit Auberginen aus Patmos bewegen sich dazwischen. Kichererbsen beschreibt Doriti selbst als Grundnahrungsmittel zahlreicher Inselregionen, insbesondere der Kykladen, des Dodekanes und Kretas. Auf Patmos erhält das Gericht jedoch durch seine Verbindung mit dem Johannesfest einen konkreteren kulturellen Rahmen. Die Zutaten allein machen es also noch nicht zur Patmos-Spezialität – der lokale Brauch tut es eher. Beim Auberginenreis aus Chios und Syros wird die regionale Differenzierung etwas greifbarer. Doriti nennt beide Inseln als Orte, an denen entsprechende Gerichte besonders verbreitet seien, und verweist etwa auf die Zugabe von Minze auf Chios. Das ist genau die Art kleiner Abweichung, mit der regionale Kochtraditionen nachvollziehbar werden. Interessant ist auch die Linsensuppe mit kleinen Nudeln aus Astypalea. Dort kommen traditionell die lokal hergestellten Arista-Nudeln zum Einsatz. Wiederum ist die Grundidee – Linsen mit Nudeln – weit über diese Insel hinaus bekannt; der regionale Charakter entsteht durch die konkrete Nudelsorte. Für Leser*innen außerhalb Griechenlands stellt sich damit erneut die Frage, wie viel von der ursprünglichen Inselküche übrig bleibt, wenn gerade dieses charakteristische Produkt ersetzt werden muss. Die Tomatensuppe mit Reis aus Tilos ist schließlich ein eher schwach abgegrenztes Beispiel. Auf Tilos wird sie laut Doriti traditionell mit Reis, Bulgur oder Trahana gekocht und mit Pinienkernen bestreut. Darüber hinaus bleibt der Inselbezug jedoch relativ knapp – und Tomatensuppe mit Getreide ist natürlich keineswegs auf eine griechische Insel beschränkt. Damit bestätigt auch dieses Kapitel: Ein Gericht wird im Buch nicht immer deshalb einer Insel zugeordnet, weil es ausschließlich dort vorkommt. Manchmal ist es eine lokale Variante, manchmal ein Festbrauch, manchmal eine besondere Zutat und manchmal schlicht eine familiäre Erinnerung.

Die Windmühlen der Inseln
Der Einschub über die Windmühlen ist dagegen wieder sehr gehaltvoll, weil Doriti hier die geografischen Bedingungen unmittelbar mit der Ernährungsgeschichte verbindet. Die Windmühlen waren auf vielen Inseln keineswegs nur pittoreske Wahrzeichen, sondern zentrale Infrastruktur: Hier wurden Weizen, Gerste und andere Getreidearten sowie Hülsenfrüchte gemahlen. Wo die eigene Produktion nicht ausreichte, waren die Inseln zugleich auf Handel untereinander angewiesen. Doriti zeigt dabei auch regionale Unterschiede. Limnos etwa besitzt eine lange Getreidetradition und ist für bestimmte Weizensorten und Mehle bekannt. Getreide wurde nicht nur zu Brot verarbeitet, sondern auch zu Zwieback und einer erstaunlichen Vielfalt an Nudeln. Gerade Zwieback spielte auf den Inseln wegen seiner langen Haltbarkeit eine wichtige Rolle. Dabei entstanden wiederum lokale Varianten – etwa mit Olivenöl, Johannisbrot oder Safran. Spannend ist die große Bandbreite an regionalen Nudelformen, die Doriti nennt: von kretischen Varianten über Makarounes auf Karpathos bis zu Flomaria auf Limnos oder Matsata auf Folegandros. Auch venezianische Einflüsse werden sichtbar. Hinzu kommt Trahana, ein haltbares Getreideprodukt aus Mehl, Grieß oder geschrotetem Weizen und Milch beziehungsweise Joghurt, das auf verschiedenen Inseln wiederum eigene Ausprägungen besitzt. Damit gelingt diesem Einschub etwas, was bei den Rezepten selbst nicht immer selbstverständlich ist: Man versteht plötzlich, warum sich bestimmte Grundnahrungsmittel auf den Inseln entwickelt haben und wie daraus regionale Varianten entstanden sind. Wind, begrenzte Ressourcen, Handel, Haltbarmachung und unterschiedliche historische Einflüsse greifen unmittelbar ineinander.

Gerichte mit Gemüse
Das Kapitel fällt mit sechs Rezepten überraschend klein aus. Gerade weil Gemüse, Wildpflanzen und Kräuter in Doritis eigener Darstellung eine so große Rolle für die traditionelle Inselküche spielen, hätte man hier durchaus mehr erwarten können. Die Auswahl ist dennoch abwechslungsreich und zeigt erneut, wie unterschiedlich stark die einzelnen Gerichte regional verankert sind.

Bei den Okra mit Feta und Minze aus dem Ofen von Leros funktioniert die Zuordnung zumindest über eine lokale Zubereitungstradition. Okra gedeihen auf vielen griechischen Inseln und sind keineswegs eine Spezialität von Leros. Doriti beschreibt das Ofengericht dort jedoch als typischen Sommerklassiker und gibt zugleich praktische Hinweise für die Verarbeitung des Gemüses. Interessant ist dabei gerade, dass sie ein Produkt vorstellt, das in Mitteleuropa längst nicht selbstverständlich zum Küchenrepertoire gehört. Wesentlich schwieriger wird es bei den perfekten Pommes frites aus Naxos. Doriti räumt selbst ein, dass Pommes frites in praktisch jeder griechischen Taverne serviert werden. Die Verbindung zu Naxos entsteht vor allem aus ihrer persönlichen Erfahrung, dort besonders gute gegessen zu haben, und aus dem Ruf der Inselkartoffeln. Sie nennt mit Agria, Fontana und Laura allerdings Sorten, die keineswegs nur auf Naxos angebaut werden. Dass möglicherweise Boden, Klima und lokale Anbaumethoden den entscheidenden Unterschied ausmachen, wird nicht weiter erläutert. Gerade hier wäre wieder genau jenes Hintergrundwissen hilfreich, das Doriti an anderer Stelle so überzeugend vermittelt. Ohne diese Erklärung bleibt die Inselzuordnung eher Behauptung als nachvollziehbarer kulinarischer Zusammenhang. Der Auberginen-Kartoffel-Auflauf aus Syros besitzt mehr lokalen Kontext. Doriti verbindet ihn mit einer bestimmten Gegend der Insel und beschreibt die ursprüngliche Grundlage als einfaches bäuerliches Gericht aus Auberginen, Kartoffeln, Tomaten und Käse. Ihre eigene Version entwickelt sich daraus zu einer Art vegetarischer Moussaka. Auch hier wird also deutlich kenntlich, dass das Rezept nicht einfach unverändert als historische Spezialität präsentiert wird, sondern eine moderne Interpretation darstellt. Sehr viel überzeugender ist Soufiko aus Ikaria. Das geschmorte Sommergemüse ist eng mit der Insel verbunden und ermöglicht Doriti zugleich, auf Ikarias Bekanntheit als sogenannte Blue Zone und auf die dortige Ernährungs- und Lebensweise einzugehen. Hier greifen Gericht, Insel und kultureller Kontext deutlich besser ineinander. Ähnliches gilt für das Artischockengratin mit Käse aus Tinos. Doriti verweist auf den mineralreichen Boden der Insel und die besondere Qualität der dort angebauten Artischocken. Sie beschreibt außerdem, wie selbstverständlich dieses Gemüse auf Tinos in den Restaurants auftaucht und in unterschiedlichsten Formen verarbeitet wird. Genau solche Hinweise machen den Begriff „Inselküche“ konkret: Nicht nur das Rezept wird einer Insel zugeordnet, sondern man versteht, warum gerade dieses Produkt dort eine besondere Rolle spielt. Beim sommerlichen Röstgemüse aus Kreta wird der regionale Bezug wiederum lockerer. Das Gericht besteht aus typischen Sommergemüsen und wird in Doritis Familie traditionell auf dem Herd gekocht; sie selbst bevorzugt die Zubereitung im Ofen. Einen kretischen Akzent setzt vor allem Kreuzkümmel, den sie als dort besonders geschätztes Gewürz hervorhebt. Auch hier ist der Übergang zwischen überlieferter Tradition, Familienrezept und persönlicher Weiterentwicklung fließend.

Wildgemüse und -kräuter
Der Einschub über Wildgemüse und -kräuter gehört wieder zu den Stellen, an denen das Buch ausgesprochen informativ wird. Doriti beschreibt die enorme Pflanzenvielfalt der griechischen Inseln als Ergebnis von Abgeschiedenheit, unterschiedlichen Landschaften und klimatischen Bedingungen. Das Sammeln essbarer Wildpflanzen ist dabei nicht lediglich eine historische Form der Selbstversorgung, sondern Teil einer bis heute lebendigen Esskultur. Unter dem Sammelbegriff Horta fasst die griechische Küche eine große Vielfalt saisonaler Wildgemüse zusammen. Sie werden gekocht oder roh gegessen, mit Olivenöl und Zitrone angemacht, aber ebenso für Omeletts, Eintöpfe und Pasteten verwendet oder mit Reis, Getreide und Hülsenfrüchten kombiniert. Doriti betont dabei, dass Geschmack und Textur stark variieren können – von bitter bis mild, von zart bis kräftig. Auch hier werden regionale Unterschiede sichtbar. Auf Kreta etwa wird Wildgemüse häufig mit Zwiebeln und Tomaten gegart; auf anderen Inseln genügt eine schlichte Zubereitung mit Tomate und Olivenöl. Hinzu kommen Pflanzen wie Amaranthblätter oder Portulak und salztolerante Küstenpflanzen, die durch ihren Standort einen ganz eigenen Geschmack entwickeln. Besonders spannend ist der Abschnitt über die Wildkräuter. Thymian, Fenchel, Oregano, Rosmarin, Salbei, Majoran und andere Kräuter prägen nicht nur die Küche, sondern werden teilweise seit Jahrhunderten auch als Heilpflanzen genutzt. Doriti nennt außerdem spezifischere Gewächse wie kretischen Diptam und griechischen Bergtee. Hier zeigt sich sehr schön, wie eng Esskultur, Landschaft und traditionelles Wissen miteinander verbunden sind.

Salate
Das achte Kapitel umfasst sieben Rezepte und zeigt eine schöne Bandbreite zwischen bekannten griechischen Klassikern und ungewöhnlicheren Kombinationen. Gerade hier funktioniert Doritis Inselbezug bei mehreren Gerichten überzeugender, weil sie stärker über typische Produkte argumentiert. Der Auberginen-Tomatensalat mit Oliven und Sardellen aus Kalymnos greift mit dem Gerstenzwieback erneut ein auf den Inseln verbreitetes Grundprodukt auf; hier übernimmt er im Prinzip die Funktion von Croutons. Beim Rucolasalat mit Artischocken, Kapern und Graviera aus Tinos wird die regionale Differenzierung besonders anschaulich: Artischocken werden zwar auch auf Kreta intensiv angebaut, dort aber anders kombiniert. Für Tinos beschreibt Doriti die Verbindung mit Rucola, sonnengetrockneten Tomaten und Hartkäse. Genau solche Gegenüberstellungen machen verständlich, was eine lokale Variante auszeichnet. Auch der Augenbohnensalat mit Oktopus und Kapern aus Paros und Antiparos fügt sich schlüssig in die Inselküche ein. Getrockneter oder in Essig eingelegter Oktopus gehört dort zur traditionellen Vorratshaltung, und die Kombination von Meeresfrüchten mit Hülsenfrüchten ist in der Inselküche keineswegs ungewöhnlich. Beim Kartoffelsalat mit Tomate, Gurke, Ei und geräucherter Makrele aus Kreta ist die Verortung etwas lockerer, wird aber zumindest über die dort verbreitete Verwendung von Kartoffeln in Salaten begründet. Deutlich mehr Kontext gibt Doriti beim Melonensalat mit Feta, Minze, Pistazien und Honig aus Limnos. Die fruchtbare Landschaft der Insel und ihre landwirtschaftliche Vielfalt werden ausführlicher beschrieben, sodass das Rezept eingebettet und nicht nur mit einem Inselnamen versehen wird. Der Zucchinisalat mit Trauben, Minze und Sesam von den Kykladen ist wiederum ausdrücklich Doritis eigene Interpretation. Zucchini sind dort allgegenwärtig; die Kombination mit Trauben stammt von ihr selbst. Positiv ist dabei erneut, dass sie Tradition und eigene Weiterentwicklung nicht vermischt, sondern kenntlich macht. Und natürlich gibt es den klassischen griechischen Salat. Hier bleibt es konsequenterweise bei der eher weiten Angabe „von den Inseln“ – denn als spezifische Spezialität einer einzelnen Insel lässt er sich kaum verkaufen. Er gehört schlicht zum allgemeinen griechischen Repertoire. Insgesamt finde ich dieses Kapitel deshalb überzeugender als manche vorherigen: Nicht jeder Salat ist eine exklusive Inselspezialität, aber häufiger wird nachvollziehbar, warum eine bestimmte Kombination gerade mit einer bestimmten Insel verbunden wird.

Griechischer Inselkäse
Der Einschub über griechischen Inselkäse gehört für mich bislang zu den gehaltvollsten Hintergrundtexten des Buches. Schon der Einstieg räumt mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Griechischer Käse ist keineswegs gleichbedeutend mit Feta. Doriti zeigt vielmehr eine erstaunliche Vielfalt an Käsen aus Schafs-, Ziegen- und teilweise auch Kuhmilch, die eng mit Landschaft, Tierhaltung und lokalen Herstellungstraditionen verbunden sind. Interessant ist schon der Hinweis auf die geschützte Herkunft von Feta. Die EU-Regelung erlaubt die Bezeichnung nur für Käse aus bestimmten Regionen Griechenlands; selbst ein auf Kefalonia hergestellter Feta kann deshalb außerhalb der zulässigen Herkunftsgebiete nicht dieselbe geschützte Bezeichnung tragen. Damit macht Doriti deutlich, wie eng Produktname, Tierhaltung und geografische Herkunft tatsächlich miteinander verknüpft sein können. Dann entfaltet sie eine beeindruckende Bandbreite regionaler Käse. Auf Inseln wie Tinos, Andros, Syros und Naxos spielt auch Kuhmilch eine größere Rolle. San Michali von Syros wird als kräftiger Hartkäse beschrieben, auf Tinos und Andros gibt es eigene Graviera-Varianten, und Naxos besitzt ebenfalls eine charakteristische Graviera. Daneben stehen frische Käse aus Schafs- und Ziegenmilch sowie Molkenkäse wie Anthotiro und Mizithra, die teilweise frisch, teilweise gereift verwendet werden. Manche Inseln besitzen ganz eigene Herstellungsverfahren: Käse wird in Körben geformt, zwischen schweren Platten gepresst, in Tonbehältern oder Höhlen gereift, in Wein oder Olivenöl behandelt oder mit Kräutern aromatisiert. Gerade diese Techniken machen sehr anschaulich, wie stark Inselküche auch aus Produktionswissen besteht und nicht nur aus fertigen Rezepten. Besonders schön finde ich, dass Doriti hier selbst innerhalb einer Produktgruppe Unterschiede herausarbeitet: Käse ist nicht einfach „Inselkäse“, sondern verändert sich von Insel zu Insel durch Milch, Klima, Reifung, Kräuter und traditionelle Verarbeitung. Genau hier löst das Buch seinen Titel eigentlich besonders gut ein.

Süßes
Mit zwölf Rezepten gehört es zu den umfangreicheren Kapiteln und ist zugleich eines der vielfältigsten. Doriti kombiniert bekannte griechische Dessertklassiker mit weniger geläufigen Gebäcken und regionalen Varianten. Gerade dadurch entsteht hier ein besonders interessantes Verhältnis zwischen allgemein griechischer Küche und konkreten Inseltraditionen.
Die Mamoulia, gefüllte Nussmakronen mit Orangenblütenwasser aus Chios, sind grundsätzlich Teil einer größeren Familie griechischer Mandel- und Nussgebäcke. Auf Chios werden sie zu Weihnachten gebacken und mit dem dort heimischen Mastiha aromatisiert. Wieder stammt das konkrete Rezept aus Doritis persönlichem Netzwerk – von einer Köchin mit familiärer Verbindung zur Schifffahrt. Diese persönliche Überlieferung macht die Zuordnung glaubwürdig, auch wenn vergleichbare Gebäcke auf anderen Inseln existieren. Beim Vanillepudding mit gerösteten Zimtkirschen aus Ägina ist die regionale Verbindung dagegen ausschließlich biografisch. Doriti bezeichnet Pudding und Milchreis selbst als griechische Wohlfühlspeisen; Ägina kommt ins Spiel, weil ihre Großmutter ihr dort dieses Dessert servierte. Das ist eine schöne Erinnerung, aber eben keine eigentliche Inselspezialität. Der Grießkuchen mit Joghurt und Zitronen-Kamille-Sirup aus Lesbos zeigt wieder, wie Doriti einen griechischen Klassiker regional individualisiert. Der Kuchen selbst ist weit verbreitet, den Inselbezug schaffen Zitrone und Kamille – zwei Zutaten, die auf Lesbos reichlich wachsen. Genau solche Kombinationen funktionieren für das Konzept deutlich besser, weil verständlich wird, wie ein verbreitetes Grundrezept durch lokale Produkte eine eigene Handschrift erhält. Die Tarte mit Aprikosenkonfitüre aus Korfu führt noch weiter hinaus. Doriti verweist selbst auf die italienische Crostata als Ursprung und sogar auf verwandte Varianten in Südamerika. Das ist weniger reine Inselküche als ein schönes Beispiel dafür, wie Handelswege, Migration und historische Einflüsse Gerichte über große Entfernungen miteinander verbinden. Auch der gefüllte Schokoladenkuchen mit Vanilleeis und Pistazien aus Ägina ist vor allem mit Doritis eigener Erinnerung verbunden – diesmal mit einer Konditorei aus der Kindheit und wiederum ihrer Großmutter. Die Nähe zu italienischer Schokoladensalami und britischem No-Bake-Kuchen macht gleichzeitig deutlich, wie wenig sinnvoll es manchmal wäre, solche Süßspeisen ausschließlich national oder regional zu lesen. Das Joghurt-Eis mit Honig und Walnüssen aus Samothraki ist wiederum ein klassisches griechisches Dessert. Den Inselbezug begründet Doriti vor allem mit den vielen dort wachsenden Walnussbäumen. Ähnlich funktioniert der Grießauflauf mit Zitronen-Thymian-Sirup aus Naxos: Das Grundrezept ist weit verbreitet, während Zitronenhaine und lokale Aromen die Verortung liefern. Regional deutlicher wirkt der gebackene Käsekuchen mit in Muskatwein pochierten Pfirsichen aus Paros. Vergleichbare Käsekuchen gibt es zwar auch andernorts, doch die Kombination mit einem regionalen Frischkäse und in Muskatwein pochierten Früchten verleiht dieser Version eine wesentlich eigene Handschrift. Bei den gesalzenen karamellisierten Mandeln in dunkler Schokolade aus Kefalonia wird die Abgrenzung wieder schwächer. Mandeln wachsen auf vielen griechischen Inseln, und Doriti macht nicht vollständig klar, weshalb gerade Kefalonia diese Süßigkeit besonders repräsentiert. Die Zuordnung ergibt sich eher aus der dort ausgeprägten Mandeltradition als aus einem exklusiven Rezept. Die luftigen Brandteigbällchen aus Patmos und Symi gehören wiederum zu einer größeren griechischen Gebäckfamilie und werden besonders zur Karnevalszeit serviert. Interessant ist, dass Doriti auch auf herzhafte Varianten verweist – ein schönes Beispiel dafür, wie ein Grundteig je nach Anlass und Insel unterschiedlich genutzt werden kann. Besonders reizvoll finde ich den Kürbiskuchen aus Sifnos. Kürbis, Grieß, Orange, Honig, Sesam, Korinthen beziehungsweise Rosinen und warme Gewürze ergeben eine Kombination, die deutlich weniger dem entspricht, was man spontan von einem griechischen Dessertkapitel erwartet. Solche Rezepte sind genau die Entdeckungen, von denen das Buch profitiert. Und auch der Filoteigkuchen mit Orangensirup aus Leros gehört für mich in diese Kategorie. Zerknüllter Filoteig wird gebacken und anschließend mit selbst hergestelltem Orangensirup getränkt – ein Dessert, das einerseits sehr griechisch wirkt, andererseits aber deutlich weniger bekannt ist als Baklava oder Galaktoboureko.

Insgesamt ist dieses Kapitel deshalb besonders gelungen: Es verschweigt nicht, wenn ein Gericht in ganz Griechenland verbreitet ist, bringt aber zugleich genügend regionale Varianten, Zutaten und weniger bekannte Rezepte ein, um echte Neugier zu wecken. Hier funktioniert der Spagat zwischen Vertrautem und Entdeckung ausgesprochen gut.

Chios Mastiha – eine botanische Kostbarkeit Griechenlands
Der erste Einschub in diesem Kapitel gehört für mich sogar zu den besten Beispielen dafür, wie eindeutig Inselküche aussehen kann. Mastiha stammt vom Mastixbaum, genauer einer besonderen Varietät, die vor allem im Süden von Chios gedeiht. Doriti schildert seine jahrtausendealte Nutzung, die historische wirtschaftliche Bedeutung für die Insel und die traditionelle Ernte: Im Sommer wird die Rinde angeritzt, das austretende Harz bildet kleine Tropfen, die erstarren und anschließend gesammelt werden. Entscheidend ist hier: Dieses Produkt lässt sich tatsächlich geografisch sehr klar verorten. Klima, Boden, Anbaumethode und Geschichte greifen ineinander. Mastiha ist nicht bloß eine Zutat, die auf Chios zufällig verwendet wird, sondern Teil der kulturellen und wirtschaftlichen Identität der Insel. Doriti beschreibt außerdem seine Verwendung in Süßspeisen, Gebäck und Getränken sowie in herzhaften Gerichten. Das Harz bringt ein sehr eigenes Aroma mit und wurde historisch auch medizinisch genutzt. Die geschützte Herkunft unterstreicht zusätzlich, wie eng das Produkt mit Chios verbunden ist.

Süße Köstlichkeiten auf den Fähren
Der zweite Einschub im Kapitel verfolgt eine ganz andere Perspektive und ist ebenfalls charmant. Doriti beschreibt jene Süßigkeiten, die Reisenden auf den griechischen Fähren begegnen – insbesondere auf Routen rund um Syros. Dazu gehören Halvadopites, runde Waffelgebäcke mit einer weichen Füllung aus Honig, Zucker und Mandeln beziehungsweise Nüssen, sowie Loukoumia, die außerhalb Griechenlands meist als Turkish Delight bekannt sind. Letztere haben insbesondere auf Syros und Chios eine lange Tradition und werden etwa mit Rosenwasser, Mastiha, Bergamotte oder anderen Zitrusaromen hergestellt. Hier steht weniger eine einzelne Inselküche im Mittelpunkt als eine gemeinsame Esskultur des Reisens zwischen den Inseln. Die Händler auf den Fähren, die ihre Süßigkeiten an Bord verkaufen, gehören damit fast ebenso zur kulinarischen Inselwelt wie Tavernen, Märkte oder Familienküchen.

Extras
Dieses letzte Kapitel funktioniert als kleine Vorratskammer des Buches erstaunlich gut. Die neun Rezepte wirken auf den ersten Blick bunt zusammengewürfelt, aber bei genauerem Hinsehen verbindet sie ein Thema: Es geht um Produkte, die eine Ernte konservieren, aromatisieren oder weiterverarbeiten – Kapern, Tomaten, Oliven, Feigen, Aprikosen, Sauerkirschen, Zitrusfrüchte – und daneben um Getränke, die zur Alltags- und Festkultur gehören. Gerade hier gelingt die regionale Zuordnung teilweise sehr überzeugend, weil sie unmittelbar mit einem lokal verfügbaren Produkt oder einer besonderen Verarbeitung verbunden wird.

Das Kapern-Zwiebel-Chutney aus Sifnos ist dafür ein gutes Beispiel. Kapern wachsen zwar auf zahlreichen griechischen Inseln wild und spielen besonders auf den Kykladen eine große Rolle. Doriti erklärt aber, worin die Variante aus Sifnos besteht: Hier werden sie mit Zwiebeln und reichlich Essig zu einer chutneyartigen Zubereitung verarbeitet. Damit wird aus einem inselübergreifend verbreiteten Produkt tatsächlich eine nachvollziehbare lokale Variante. Das Rezept für Tomatensauce beziehungsweise stark konzentriertes Tomatenmark ist dagegen weniger regional gebunden. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Qualität der Ausgangsprodukte: sehr reife Tomaten, Olivenöl und Salz, die langsam so weit reduziert werden können, dass aus der Sauce schließlich ein konzentriertes Mark entsteht. Das passt dennoch gut in dieses Kapitel, weil es die traditionelle Logik der Vorratshaltung aufgreift. Auch bei der frischen Basilikum- oder Minzlimonade aus Poros basiert die Zuordnung vor allem auf dem Produkt. Poros ist für seine Zitronen bekannt und das dortige Klima begünstigt den Zitrusanbau. Die Limonade selbst ist natürlich keineswegs exklusiv auf diese Insel beschränkt. Wieder sehen wir also: Der Inselcharakter entsteht weniger durch die Rezeptidee als durch das regionale Ausgangsprodukt. Eindeutiger ist der Likör mit Zimt, Nelken und Orange aus Kythera. Doriti verknüpft ihn mit der lokalen Fest- und Weinkultur der Insel. Verwendet werden dort angebaute Trauben, die mit Gewürzen und häufig mit Zitrusschalen oder Früchten wie Mandarinen, Orangen und Aprikosen aromatisiert werden. Damit bekommt das Getränk tatsächlich einen nachvollziehbaren Platz innerhalb einer regionalen Genusskultur. Bei den Marinaden für grüne und schwarze Oliven aus Lesbos bleibt dagegen erneut etwas offen, weshalb gerade Lesbos als Herkunftsort gewählt wurde. Oliven wachsen auf zahlreichen Inseln und gehören zur griechischen Küche insgesamt. Für mitteleuropäische Leser*innen tritt hier zusätzlich ein praktisches Problem auf: Frische, noch unbehandelte Oliven sind erheblich schwerer aufzutreiben als ein Glas bereits eingelegter Oliven. Das ist eines jener Rezepte, bei denen die Nachkochbarkeit außerhalb Griechenlands tatsächlich von der Zutatenbeschaffung abhängt. Sehr spannend finde ich die Feigenkonfitüre mit schwarzem Pfeffer aus Korfu. Sie ist nicht einfach nur einer Insel zugeordnet, sondern lehnt sich an die traditionelle Sykomaïda an, eine würzige Feigenzubereitung mit unter anderem Fenchelsamen und schwarzem Pfeffer, teilweise auch Ouzo. Doriti überträgt dieses Aromenspiel auf eine Konfitüre. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie sie aus einer traditionellen Spezialität eine moderne und sehr gut nutzbare Variante entwickelt, ohne den Ursprung zu verschweigen.
Bei den in Sirup eingelegten Aprikosen aus Rhodos wird die regionale Verbindung wieder über eine konkrete Sorte hergestellt. Die dortige Kaisia-Aprikose hatte früher sogar wirtschaftliche Bedeutung für die Insel. Für das Rezept werden feste, noch leicht unreife Früchte benötigt – womit der durchschnittliche deutsche Supermarkt ausnahmsweise unfreiwillig beste Voraussetzungen schafft.  Der Sauerkirschsirup aus Chios folgt einem ähnlichen Muster: Sauerkirschen wachsen natürlich auch anderswo, auf Chios haben sie jedoch eine besondere Tradition. Und der ultimative griechische Eiskaffee beendet das Buch dann bewusst ohne künstliche Inselzuordnung. „Von den Inseln“ reicht völlig – er gehört schlicht zum griechischen Alltag und ist als letzter Schluck tatsächlich ein sympathischer Abschluss.

Süßkonserven: Konfitüren, Löffelsüßigkeiten, Sirupe und Liköre
Der letzte Einschub führt noch einmal sehr überzeugend zu einem der Grundmotive des ganzen Buches zurück: Konservieren als Antwort auf Saisonalität und Überfluss. Doriti zeigt, dass auf den Inseln nicht nur Früchte, sondern auch Nüsse, Gemüse und sogar essbare Blüten zu süßen Vorräten verarbeitet werden. Häufig nutzt man dafür Früchte aus Wildsammlung, Überschüsse oder Teile von Lebensmitteln, die andernfalls verloren gingen. Neben klassischen Konfitüren aus Zitrusfrüchten, Feigen, Aprikosen oder Quitten gibt es dabei ausgesprochen ungewöhnliche Kombinationen. Besonders interessant sind die Glyko tou Koutaliou, die sogenannten Löffelsüßigkeiten. Ganze Früchte oder größere Fruchtstücke werden in Sirup eingelegt und traditionell in kleinen Mengen – tatsächlich mit einem Löffel – zu Kaffee oder als Zeichen der Gastfreundschaft serviert. Doriti nennt dabei sogar überraschende Varianten mit Tomaten, unreifen Früchten, Wassermelonenschale, Kapern oder Artischocken. Hier verbindet sich wieder sehr schön praktische Vorratshaltung mit sozialer Kultur: Konservieren dient nicht nur dazu, Lebensmittel haltbar zu machen. Die fertigen Produkte werden zum Bestandteil der Philoxenia, der griechischen Tradition der Gastfreundschaft. Auch die Liköre erzählen von der jeweiligen Landschaft. Verarbeitet wird, was regional verfügbar ist – Zitrusfrüchte, Kräuter, Gewürze, Honig oder Mastiha. Damit zeigt dieser Einschub noch einmal besonders anschaulich, wie die Inselküchen aus der Nutzung dessen entstanden sind, was eine Landschaft gerade hervorbringt.

Das Buch schließt mit einem umfangreichen Register, über das sich die Rezepte sowohl nach ihren Titeln als auch über einzelne Zutaten auffinden lassen; daran folgt noch eine kurze Danksagung. Praktisch für die Orientierung sind außerdem die Karten im Einband: Vorn ist Griechenland mit den großen Inselgruppen im Überblick dargestellt, hinten werden die einzelnen Inselgruppen noch einmal separat mit ihren jeweiligen Inseln aufgeschlüsselt. So lässt sich beim Lesen schnell nachvollziehen, wo die im Buch genannten Inseln geografisch liegen.

3. Zielgruppe

„Griechische Inselküche“ richtet sich zunächst natürlich an alle, die griechische Küche lieben, dabei aber über die bekannten Klassiker hinausgehen möchten. Doriti versammelt zwar auch vertraute Gerichte, führt zugleich aber immer wieder zu weniger bekannten Rezepten, regionalen Varianten und Zutaten, die in allgemeinen Griechenland-Kochbüchern nicht selbstverständlich vorkommen. Gerade für Leser*innen, die griechische Küche nicht nur nachkochen, sondern etwas tiefer verstehen möchten, bietet das Buch deshalb einiges zu entdecken. Ganz niedrigschwellig ist es allerdings nicht durchgehend. Die Rezepte reichen von sehr einfachen Gerichten und Dips bis zu aufwendigeren Schmorgerichten, Pasteten, Teigtaschen oder Zubereitungen, die etwas mehr Zeit und Küchenpraxis verlangen. Kochanfänger*innen werden damit nicht ausgeschlossen, denn Doriti führt verständlich durch die einzelnen Arbeitsschritte und erklärt vieles gut. Ein wenig Erfahrung in der Küche ist bei den anspruchsvolleren Rezepten dennoch von Vorteil.

Hinzu kommt, dass die Inselküche naturgemäß mit Produkten arbeitet, die außerhalb Griechenlands nicht immer ohne Weiteres erhältlich sind. Doriti bietet dafür häufig Alternativen oder pragmatische Ersatzmöglichkeiten an, sodass die Mehrzahl der Rezepte auch in Deutschland gut umsetzbar bleibt. Wer allerdings Freude daran hat, einmal einen griechischen Feinkostladen aufzusuchen, besondere Hülsenfrüchte, Käse oder Gewürze zu bestellen und sich auf unbekanntere Zutaten einzulassen, wird aus dem Buch noch mehr herausholen. Damit spricht das Buch sowohl neugierige Alltagsköch*innen als auch erfahrenere Kochbuchleser*innen an, die nicht nur nach dem nächsten Abendessen suchen, sondern sich für Produkte, Traditionen und regionale Esskultur interessieren. Wer dagegen ausschließlich sehr schnelle, möglichst bekannte Griechenland-Klassiker erwartet, wird hier zwar ebenfalls fündig, nutzt aber nur einen Teil dessen, was das Buch zu bieten hat.

4. Rezepte und Vielfalt 

Die Rezeptauswahl ist eine der großen Stärken von „Griechische Inselküche“. Doriti deckt ein breites Spektrum ab: Frühstück und kleine Speisen, Fisch und Meeresfrüchte, Fleisch, Pasteten und Teigtaschen, Getreide und Hülsenfrüchte, Gemüse, Salate und Süßes bis hin zu Konfitüren, Sirupen, Marinaden und Getränken. Dabei stehen bekannte Klassiker neben Gerichten, Zutaten und Kombinationen, die man in allgemeinen Griechenland-Kochbüchern deutlich seltener findet. Gerade diese Mischung macht das Buch interessant. Natürlich begegnen einem Tsatsiki, Gemista, Souvlaki, Lammbraten oder griechischer Salat. Daneben stehen aber beispielsweise Fava-Bratlinge aus gelben Platterbsen, die Zwiebelpastete aus Mykonos, in Feigenblätter gewickelte Goldbrasse, ein Ziegen-Kartoffel-Eintopf aus Amorgos, der Kürbiskuchen aus Sifnos oder ein Filoteigkuchen mit Orangensirup aus Leros. Auch Zutaten wie Mastiha, besondere Inselkäse, Wildgemüse oder regionale Hülsenfrüchte erweitern das vertraute Griechenlandbild erheblich.

Die Kapitel sind allerdings sehr unterschiedlich gewichtet. Besonders umfangreich und abwechslungsreich fällt das Kapitel Süßes aus, während ausgerechnet Fisch & Meeresfrüchte in einem Buch über Inselküchen mit nur wenigen Rezepten vergleichsweise knapp bleibt. Auch die Gemüseküche hätte angesichts der großen Bedeutung von Gemüse, Wildpflanzen und Hülsenfrüchten in Doritis eigenen Hintergrundtexten durchaus mehr Raum vertragen können. Dass Fleisch ebenfalls nicht übermäßig dominiert, passt dagegen zu dem traditionellen Bild, das Doriti selbst zeichnet: Fleisch war vielerorts eher Fest- als Alltagsessen. Spannend ist vor allem die unterschiedliche Art, wie die Rezepte den Inseln zugeordnet werden. Manchmal besteht ein sehr konkreter regionaler Zusammenhang – durch ein besonderes Produkt, eine Zubereitungstechnik, ein Kochgefäß oder einen Festbrauch. An anderen Stellen handelt es sich um eine lokale Variante eines in ganz Griechenland verbreiteten Klassikers. Und immer wieder entsteht der Inselbezug über Doritis persönliche Erinnerungen oder über Rezepte von Freundinnen, Köchinnen und Menschen, denen sie auf ihren Reisen begegnet ist. Das verleiht dem Buch viel Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit, bedeutet aber nicht automatisch, dass ein Gericht tatsächlich ausschließlich oder besonders typisch für genau diese Insel ist.

Gerade hier liegt zugleich die Schwäche der Rezeptkonzeption. Doriti verfügt offensichtlich über ein enormes Wissen über regionale Produkte, Traditionen und Unterschiede. Doch dieses Wissen wird nicht immer konsequent mit den einzelnen Rezepten verknüpft. Häufig erfährt man erst im Vorspann oder in einem Nebensatz, was eine bestimmte Inselvariante eigentlich besonders macht. Manchmal bleibt die Zuordnung sogar relativ locker. So entsteht stellenweise eher der Eindruck von griechischer Küche mit Rezepten und Geschichten von den Inseln als von klar voneinander unterscheidbaren Inselküchen. Das schmälert den kulinarischen Reiz der Auswahl jedoch nur bedingt. Denn selbst dort, wo die geografische Zuordnung nicht ganz überzeugt, sind viele Rezepte spannend, gut kombiniert und jenseits des üblichen Griechenland-Repertoires angesiedelt. Besonders stark ist das Buch immer dann, wenn Doriti zeigt, wie ein verbreitetes griechisches Grundrezept durch lokale Produkte, Gewürze oder Traditionen eine regionale Handschrift erhält.

Unterm Strich bietet „Griechische Inselküche“ also eine große kulinarische Bandbreite und viel Entdeckungspotenzial. Die Vielfalt liegt dabei weniger darin, dass jedes Gericht ausschließlich auf einer bestimmten Insel existiert, sondern in den vielen regionalen Varianten, Zutaten und persönlichen Überlieferungen. Genau darin liegt der besondere Reiz – auch wenn die Unterschiede zwischen den einzelnen Inselküchen noch deutlicher hätten herausgearbeitet werden können.

5. Schwierigkeitsgrad

Der Schwierigkeitsgrad von „Griechische Inselküche“ ist insgesamt gut beherrschbar. Die meisten Rezepte bewegen sich im einfachen bis mittleren Bereich und lassen sich auch in einer normalen Alltagsküche gut umsetzen. Nur vereinzelt braucht es etwas mehr Erfahrung, Zeit oder Gefühl – etwa bei Pasteten, Teigtaschen oder längeren Schmorgerichten. Die eigentliche Hürde liegt weniger in der Technik als bei einzelnen Zutaten. Vor allem einige regionale Käsesorten sind in Deutschland kaum oder gar nicht erhältlich. Doriti löst das pragmatisch und empfiehlt häufig Ersatz durch Feta, Ricotta oder vergleichbare Produkte. Auch Zutaten wie Mastiha, bestimmte Hülsenfrüchte oder der griechische Gerstenzwieback sind nicht überall ohne Weiteres zu bekommen und erfordern mitunter einen griechischen Feinkostladen oder eine Online-Bestellung. Das betrifft aber nur einen Teil der Rezepte. Viele Gerichte kommen mit ganz gewöhnlichen Zutaten aus, und wo spezielle Produkte vorgesehen sind, werden meist sinnvolle Alternativen genannt. Dadurch bleibt das Buch trotz seines regionalen Anspruchs alltagstauglich. Insgesamt verlangt „Griechische Inselküche“ also keine besondere Profi-Ausstattung und auch keine außergewöhnlichen Kochkenntnisse. Ein wenig Erfahrung hilft bei den aufwendigeren Rezepten, doch der überwiegende Teil ist gut nachvollziehbar und problemlos zu Hause machbar.

6. Fotografie und Design

Bildqualität
Die Fotografien von Manos Chatzikonstantis gehören zu den großen Stärken von „Griechische Inselküche“. Die Bildqualität ist durchgehend hervorragend, die Inszenierung hochwertig und zugleich angenehm unaufdringlich. Viele Gerichte werden aus der Vogelperspektive fotografiert und sehr klar auf dem Tisch arrangiert. Dabei entsteht kein steriler Studioeindruck: Die Bilder wirken vielmehr so, als könnten die Teller gerade in einer griechischen Taverne oder auf einem Küchentisch auf den Inseln stehen.
Charakteristisch ist eine leicht gedämpfte Farbgebung. Blau- und Gelbtöne, gedecktes Grün, gelegentlich Rot sowie grün karierte Tischdecken ziehen sich durch das Buch und schaffen eine ausgesprochen stimmige visuelle Atmosphäre. Auch das Geschirr ist modern und schlicht gewählt. Die Fotografie wirkt dadurch elegant, ohne den Gerichten ihre Bodenständigkeit zu nehmen. Neben den Rezeptfotos gibt es zahlreiche atmosphärische Aufnahmen: Gemüse und andere Zutaten, Knoblauch oder Kräuter werden ebenso in Szene gesetzt wie Körbe voller Ernte, Ziegen vor der Küstenlandschaft, Meer und Strand oder Menschen in der typischen Vegetation der Inseln. Diese Bilder transportieren weniger konkrete Information als vielmehr Stimmung und Lebenswelt – allerdings ohne in eine allzu glatte Postkartenästhetik abzurutschen.

Nutzung der Bilder
Die Fotografie erfüllt damit in erster Linie eine ästhetische und emotionale Funktion. Sie soll Lust auf die Gerichte und auf die griechische Inselwelt machen – und das gelingt sehr gut. Schade ist allerdings, dass nicht jedes Rezept bebildert wurde. Gerade bei einem modernen Kochbuch ist man inzwischen beinahe daran gewöhnt, sich bereits über das Foto einen ersten Eindruck vom fertigen Gericht zu verschaffen. Rezepte ohne Abbildung geraten beim Durchblättern deshalb schnell etwas ins Hintertreffen.
Einen didaktischen Mehrwert besitzen die Fotos ebenfalls kaum. Schritt-für-Schritt-Aufnahmen oder Bilder, die besondere Techniken erläutern, gibt es nicht. Gerade bei ungewohnteren Zubereitungen wäre das teilweise hilfreich gewesen. Beim Filoteigkuchen etwa hätte eine Aufnahme gut zeigen können, wie die Teigblätter zerknüllt und in der Form angeordnet werden sollen. Die Fotografie illustriert also das Ergebnis, unterstützt den eigentlichen Kochprozess aber nicht.

Layout & Gestaltung
Auch gestalterisch ist „Griechische Inselküche“ ein ausgesprochen schönes Buch. Das Design wurde aus der englischen Originalausgabe von Murdoch Books übernommen und wirkt modern, klar und hochwertig. Weiße Rezeptseiten sorgen für Ruhe und Übersicht; Serifenschrift und serifenlose Typografie werden miteinander kombiniert und ergeben ein elegantes, gut lesbares Gesamtbild.
Das Farbkonzept der Fotografie setzt sich in der Gestaltung fort. Gedecktes Blau, Rot, Grün und Türkis strukturieren das Buch, ohne aufdringlich zu wirken. Die kulturgeschichtlichen Einschübe heben sich zusätzlich durch ein gedämpftes rosé- bis mauvefarbenes Papier beziehungsweise eine entsprechende Hintergrundgestaltung von den Rezeptseiten ab. Insgesamt wirkt das sehr sorgfältig aufeinander abgestimmt.
Die Rezeptseiten folgen einem einheitlichen Prinzip: Unter dem Titel steht zunächst ein teilweise ausführlicher Vorspann, in dem Doriti über Herkunft, Inselbezug, Zutaten oder persönliche Erinnerungen berichtet. Die Zutaten sind seitlich angeordnet und sinnvoll nach einzelnen Komponenten beziehungsweise Zubereitungsschritten gegliedert; daneben folgt die eigentliche Anleitung. Kleine Symbole kennzeichnen zudem vegetarische, vegane und glutenfreie Rezepte, was die Orientierung erleichtert.
Einen erheblichen praktischen Nachteil hat das Layout allerdings: Erstaunlich viele Rezepte laufen über einen Seitenwechsel. Während des Kochens muss deshalb immer wieder umgeblättert werden. Das ist nicht nur ein kleines gestalterisches Detail, sondern im Küchenalltag tatsächlich störend. Gerade bei einem Kochbuch sollte die Gestaltung nicht nur schön aussehen, sondern möglichst auch dafür sorgen, dass Zutatenliste und relevante Zubereitungsschritte während des Kochens ohne ständiges Blättern im Blick bleiben.

Unterm Strich ist „Griechische Inselküche“ visuell ausgesprochen gelungen und sehr elegant gestaltet. Die Fotografie schafft eine überzeugende griechische Atmosphäre und das Farb- und Typografiekonzept ist durchdacht. Praktisch bleibt das Buch jedoch hinter seiner ästhetischen Qualität zurück: Die fehlende Bebilderung mancher Rezepte, der Verzicht auf erklärende Schrittbilder und vor allem die zahlreichen Seitenwechsel bei den Rezepten sind spürbare Schwächen.

7. Sprache und Anleitungen

Sprachlich bleibt „Griechische Inselküche“ durchgehend sachlich, informativ und klar. Doriti schreibt nicht erzählerisch im Sinne einer kulinarischen Reportage, sondern eher journalistisch vermittelnd. Auch wenn sie persönliche Erinnerungen einfließen lässt oder von Menschen erzählt, denen sie auf den Inseln begegnet ist, bleibt der Ton überwiegend auf der Informationsebene. Das wirkt eher zurückhaltend als emotional, passt aber sehr gut zum Charakter des Buches.
Gerade in den Rezeptvorspännen wird deutlich, wie viel Wissen Doriti mitbringt. Sie ordnet Gerichte historisch und regional ein, erklärt Zutaten, lokale Varianten und Traditionen und schafft damit häufig einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Die thematischen Einschübe setzen diesen Stil konsequent fort und gehören zu den informationsstärksten Passagen des Buches.

Die eigentlichen Rezeptanleitungen sind klar formuliert und gut nachvollziehbar. Die Arbeitsschritte folgen logisch aufeinander, Mengen und Zutaten lassen sich gut zuordnen, und auch komplexere Rezepte bleiben verständlich. Leerstellen oder inhaltliche Fehler sind mir bislang nicht aufgefallen. Einige kleinere Druckfehler finden sich zwar, sie beeinträchtigen die Verständlichkeit aber nicht. Positiv ist außerdem, dass Doriti dort, wo besondere Zutaten verwendet werden, häufig Alternativen oder Ersatzmöglichkeiten nennt. Das erhöht die Alltagstauglichkeit deutlich, gerade für Leser*innen außerhalb Griechenlands.

Insgesamt überzeugt „Griechische Inselküche“ sprachlich vor allem durch Präzision und Informationsdichte. Der Ton ist weniger emotional als bei manch persönlichem Autorenkochbuch, dafür aber sehr verlässlich: Man wird sicher durch die Rezepte geführt und erhält nebenbei eine große Menge an Hintergrundwissen.

8. Besonderheiten

Zu den Besonderheiten von „Griechische Inselküche“ gehört zunächst die ungewöhnlich breite und teilweise sehr eigenständige Rezeptauswahl. Neben bekannten griechischen Klassikern stehen zahlreiche Gerichte, Zutaten und Zubereitungen, die in allgemeineren Griechenland-Kochbüchern kaum auftauchen. Gerade diese Mischung aus Vertrautem und weniger Bekanntem sorgt dafür, dass das Buch auch für Leser*innen interessant bleibt, die bereits mehrere Bücher zur griechischen Küche besitzen. Besonders ist außerdem die hohe Informationsdichte. Doriti liefert weit mehr als bloße Rezeptvorspänne: Sie erzählt von regionalen Produkten, Festtraditionen, Genossenschaften, Windmühlen, Wildkräutern, Käse, Honig, Mastiha oder der Rolle von Fischerei und Vorratshaltung. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild der griechischen Inselwelt, wie man es in klassischen Griechenland-Kochbüchern nur selten findet. Hinzu kommt, dass viele Rezepte aus persönlichen Kontakten, familiären Erinnerungen oder Begegnungen mit Köchinnen und Produzentinnen stammen. Das verleiht dem Buch Authentizität, auch wenn die Zuordnung zu einer einzelnen Insel nicht immer eindeutig ist. Gerade diese Mischung aus recherchiertem Wissen, überlieferten Rezepten und persönlicher Erfahrung macht den besonderen Charakter des Buches aus. Bemerkenswert ist außerdem, wie stark Doriti immer wieder die Verbindung von Produkt, Landschaft und Esskultur sichtbar macht. Dort, wo das besonders gut gelingt – etwa bei Mastiha aus Chios, Artischocken aus Tinos, Inselkäsen oder bestimmten Hülsenfrüchten –, zeigt das Buch sehr überzeugend, wie unterschiedlich regionale Küche innerhalb Griechenlands sein kann. Unterm Strich liegt die Besonderheit von „Griechische Inselküche“ also weniger darin, dass jedes Rezept eine klar abgegrenzte Inselspezialität wäre, sondern in der Kombination aus kulinarischer Vielfalt, ungewöhnlichen Rezepten und enorm viel Hintergrundwissen. Genau das hebt das Buch deutlich von vielen konventionellen Griechenland-Kochbüchern ab.

9. Preis-Leistungsverhältnis

Preis: 30 Euro

Mit einem Preis von 30 Euro liegt „Griechische Inselküche“ im heute üblichen Rahmen hochwertig ausgestatteter Kochbücher – eher sogar im mittleren Preissegment. Dafür bekommt man ein fest gebundenes Buch mit Lesebändchen, eine sehr ansprechende Gestaltung, hochwertige Fotografie und eine große Zahl an Rezepten. Der eigentliche Mehrwert liegt aber in der inhaltlichen Tiefe. Doriti liefert nicht nur Rezepte, sondern sehr viel recherchiertes Hintergrundwissen zu regionalen Produkten, Traditionen, Landwirtschaft, Festen und Esskultur. Man merkt dem Buch deutlich an, dass hier nicht lediglich Rezepte zusammengestellt wurden, sondern auch journalistische und kulturgeschichtliche Arbeit eingeflossen ist. Hinzu kommt die ungewöhnliche Breite der Rezeptauswahl mit zahlreichen Gerichten, die über das bekannte Griechenland-Repertoire hinausgehen. Vor diesem Hintergrund wirkt der Preis von 30 Euro ausgesprochen fair. Für Ausstattung, Umfang, fotografische Qualität und vor allem die hohe Informationsdichte bietet das Buch sehr viel Gegenwert – insgesamt fast schon ein kleines Schnäppchen.

10. Gesamteindruck und Empfehlung

„Griechische Inselküche“ ist ein inhaltlich starkes, sehr schön ausgestattetes und ungewöhnlich kenntnisreiches Kochbuch, das weit über die bekannten Klassiker der griechischen Küche hinausführt. Carolina Doriti versammelt vertraute Gerichte ebenso wie Rezepte, Zutaten und Kombinationen, die man in allgemeinen Griechenland-Kochbüchern deutlich seltener findet. Gerade darin liegt für mich ein großer Reiz des Buches: Man kann darin tatsächlich noch entdecken – von gelben Platterbsen und besonderen Inselkäsen über Mastiha und regionale Kräuter bis zu Zwiebelpastete, Kürbiskuchen oder Filoteigkuchen mit Orangensirup. Besonders beeindruckend ist Doritis enormes Wissen über die kulinarische Kultur der Inseln. Die thematischen Einschübe über Honig, Schwammtaucher und Fischerei, Inselfeste, Genossenschaften, Windmühlen, Wildkräuter, Käse, Mastiha oder traditionelle Konservierung gehören für mich zu den stärksten Passagen des Buches. Hier zeigt sich, wie eng Landschaft, Landwirtschaft, Handel, Geschichte und Esskultur miteinander verbunden sind. Man merkt dem Buch an, dass hinter den Rezepten viel Recherche und journalistische Arbeit steckt.

Und genau daraus ergibt sich zugleich die größte Schwäche des Konzepts: Das regionale Wissen ist vorhanden, aber es wird nicht immer konsequent sichtbar gemacht. Doriti ordnet die Rezepte zwar bestimmten Inseln oder Inselgruppen zu, doch diese Zuordnungen haben sehr unterschiedliche Grundlagen. Manchmal steht tatsächlich ein charakteristisches Produkt, eine besondere Zubereitungstechnik, ein Kochgefäß oder ein lokaler Festbrauch dahinter. An anderer Stelle handelt es sich um die Variante eines in ganz Griechenland verbreiteten Klassikers – und immer wieder entsteht der Inselbezug vor allem aus Doritis persönlichen Erinnerungen oder aus Rezepten von Menschen, die von einer bestimmten Insel stammen. Das ist keineswegs grundsätzlich problematisch. Regionale Küchen bestehen schließlich nicht aus lauter Gerichten, die ausschließlich an einem einzigen Ort vorkommen. Spannend wird es vielmehr dort, wo Doriti erklärt, was die konkrete Inselversion besonders macht. Genau das gelingt etwa bei Mastiha aus Chios, den Artischocken von Tinos oder dem Kapern-Zwiebel-Chutney aus Sifnos sehr gut. Bei anderen Rezepten bleibt diese Erklärung dagegen eher im Hintergrund oder fehlt ganz. Dadurch entsteht beim Lesen stellenweise der Eindruck, dass „Griechische Inselküche“ weniger eine systematische Darstellung klar voneinander abgegrenzter Inselküchen ist als vielmehr griechische Küche mit Rezepten, Produkten und Geschichten von den Inseln. Das ist ein Unterschied – und gerade weil Doriti offensichtlich sehr viel spezifisches Wissen besitzt, hätte ich mir gewünscht, dass dieses stärker strukturiert und hervorgehoben wird. Kleine Produktporträts, klarere Hinweise auf lokale Besonderheiten oder eine konsequentere Kennzeichnung regionaler Varianten hätten dem Buch dabei sehr gutgetan. Kulinarisch bleibt die Auswahl dennoch ausgesprochen überzeugend.

„Griechische Inselküche“ ist besonders für alle interessant, die griechische Küche lieben, aber nicht beim bekannten Standardrepertoire stehen bleiben möchten. Wer einfach nur schnell einige vertraute Taverna-Klassiker sucht, findet dafür sicherlich schlankere Bücher. Wer dagegen neugierig auf regionale Produkte, Traditionen, weniger bekannte Gerichte und die kulinarische Vielfalt der griechischen Inselwelt ist, bekommt hier sehr viel geboten. Es ist kein vollkommen konsequent strukturiertes Buch über einzelne Inselküchen – aber ein kenntnisreiches, abwechslungsreiches und in vielen Teilen ausgesprochen entdeckungsfreudiges Kochbuch, dessen größte Stärke zugleich seine etwas versteckte ist: das enorme Wissen seiner Autorin. Gerade weil Doriti das Wissen und die kulinarische Tiefe für ein herausragendes Inselkochbuch zweifellos mitbringt, den regionalen Charakter aber nicht konsequent genug sichtbar macht und damit den eigenen Anspruch nur teilweise einlöst, und weil zudem nicht alle Rezepte bebildert sind und erstaunlich viele über einen Seitenwechsel laufen, bleibt es am Ende „nur“ ein sehr gutes Kochbuch.

11. Bewertung

Gesamtbewertung: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

Bewertung nach Kategorien:
• Inhalt und Konzept: 🥄🥄🥄🥄🥄
• Zielgruppe: 🥄🥄🥄🥄
• Rezepte und Vielfalt: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄
• Schwierigkeitsgrad: 🥄🥄
• Fotografie und Design: 🥄🥄🥄🥄
• Sprache und Anleitungen: 🥄🥄🥄🥄🥄
• Besonderheiten: 🥄🥄🥄🥄
• Preis-Leistungs-Verhältnis: 🥄🥄🥄🥄🥄🥄

12. Nachgekocht

Samiotiko giouvetsi – Kritharaki mit Rinderhackfleisch aus dem Ofen (S. 83)
Ein richtiges Wohlfühlessen, das unkompliziert funktioniert und vermutlich auch bei Kindern sehr gut ankommt. Die Hackfleischsauce bekommt durch Majoran, etwas Zimt und das Gemüse eine schöne Würze, ohne irgendwie kompliziert zu schmecken. Die Kritharaki garen anschließend im Ofen noch ein wenig weiter und verbinden sich wunderbar mit der Sauce. Ich habe mit Pecorino überbacken – Parmesan oder ein anderer würziger Hartkäse dürfte aber genauso gut funktionieren.

Salata me omo kolokithaki – Zucchinisalat mit Trauben, Minze und Sesam (S. 155)
Eine echte Überraschung. Durch das Marinieren in Zitronensaft bekommen die rohen Zucchini deutlich mehr Geschmack und eine schöne Frische und Säure. Zusammen mit den süßen Trauben und der großzügigen Menge Minze, dem nussigen Sesam ergibt das einen ungewöhnlichen, aber sehr stimmigen Salat. Auf die zerdrückten rosa Pfefferbeeren würde ich nicht verzichten – die geben am Ende noch einmal genau den richtigen kleinen Kick.

Marmelada Syko – Feigenkonfitüre mit schwarzem Pfeffer (S. 211)
Die ist eine Wucht. Schon beim Köcheln duftet sie fantastisch, und schwarzer Pfeffer und Fenchelsamen machen aus einer einfachen Feigenkonfitüre etwas Besonderes. Der Pfeffer drängt sich überhaupt nicht in den Vordergrund, sondern verstärkt den Geschmack und bringt nur eine feine Schärfe mit. Großartig zu Käse, für mich besonders zu Ziegenkäse – aber genauso gut einfach aufs Brot.

Mizithropita – Gebackener Käsekuchen
mit in Muskatwein pochierten Pfirsichen
(S. 186 f.)
Mein bisheriger Knüller aus dem Buch. Die Pfirsiche (hier weißfleischige) werden im Muskatwein mit Gewürzen wunderbar aromatisch und passen hervorragend zu dem saftigen Käsekuchen. Ich habe Ricotta verwendet, und das Ergebnis war ausgesprochen stimmig und wirklich etwas Besonderes. Die pochierten Pfirsiche würde ich übrigens auch ohne Kuchen jederzeit wieder machen – zu Eis, Joghurt oder einfach pur.

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