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“Egypt – Recipes and Stories from an Ancient Land“ von Suzanne Zeidy und Rawah Badrawi, englische Ausgabe, Nourish Books 2026. Zu einer deutschsprachigen Übersetzung gibt es noch keine Angaben.
Inhalt und Konzept
Suzanne Zeidy und Rawah Badrawi sind gemeinsam durch Ägypten gereist, haben mit Menschen gekocht, an ihren Tischen gesessen und Geschichten und Rezepte gesammelt. Diese Begegnungen prägen „Egypt“: Brotbäcker*innen, Fischer, Bauernfamilien, beduinische Gastgeber*innen, nubische Köchinnen und Mönche geben dem Buch seine Stimmen. Durch sie erfahren wir, wie eng Essen mit Landschaft, Herkunft, Glauben und Erinnerung verbunden ist – und wie kulinarisches Wissen über Generationen weitergetragen wird.
Die beiden Autorinnen bringen unterschiedliche Erfahrungen mit. Suzanne Zeidy wurde in Kairo als Tochter eines ägyptischen Vaters und einer amerikanischen Mutter geboren. Nach einem Wirtschaftsstudium an der American University in Cairo und einem MBA an der New York University absolvierte sie eine kulinarische Ausbildung und Restaurantpraktika in New York. Zurück in Ägypten arbeitete sie zunächst in den Lebensmittelunternehmen ihrer Familie und gründete später gastronomische Projekte wie La Bodega, Cilantro und Cairo Kitchen mit. Ihr gleichnamiges erstes Kochbuch erschien auf Deutsch als „Rosenwasser & Granatapfelkerne“. In „Egypt“ lässt sie den Blick nun über Kairo hinaus durch das ganze Land schweifen.
Rawah Badrawi ergänzt diese gastronomische Perspektive um ihren Blick als Reiseautorin und ihre intensive Beschäftigung mit ägyptischer Kultur und deren Erhalt. Sie studierte Wirtschaft und Geschichte an der Georgetown University und arbeitete zunächst im Finanzbereich. Während ihrer Jahre in Ägypten bereiste sie das Land ausgiebig; ihr erstes Buch widmete sie der Oase Siwa. Die Verbindung von Reisen, Geschichte und kulturellem Erbe ist auch in „Egypt“ deutlich spürbar.
Gegliedert nach Meer, Wüste, Fluss und Gebirge führt die kulinarische Reise zunächst nach Alexandria, Damietta, Port Said und Marsa Matruh. Hier begegnen uns die griechisch und mediterran geprägte Küche Alexandrias, die Fisch- und Meeresfrüchtegerichte der Hafenstädte und die beduinischen Traditionen der westlichen Küste mit Feigen, Oliven, Lamm und Ziege. Im Abschnitt über die Wüste folgen Siwa, Fayoum und Dakhla: Oasen mit eigenen landwirtschaftlichen Traditionen, Datteln, regionalen Broten, Geflügel und besonderen Blattgemüsen. Entlang des Nils geht es anschließend nach Kafr El Sheikh, Minya, Luxor und Aswan. Die üppige Milch- und Ofenküche des Nildeltas steht neben gemeinschaftlicher Brot- und Vorratsherstellung, sonnengegangenem Brot und nubischen Gerichten mit Erdnüssen, Chili und getrockneter Okra. Im Sinai treffen die überwiegend pflanzlich geprägte Fastenküche des Katharinenklosters und die Kräuter-, Brot- und Gartenkultur der benachbarten Beduinen aufeinander. Kairo bildet schließlich den Abschluss: mit überlieferten Familienrezepten, in denen sich unterschiedliche Herkunftsgeschichten und kulinarische Einflüsse verbinden. Die Regionen werden dabei ausgesprochen ausführlich vorgestellt.
Zwischen den Rezeptblöcken stehen mehrseitige, reich bebilderte Porträts, die Geschichte, Architektur, Religion, Literatur und heutiges Alltagsleben miteinander verweben. Wir begleiten die Autorinnen in Backstuben und Familienküchen, auf Märkte, Felder und Fischerboote, in Klostergärten und hoch gelegene Obstgärten. Fotografien von Menschen, Landschaften, Gebäuden und handwerklichen Tätigkeiten geben diesen Erzählungen ein Gesicht. Die Texte haben einen eigenen Lesewert: In ihren stärksten Passagen erreichen sie eine hohe journalistische, stellenweise fast literarische Qualität – durch genaue Beobachtung, lebendige Begegnungen und eine Sprache, die Atmosphäre entstehen lässt.
Dabei schauen zwei Frauen durch ihre jeweils eigene Brille auf ihr Land. Ihre Interessen, Erinnerungen und persönlichen Zugänge bestimmen mit, wen sie treffen und welche Geschichten sie erzählen. Ein umfassendes Kompendium der ägyptischen Küche darf man deshalb nicht erwarten; diesen Anspruch erheben sie auch nicht. Ihr Anliegen ist, die Menschen, Gerichte und Traditionen, denen sie unterwegs begegnen, möglichst authentisch einzufangen. So entsteht eine persönliche kulinarische Reise, die Ägyptens Vielfalt anhand konkreter Begegnungen erfahrbar macht und zugleich würdigt, wie viel Wissen, Arbeit und Erinnerung in einer Mahlzeit stecken.
Zielgruppe
„Egypt“ richtet sich an neugierige Menschen, die sich für Länderküchen interessieren und ein Kochbuch auch als kulturelles und historisches Lesebuch schätzen. Wer erfahren möchte, welche Menschen, Landschaften und Traditionen hinter den Gerichten stehen, wird hier besonders gut bedient. Die ausführlichen Regionalporträts laden dazu ein, sich auch abseits des Herds in das Buch zu vertiefen.
Zum Nachkochen braucht es vor allem Offenheit für neue Gerichte und Aromen. Die Rezepte sind überwiegend unkompliziert und gut erklärt; vieles lässt sich mit Zutaten zubereiten, die hierzulande problemlos erhältlich sind. Neben regionalen Besonderheiten finden sich auch vertraute Klassiker, die man nicht ausschließlich in Ägypten verorten würde. Das entspricht der Geschichte dieser Küchen, die durch europäischen, mediterranen und internationalen Austausch geprägt wurden, und macht ihre Bandbreite sichtbar. Bei einigen wenigen Rezepten wird die Beschaffung schwieriger: Tauben- oder Ziegenfleisch ist nicht überall erhältlich. Auch besondere regionale, eher außergewöhnliche oder nicht mehr so bekannte Zutaten wie Senfkohl können eine Hürde darstellen. Das bleibt jedoch die Ausnahme. Insgesamt bietet das Buch viele zugängliche Möglichkeiten, die Vielfalt der ägyptischen Küchen am eigenen Herd kennenzulernen.
Rezepte und Vielfalt
Die 147 Rezepte zeigen eine große Bandbreite: Frühstücksgerichte und kleine Speisen, Suppen und Eintöpfe, Gemüsegerichte, Fisch und Meeresfrüchte, Fleisch und Geflügel, Gebäck und Desserts. Dazu kommen Brote, Saucen, Würzmischungen, Konfitüren und Getränke. Die regionale Gliederung macht dabei sichtbar, wie unterschiedlich die Küchen innerhalb Ägyptens sind.
An der Mittelmeerküste stehen Fisch und Meeresfrüchte im Mittelpunkt – etwa Ofensardinen, Garnelen-Kofta in scharfer Tomatensauce oder Tintenfisch mit Dill und Zitrone. In den Oasen begegnen uns Datteln, Feigen, Oliven, regionale Brote und Gerichte mit Lamm oder Ziege. Die Küche des Nildeltas bringt gefülltes Gemüse, Geflügel und üppige Ofengerichte mit Milch und Sahne auf den Tisch. Aswan setzt mit Erdnüssen, Chili, getrockneter Okra und verschiedenen Fladenbroten nubische und sudanesische Akzente. Im Sinai prägen Hülsenfrüchte, Kräuter und Obst aus den Berggärten die Auswahl.
Auch pflanzliche Zutaten haben einen festen Platz: Dicke Bohnen, Linsen und Kichererbsen werden ebenso vielfältig verwendet wie Auberginen, Portulak, Senfkohl und andere Blattgemüse. Ihr Anteil unterscheidet sich allerdings deutlich von Kapitel zu Kapitel. Während die Auswahl rund um das Katharinenkloster überwiegend pflanzlich geprägt ist, stehen in Kairo Fleisch und Geflügel stärker im Vordergrund. Das Buch bietet damit sowohl vegetarisch Interessierten als auch Menschen, die Fisch und Fleisch essen, zahlreiche Anregungen.
Vertraute Klassiker wie Baba Ghanoush, gefüllte Weinblätter, Moussaka oder Om Ali stehen neben weniger bekannten regionalen Spezialitäten. Gerade bei wiederkehrenden Zutaten zeigt sich die Vielfalt: Molokheya wird mit Garnelen, Kaninchen oder Rindfleisch kombiniert; Brot begegnet uns in zahlreichen regionalen Formen. Solche Varianten machen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Küchen greifbar. Daneben setzen Gerichte wie Feigenblatteis, Erdmandelkuchen, karamellisierte Aprikosen mit aufgeschlagener Ricotta oder pochierte Birnen in beduinischem Tee eigene Akzente. Selbst Getränke reichen vom Hibiskus- und Guaven-Joghurt-Getränk bis zu Cocktails. So entsteht eine abwechslungsreiche Auswahl, die über bekannte ägyptische Standardgerichte hinausführt und Lust macht, sich durch die verschiedenen Regionen zu kochen.
Gestaltung und Sprache
Die englischen Texte sind persönlich, anschaulich und atmosphärisch. Die Autorinnen verbinden genaue Beobachtungen mit historischen Hintergründen, Literaturzitaten und lebendig erzählten Begegnungen. In den stärksten Passagen erreicht das eine hohe journalistische, stellenweise fast literarische Qualität. Gelegentlich wird der Ton poetisch und nostalgisch; die Begeisterung für das Land und seine Menschen ist durchgehend spürbar. Die Rezeptanleitungen bleiben dagegen klar und gut nachvollziehbar. Kurze Einleitungen geben den Gerichten einen persönlichen oder kulturellen Zusammenhang.
Über das Cover lässt sich streiten: Seine dekorative Gestaltung kann durchaus kitschig oder touristisch wirken. Für mich wird es der Qualität des Innenlebens nicht ganz gerecht. Denn dort ist „Egypt“ außergewöhnlich stimmig gestaltet – und vor allem hervorragend fotografiert.
Jonathan Gregsons Food-Fotografie gehört für mich zu den großen Stärken des Buches. Gemeinsam mit dem Foodstyling von Annie Rigg entstehen elegante, appetitliche Bilder, die sofort Lust aufs Nachkochen machen. Häufig von oben oder schräg von oben aufgenommen, stehen die Gerichte auf klassischem Geschirr, begleitet von Tischdecken und wenigen, sorgfältig gewählten Requisiten. Farben, Oberflächen und Anordnung passen zusammen; die Inszenierungen wirken stilvoll und zugleich einladend. Auch die Fotografien von Landschaften und Menschen überzeugen. Selbst bekannte ägyptische Motive gewinnen durch besondere Lichtstimmungen, ungewöhnliche Blickwinkel und bewusst gewählte Ausschnitte eine eigene Qualität. Besonders eindrucksvoll sind die Aufnahmen der Menschen: Gregson fängt sie natürlich und mit einem Gespür für den jeweiligen Moment ein. Diese Bilder tragen wesentlich dazu bei, dass die Begegnungen der Autorinnen auch für die Leser*innen lebendig werden.
Das klassische Seitendesign von Alice Claire Coleman gibt Texten und Fotografien einen ruhigen Rahmen. Eine durchgängige Serifenschrift und klar abgestufte Schriftgrößen und Hervorhebungen schaffen Orientierung. Die Rezepte folgen einem wiederkehrenden Aufbau aus kurzer Einleitung, Zutatenliste und Zubereitung und lassen sich dadurch gut überblicken. Großzügige Bildstrecken und die bebilderten Regionalporträts geben der Reise Raum. Sandtöne, gedecktes Braun und einzelne stärker roséfarbene Seiten wechseln sich mit weißen Flächen ab. Diese zurückhaltende Farbgestaltung greift die Farben der Landschaften auf und verbindet die unterschiedlichen Kapitel zu einem harmonischen Ganzen. Im Inneren ist „Egypt“ für mich ein ausgesprochen gelungenes, bis ins Detail stimmiges Buch.
Fazit
„Egypt“ schließt für mich eine Lücke im Kochbuchregal. Ägyptens Küche bekommt häufig weniger Aufmerksamkeit als andere Länderküchen und wird in Büchern über Nordafrika meist nur als Teil einer größeren Region vorgestellt. Hier liegt ein fundiertes Werk vor, das sich ganz ihren unterschiedlichen regionalen Traditionen widmet und dabei deutlich über einen Überblick bekannter Gerichte hinausgeht.
Suzanne Zeidy und Rawah Badrawi öffnen durch ihre gemeinsame Reise Türen zu Küchen und Lebenswelten, die weit über vertraute Vorstellungen von Ägypten hinausführen. Ihr persönlicher Blick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vermittelt aber eine bemerkenswerte Vielfalt und Tiefe. Die Menschen und ihre Geschichten prägen das Buch ebenso wie die abwechslungsreichen, überwiegend gut zugänglichen Rezepte.
Wer Freude an Länderküchen hat und beim Kochen auch etwas über Herkunft, Alltag und kulturelle Zusammenhänge erfahren möchte, findet hier viel zu entdecken. Die herausragende Fotografie und das stimmige Innendesign machen schon das Blättern zum Genuss. Ein Buch, das Ägyptens Esskulturen die Aufmerksamkeit gibt, die sie verdienen – und zum Lesen, Schauen und Nachkochen gleichermaßen einlädt.
🥄🥄🥄🥄🥄🥄 6 von 6 Löffeln
