1. Eckdaten
Titel: „Bohemian Soul – Tschechische Heimatküche neu interpretiert“
Autorin: Evie Harbury
Verlag: Stiebner Verlag
Erscheinungsjahr: 2026 (engl. Originalausgabe 2025)
Rezensionsexemplar – vielen Dank!
2. Inhalt und Konzept
Mit „Bohemian Soul“ nimmt Evie Harbury ihre Leser*innen mit auf eine sehr persönliche Reise in die tschechische Heimatküche ihrer Familie. Ausgangspunkt ist die Erinnerung an die Sommer ihrer Kindheit, die sie bei ihrer Großmutter in Südböhmen verbrachte. Aus diesen Erfahrungen entsteht kein klassisches Länderkochbuch, sondern eine Mischung aus Rezeptsammlung, Familiengeschichte und kulinarischem Porträt einer Region, die außerhalb ihrer Landesgrenzen oft wenig Beachtung findet.
Bereits der umfangreiche Vorspann macht deutlich, worum es der Autorin geht. In Kapiteln über die Geschichte Tschechiens, ihre Großmutter, Nachhaltigkeit und typische Vorratszutaten vermittelt sie kulturelle Hintergründe und persönliche Erinnerungen, bevor die eigentlichen Rezepte beginnen. Die Großmutter „Babička“ wird dabei zur zentralen Figur des Buches und steht stellvertretend für eine Generation, die mit einfachen Mitteln, saisonalen Zutaten und großer Wertschätzung für Lebensmittel kochte. Im Mittelpunkt stehen traditionelle tschechische Gerichte, die über Generationen weitergegeben wurden. Harbury versteht ihr Buch dabei ausdrücklich nicht als Sammlung spektakulärer Trendrezepte. Stattdessen beschreibt sie eine Küche, die von Sparsamkeit, Regionalität und Pragmatismus geprägt ist. Viele Gerichte wurzeln in einer Zeit, in der Lebensmittelknappheit, Selbstversorgung und Resteverwertung zum Alltag gehörten. Diese Haltung zieht sich als roter Faden durch das gesamte Buch.
Die Rezeptkapitel gliedern sich in Snacks zum Bier, Suppen, Hauptgerichte, fleischlose Hauptgerichte, Beilagen, Süßspeisen, böhmisches Gebäck sowie Getränke. Ergänzt werden sie durch zahlreiche persönliche Geschichten, historische Einordnungen und Fotografien aus dem Familienarchiv. Wer hier eine konsequente Modernisierung oder Neuinterpretation der tschechischen Küche erwartet, wird möglicherweise überrascht sein. „Bohemian Soul“ versteht sich vielmehr als liebevolle Bewahrung kulinarischer Traditionen und als Einladung, die tschechische Alltagsküche in ihrem kulturellen und historischen Kontext kennenzulernen. Gerade dadurch entsteht ein atmosphärisches Kochbuch, das weniger auf kulinarische Trends als auf Erinnerungen, Herkunft und gelebte Esskultur setzt.
Struktur des Buches
Den Auftakt der Rezeptkapitel bildet „Snacks zum Bier“. Bevor die Rezepte beginnen, widmet Evie Harbury mehrere Seiten der tschechischen Bierkultur, die sie als wichtigen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und der kulinarischen Identität ihres Heimatlandes beschreibt. Persönliche Erinnerungen an Dorfkneipen, Familienfeiern und gemeinsame Stunden bei einem Glas Bier schaffen dabei den kulturellen Rahmen für die folgenden Gerichte. Die acht Rezepte des Kapitels sind bewusst einfach gehalten und reichen von mariniertem Käse, Steak Tatar und Sardinenaufstrich bis zu Bärlauchbuchteln, belegten Brötchenvariationen und verschiedenen Radieschengerichten. Ergänzt wird das Kapitel durch Grundrezepte wie Schweineschmalz und Schweinekrusten, die traditionelle Formen der Resteverwertung und Vorratshaltung aufgreifen.
Insgesamt vermittelt das Kapitel vor allem einen Eindruck von bodenständiger böhmischer Alltagsküche. Die Rezepte wirken unkompliziert, vertraut und häufig von der Idee geprägt, mit wenigen Zutaten schmackhafte Kleinigkeiten zuzubereiten. Kulinarische Experimente oder moderne Interpretationen stehen dabei weniger im Vordergrund als die Bewahrung traditioneller Essgewohnheiten und Erinnerungen an gemeinsame Mahlzeiten.
Im Kapitel „Suppen“ widmet sich Evie Harbury einem Bereich der tschechischen Küche, der ihrer Ansicht nach eine besondere Rolle im kulinarischen Alltag des Landes spielt. In der Einleitung beschreibt sie Suppen nicht nur als Vorspeise, sondern als Ausdruck von Tradition, Gastfreundschaft und familiärer Esskultur. Die oft stundenlang gekochten Brühen stehen dabei sinnbildlich für eine Küche, die Geduld, Sorgfalt und die vollständige Nutzung vorhandener Zutaten schätzt.
Die acht Rezepte reichen von Pfifferlings- und Pilzsuppen über klassische Rinder- und Hühnerbrühen bis hin zu einer südböhmischen Sauerkrautsuppe, einer Knoblauchsuppe und einer herzhaften Gemüsesuppe, die nach dem ehemaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel benannt ist. Begleitet werden die Rezepte erneut von persönlichen Erinnerungen und kulturellen Einordnungen, etwa zur Tradition des Pilzesammelns oder zur Bedeutung einzelner Gerichte innerhalb der tschechischen Alltagsküche. Im Vergleich zum vorherigen Kapitel treten hier regionale Besonderheiten stärker hervor. Gleichzeitig bleibt die Autorin ihrer Linie treu: Im Mittelpunkt stehen keine spektakulären Neuinterpretationen, sondern bodenständige, oft seit Generationen überlieferte Rezepte, die einen Einblick in die kulinarischen Wurzeln Böhmens geben.
Das Kapitel „Der Hauptgang“ bildet das Zentrum des Buches und zeigt besonders deutlich, wie Evie Harbury die traditionelle böhmische Küche versteht. Bereits in der Einleitung beschreibt sie die klassische Kombination aus Fleisch, Sauce und Knödeln als prägend für viele tschechische Hauptgerichte. Gleichzeitig erläutert sie die historischen Hintergründe dieser oft gehaltvollen Küche, die lange Zeit auf die Bedürfnisse körperlich arbeitender Menschen zugeschnitten war. Die vierzehn Rezepte umfassen zahlreiche bekannte Klassiker der mitteleuropäischen Hausmannskost. Neben Schweine- und Rindsgulasch finden sich Schweinebraten mit Kartoffelknödeln und Sauerkraut, gebratene Entenkeulen, Rinderschmorbraten, gegrillte Schweinerippchen, Hackbraten sowie verschiedene Geflügelgerichte. Ergänzt wird die Auswahl durch einige regional geprägte Spezialitäten wie gefüllte Kartoffelknödel oder Langosch als beliebtes Streetfood.
Das Kapitel vermittelt einen guten Eindruck von den herzhaften, oft fleischbetonten Gerichten, die über Generationen hinweg die böhmische Alltags- und Festtagsküche geprägt haben. Viele Rezepte wirken bewusst traditionell und setzen auf vertraute Zutaten und Zubereitungen. Persönliche Erinnerungen und Familienfotos lockern die Rezeptsammlung auf und unterstreichen erneut den autobiografischen Charakter des Buches.
Mit den „Fleischlose Hauptgerichte“ schlägt Evie Harbury eine Brücke zwischen traditioneller böhmischer Küche und heutigen Ernährungsgewohnheiten. In der Einleitung weist sie darauf hin, dass vegetarische Gerichte in der historischen tschechischen Küche lange Zeit eher die Ausnahme waren und erst in den vergangenen Jahrzehnten stärker an Bedeutung gewonnen haben. Einige der Rezepte wurden deshalb bewusst angepasst, um ohne Fleisch auszukommen. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Autorin den Pilzen, die in Tschechien eine lange Tradition besitzen und bis heute eine wichtige Rolle in der Alltagsküche spielen. Die persönliche Verbundenheit zum Pilzesammeln und die Bedeutung der Wälder für die tschechische Esskultur werden ausführlich beschrieben und verleihen dem Kapitel eine deutlich regionale Prägung.
Die zehn Rezepte reichen von Pilzgulasch, Graupenrisotto mit Pilzen und Dillsoße mit Ei über frittierte Blumenkohlröschen und Zucchini-Fleckerl bis hin zu gebackenem Camembert, Käseschnitzel und gefüllten Zucchiniblüten. Ergänzt wird die Auswahl durch traditionelle Gerichte wie Saure Linsen, die in Tschechien als Glücksbringer zum Jahreswechsel gelten. Insgesamt zeigt das Kapitel eine bodenständige, unkomplizierte vegetarische Küche, die eng mit regionalen Zutaten und traditionellen Essgewohnheiten verbunden bleibt. Moderne vegetarische Konzepte stehen dabei weniger im Vordergrund als die Anpassung klassischer Gerichte an heutige Ernährungsweisen.
Das Kapitel „Beilagen“ widmet sich den klassischen Begleitern der böhmischen Küche und zeigt, welche wichtige Rolle Kohl, Kartoffeln, Knödel und eingelegtes Gemüse in der traditionellen Alltagsküche spielen. In der Einleitung beschreibt Evie Harbury insbesondere die Bedeutung der Kartoffel als zentrales Grundnahrungsmittel sowie die enge Verbindung der tschechischen Küche zu Saisonalität, Selbstversorgung und Vorratshaltung. Pickles und fermentiertes Gemüse werden dabei als wichtiger Bestandteil einer von Landwirtschaft und Sparsamkeit geprägten Esskultur vorgestellt. Die zehn Rezepte umfassen unter anderem böhmischen Rotkohl, geschmortes Sauerkraut, Kartoffelsalat, Kartoffelpuffer, Gurkensalat, Kräuterkartoffeln und Kartoffelstampf. Hinzu kommen Rezepte für Böhmische und Karlsbader Knödel sowie verschiedene Pickles. Besonders die unterschiedlichen Knödelvarianten vermitteln einen Einblick in regionale Traditionen und verdeutlichen, wie eng viele Gerichte mit der Geschichte und Esskultur Böhmens verbunden sind.
Die Rezepte bleiben der Grundlinie des Buches treu: Sie sind unkompliziert, bodenständig und überwiegend aus einfachen, leicht verfügbaren Zutaten aufgebaut. Während manche Zubereitungen vielen Leser*innen bereits vertraut vorkommen dürften, vermittelt das Kapitel zugleich einige typische Elemente der böhmischen Küche, die außerhalb Tschechiens weniger bekannt sind. Auffällig ist jedoch erneut, dass die kulturgeschichtlichen und persönlichen Einführungen oft mehr Neugier wecken als die Rezepte selbst. Die Gedanken der Autorin zu Selbstversorgung, Landwirtschaft, Haltbarmachung und saisonalem Kochen vermitteln ein lebendiges Bild des ländlichen Böhmens und gehören zu den stärkeren Passagen des Buches. Die anschließenden Rezepte wirken dagegen häufig bewusst schlicht und traditionell. Dadurch entsteht insgesamt der Eindruck, dass „Bohemian Soul“ weniger ein Kochbuch für die Suche nach neuen kulinarischen Ideen ist als vielmehr eine kulinarische Erinnerungssammlung, die einen Einblick in eine bestimmte Lebensweise und Esskultur vermitteln möchte.
Das Dessertkapitel „Etwas Süßes“ verbindet persönliche Erinnerungen mit klassischen Süßspeisen der böhmischen Küche. In der Einleitung beschreibt Evie Harbury die tschechische Gastfreundschaft, die Bedeutung von Obst aus heimischen Gärten sowie ihre Überzeugung, dass gerade beim Backen und bei Süßspeisen sorgfältiges Arbeiten besonders wichtig ist. Anders als bei vielen herzhaften Gerichten plädiert sie hier ausdrücklich für Genauigkeit bei Mengenangaben und Arbeitsschritten. Die sieben Rezepte reichen von böhmischen Liwanzen mit Blaubeersoße über Pflaumenmus, Grießbrei und Erdbeerknödel bis hin zu selbst gemachtem Vanillezucker, heißen Himbeeren mit Vanilleeis und einfachen Pfannkuchen mit Erdbeerkonfitüre. Viele der Gerichte basieren auf saisonalem Obst und spiegeln die enge Verbindung der böhmischen Küche zu den Erträgen aus Garten und Obstwiese wider. Wie bereits in den vorherigen Kapiteln stehen auch hier weniger kulinarische Innovationen als vielmehr Erinnerungen, Traditionen und familiäre Prägungen im Mittelpunkt. Besonders die Fruchtknödel vermitteln einen Eindruck regionaler Spezialitäten, während andere Rezepte auch in vielen anderen mitteleuropäischen Küchen zu Hause sein könnten. Das Kapitel wirkt dadurch ebenso bodenständig wie vertraut und setzt die nostalgische Grundstimmung des Buches konsequent fort.
Mit 19 Rezepten gehört das Kapitel „Böhmisches Gebäck“ zu den umfangreichsten Abschnitten des Buches. In ihrer Einleitung beschreibt Evie Harbury die Backtradition Böhmens und Mährens als einen besonderen kulturellen Schatz. Sie verweist auf die Bedeutung von Hefegebäck, saisonalem Obst, Nüssen und Milchprodukten sowie auf den Einfluss der jüdischen Küche auf einzelne Backwaren. Die Rezeptauswahl ist breit gefächert und reicht von Roggenbrot, Buchteln, Dukatenbuchteln, Kolatschen und böhmischen Dalken über Apfelstrudel, Johannisbeerkuchen und Medovník bis hin zu verschiedenen Weihnachtsplätzchen, Vanillekipferln, Rumtrüffeln und gefüllten Walnüssen. Ergänzt wird das Kapitel durch Klassiker wie Marmorgugelhupf und Windbeutel mit Karamellcreme. Im Vergleich zu vielen herzhaften Kapiteln treten hier regionale Besonderheiten deutlicher hervor. Gleichzeitig zeigt sich erneut die enge Verbindung der böhmischen Küche zu den kulinarischen Traditionen des ehemaligen Habsburgerreichs. Viele Rezepte dürften Leser*innen auch aus Österreich oder anderen mitteleuropäischen Ländern bekannt vorkommen. Bedauerlich ist, dass einige der weniger bekannten Spezialitäten ausgerechnet ohne begleitende Fotografie auskommen müssen. Gerade bei traditionellen Gebäcken, die außerhalb Tschechiens wenig bekannt sind, wären zusätzliche Bilder hilfreich gewesen. Dennoch vermittelt das Kapitel einen guten Eindruck von der großen Bedeutung, die Backwaren und süße Hefeteige in der böhmischen Esskultur bis heute besitzen.
Im abschließenden Kapitel „Getränke mit und ohne Alkohol“ richtet Evie Harbury den Blick auf die tschechische Getränkekultur. In der Einleitung beschreibt sie die Bedeutung von Slivovitz und Becherovka, erzählt von familiären Traditionen rund um selbst gebrannten Zwetschgenschnaps und verweist auf die oft unterschätzte Weinproduktion Südmährens. Wie in den vorherigen Kapiteln verbindet sie dabei kulturelle Hintergründe und persönliche Erinnerungen mit kulinarischen Themen. Die sechs Rezepte umfassen einen Slivovitz Sour, einen Pfirsich-Eistee mit Honig, den Cocktail „Czech Mate“ mit Becherovka, einen Honig-Cocktail „Honey Old Fashioned“, Glühwein sowie einen Mokka auf tschechische Art. Besonders die Verwendung traditioneller tschechischer Spirituosen verleiht dem Kapitel einen regionalen Bezug. Wie bereits in anderen Teilen des Buches stehen weniger innovative Getränkekreationen als vielmehr die Vermittlung von Kultur und Alltagsleben im Vordergrund. Die Rezepte selbst bleiben überwiegend unkompliziert und leicht zugänglich. Den eigentlichen Mehrwert des Kapitels bilden erneut die Geschichten und Hintergründe, die Einblicke in die tschechische Gastfreundschaft sowie die Bedeutung bestimmter Getränke im familiären und gesellschaftlichen Leben geben.
Das Buch endet mit einem sehr persönlichen Nachwort, in dem die Autorin die Geschichte ihrer Familie, ihrer Großmutter und deren enge Verbindung zu Böhmen schildert. Spätestens hier wird deutlich, dass „Bohemian Soul“ weit mehr sein möchte als eine reine Rezeptsammlung. Die Rezepte dienen als Träger von Erinnerungen, Familiengeschichten und kulturellem Erbe. Dieser autobiografische Zugang verleiht dem Buch viel Authentizität, prägt aber zugleich die gesamte Perspektive des Werkes.

Manchmal erzählen Rezepte mehr als nur von Zutaten und Zubereitungstechniken. Sie erzählen von Menschen.
Die berührendste Passage in „Bohemian Soul“ findet sich nicht in einem Rezept, sondern im Nachwort. Dort berichtet Evie Harbury von ihrer Großmutter, die als junge Frau ihre Heimat verlor, ihre tschechische Staatsbürgerschaft abgeben musste und Jahrzehnte später darum kämpfte, sie zurückzuerhalten. Als sie gefragt wurde, warum ihr dies mit über neunzig Jahren noch so wichtig sei, antwortete sie:
„Junger Mann, ich wurde als Tschechin geboren und möchte auch als Tschechin sterben.“
Dieser Satz verleiht dem gesamten Buch eine neue Bedeutung. Plötzlich erscheinen die Kartoffelsalate, Knödel, Suppen und Kuchen nicht mehr nur als Rezepte, sondern als Erinnerungsstücke einer Familie, die ihre Wurzeln bewahren wollte. Die Küche wird hier zu einer Sprache der Zugehörigkeit, zu einem Ort, an dem Geschichte weiterlebt. Vielleicht erklärt genau das auch die große Nostalgie vieler Gerichte. „Bohemian Soul“ blickt weniger auf das heutige Tschechien als auf das Böhmen der Erinnerungen. Auf eine verlorene Heimat, die durch Düfte, Geschmäcker und Familienrezepte lebendig bleibt.
Und unabhängig davon, wie modern oder zeitgemäß man die Rezepte empfindet: Dieser Wunsch, Herkunft durch Essen zu bewahren, berührt weit über den Tellerrand hinaus.
3. Zielgruppe
„Bohemian Soul“ richtet sich vor allem an Leser*innen, die sich für traditionelle Hausmannskost, Familienrezepte und kulinarische Erinnerungen interessieren. Wer moderne Interpretationen osteuropäischer Küche sucht oder auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen ist, dürfte dagegen nur eingeschränkt fündig werden. Das Buch lebt weniger von kulinarischer Innovation als von seiner persönlichen Perspektive. Evie Harbury erzählt die Geschichte ihrer Familie, ihrer Großmutter und ihrer böhmischen Wurzeln. Viele Rezepte wirken dabei wie ein Blick in eine vergangene Zeit: bodenständig, oft schlicht und eng mit den Erinnerungen der Autorin verbunden. Gerade Leser*innen mit Interesse an Familiengeschichte, Kultur und kulinarischer Nostalgie könnten daran Gefallen finden.
Für jüngere Kochbuchfans oder Menschen, die moderne osteuropäische Küche kennenlernen möchten, könnte der Zugang allerdings schwieriger sein. Anders als aktuelle Bücher wie „Vilnius“ von Denise Snieguolé Wachter oder „Frisch aus Polen“ von Michał Korkosz versucht „Bohemian Soul“ nicht, traditionelle Gerichte in die Gegenwart zu übersetzen oder zeitgemäß weiterzuentwickeln. Stattdessen bewahrt es viele Rezepte nahezu unverändert in ihrer ursprünglichen Form. Dadurch entsteht ein Kochbuch, das eher dokumentiert als interpretiert. Wer sich für kulinarisches Kulturerbe interessiert und bereit ist, sich auf eine sehr persönliche Reise in das Böhmen der Kindheitserinnerungen der Autorin einzulassen, wird hier interessante Einblicke finden. Wer dagegen Inspiration für die heutige tschechische Küche sucht, dürfte manche Antworten vermissen.
4. Rezepte und Vielfalt
Mit rund 70 Rezepten bietet „Bohemian Soul“ einen umfassenden Einblick in die traditionelle böhmische Hausmannskost. Die Bandbreite reicht von Suppen, Hauptgerichten und Beilagen über Gebäck und Desserts bis hin zu Getränken. Besonders umfangreich fällt das Kapitel zum böhmischen Gebäck aus, das einen wichtigen Teil der kulinarischen Tradition des Landes sichtbar macht. Wiederkehrende Zutaten und Themen sind Knödel, Kohl, Sauerkraut, Kartoffeln, Pilze, saisonales Obst sowie verschiedene Formen der Vorratshaltung und Haltbarmachung. Viele Rezepte spiegeln eine Küche wider, die von Landwirtschaft, Selbstversorgung und einem sparsamen Umgang mit Lebensmitteln geprägt wurde.
Die Rezeptauswahl vermittelt insgesamt ein stimmiges Bild der traditionellen böhmischen Alltagsküche. Gleichzeitig fällt auf, dass zahlreiche Gerichte auch in anderen mitteleuropäischen Ländern verbreitet sind und vielen Leser*innen vertraut vorkommen dürften. Besonders bei den Hauptgerichten dominieren klassische Fleischgerichte wie Gulasch, Braten oder Schnitzel, während Gemüse meist eine begleitende Rolle spielt. Die vegetarischen Rezepte erweitern die Auswahl, orientieren sich jedoch ebenfalls überwiegend an traditionellen Vorbildern. Moderne pflanzenbetonte Ansätze oder zeitgemäße Interpretationen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Wer traditionelle Rezepte und kulinarisches Kulturerbe sucht, findet hier eine solide und authentische Sammlung. Leser*innen, die sich von einem aktuellen Länderkochbuch neue Impulse oder eine Weiterentwicklung der tschechischen Küche erhoffen, werden dagegen vergleichsweise wenig Überraschungen entdecken.
5. Schwierigkeitsgrad
Die Rezepte in „Bohemian Soul“ sind überwiegend unkompliziert aufgebaut und auch für Kochanfänger*innen gut geeignet. Die Zutaten sind größtenteils problemlos erhältlich, Spezialzutaten werden erklärt oder durch leicht verfügbare Alternativen ersetzt. Die Arbeitsschritte sind klar beschrieben und logisch aufgebaut, sodass sich die Gerichte auch ohne große Kocherfahrung sicher nachkochen lassen. Im Praxistest überzeugten die nachgekochten Rezepte durch nachvollziehbare Anleitungen und eine unkomplizierte Zubereitung. Alle Gerichte gelangen problemlos und entsprachen den Erwartungen. Auch wenn einige Rezepte aus mehreren Komponenten bestehen oder etwas Zeit benötigen, bleibt die Zubereitung insgesamt alltagstauglich. Wer Freude an bodenständiger Hausmannskost hat, wird mit den verständlichen Rezepten gut zurechtkommen.
6. Fotografie und Design
„Bohemian Soul“ verfolgt ein sehr konsequentes Gestaltungskonzept. Die Farbwelt, die verwendeten Schriften, die Illustrationen und die zahlreichen Familienfotografien greifen die nostalgische Grundidee des Buches auf und schaffen eine Atmosphäre, die an Kindheitserinnerungen, ländliche Küchen und vergangene Jahrzehnte erinnert. Das angepasste Design der deutschen Ausgabe von Danai Afrati (engl. Ausgabe: Luke Bird) wirkt bewusst retro und unterstreicht den autobiografischen Charakter des Buches. Die Foodfotografie von Ola O. Smit ordnet sich diesem Konzept konsequent unter. Die Gerichte stehen klar im Mittelpunkt und werden auf schlichtem, teilweise bewusst gealtert wirkendem Geschirr präsentiert. Rustikale Tischdecken, traditionelle Teller und eine insgesamt unaufgeregte Inszenierung verleihen den Bildern Authentizität. Wer opulente Foodstyling-Inszenierungen erwartet, wird hier nicht fündig – die Fotografien setzen vielmehr auf eine ruhige, bodenständige Bildsprache. Auf didaktische Elemente wie Bildfolgen oder Schritt-für-Schritt-Aufnahmen, die anspruchsvollere Zubereitungen veranschaulichen könnten, verzichtet das Buch vollständig. Das ist angesichts der überwiegend unkomplizierten Rezepte zwar kein gravierender Nachteil, bietet insbesondere Kochanfänger*innen jedoch auch keine zusätzliche Orientierung. Zudem ist nicht jedes Rezept bebildert. Gerade einige der weniger bekannten böhmischen Spezialitäten bleiben ohne Fotografie, während vertrautere Gerichte illustriert werden. Das ist bedauerlich, denn Bilder dienen in Kochbüchern nicht nur der Atmosphäre, sondern wecken auch die Lust aufs Nachkochen und vermitteln eine Vorstellung davon, wie das fertige Gericht aussehen soll. Gerade bei traditionellen Gerichten, die vielen Leser*innen bislang unbekannt sein dürften, wären zusätzliche Fotografien ein echter Mehrwert gewesen.
Ob einem die Gestaltung insgesamt gefällt, ist letztlich Geschmackssache. Sie passt hervorragend zur erzählten Familiengeschichte und zum nostalgischen Blick auf das Böhmen der Kindheit. Gleichzeitig wirkt das Erscheinungsbild bewusst aus der Zeit gefallen und verzichtet auf die klare, reduzierte Ästhetik vieler moderner Kochbücher. Weniger überzeugend ist dagegen das Layout im praktischen Gebrauch. Mehrfach verteilen sich Zutatenlisten und Zubereitungsschritte über zwei Doppelseiten, sodass während des Kochens umgeblättert werden muss. Gerade auf einem Kochbuchständer erweist sich das als unpraktisch und stört den Arbeitsablauf unnötig. Positiv hervorzuheben sind hingegen die gut strukturierte Gliederung der Zutatenlisten sowie die insgesamt gut lesbare Typografie, die das Nachkochen erleichtert.
7. Sprache und Anleitungen
Die große Stärke von „Bohemian Soul“ liegt in seiner Sprache. Evie Harbury schreibt nicht wie eine distanzierte Kochbuchautorin, sondern wie jemand, der offen von seiner Familie, seiner Heimat und den prägenden Gerichten seiner Kindheit erzählt. Jedes Rezept beginnt mit einer persönlichen Erinnerung, einer Familienanekdote oder einer kulturgeschichtlichen Einordnung. Ergänzt werden diese Einleitungen durch zahlreiche Küchentipps, Hinweise zu Zutaten, Zubereitungstechniken oder traditionellen Gepflogenheiten. Dadurch entsteht weit mehr als eine bloße Rezeptsammlung – die Gerichte werden in einen persönlichen und kulturellen Zusammenhang gestellt. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als lägen auf dem Küchentisch gleichzeitig ein Kochbuch und ein Familienfotoalbum – und Evie Harbury blättere gemeinsam mit ihren Leser*innen durch beides zugleich. Diese erzählerische Nähe macht das Buch ausgesprochen sympathisch. Selbst wenn sie Küchentipps oder Hintergrundwissen vermittelt, geschieht dies selbstverständlich und angenehm unaufgeregt. Die Autorin wirkt dabei jederzeit nahbar und authentisch, ohne jemals belehrend zu erscheinen.
Auch die Rezeptanleitungen überzeugen. Die einzelnen Arbeitsschritte sind klar gegliedert, verständlich formuliert und gut nachvollziehbar. Die nachgekochten Rezepte erwiesen sich als zuverlässig und leicht umzusetzen. Sowohl Kochanfänger*innen als auch erfahrene Hobbyköch*innen dürften den Anleitungen problemlos folgen können. Positiv fällt zudem auf, dass die Rezepte sorgfältig lektoriert wurden und sprachlich einen sehr stimmigen Gesamteindruck hinterlassen. Gerade diese gelungene Verbindung aus persönlichen Geschichten, praktischen Küchentipps und präzisen Rezeptanleitungen macht das Buch angenehm lesbar – selbst dann, wenn man nicht unmittelbar kochen möchte. Die Autorin versteht es, ihre Begeisterung für die Küche ihrer Familie glaubwürdig zu vermitteln und ihre Leser*innen an ihren Erinnerungen teilhaben zu lassen.
8. Besonderheiten
Die größte Besonderheit von „Bohemian Soul“ ist sein sehr persönlicher Zugang zur tschechischen Küche. Evie Harbury erzählt nicht nur von Rezepten, sondern von ihrer Familie und den Erinnerungen an ihre Kindheit in Böhmen. Dadurch entsteht ein Kochbuch, das ebenso Familiengeschichte wie kulinarisches Porträt ist. Auffällig ist dabei der konsequente Blick zurück. Die Autorin versteht ihr Buch weniger als Bestandsaufnahme der heutigen tschechischen Küche, sondern als Bewahrung einer kulinarischen Erinnerungskultur. Viele Rezepte werden nicht neu gedacht, sondern bewusst in ihrer traditionellen Form weitergegeben. Gleichzeitig wird deutlich, wie eng die böhmische Küche historisch mit der gesamten mitteleuropäischen Esskultur verwoben ist. Zahlreiche Gerichte und Zubereitungsarten finden sich – in ähnlicher Form – auch in den Küchen Österreichs, Bayerns oder anderer Regionen des ehemaligen Habsburgerreichs bzw. auch der osteuropäischen Küche wieder. Das Buch zeigt diese gemeinsamen Wurzeln eindrucksvoll, ohne sie jedoch gezielt in einen zeitgenössischen Kontext zu stellen. Wer „Bohemian Soul“ als kulinarische Reise in die Familiengeschichte der Autorin liest, wird darin eine große Stärke entdecken. Gerade dieser sehr persönliche Blick macht das Buch unverwechselbar.
9. Preis-Leistungsverhältnis
Preis: 28 Euro
Mit einem Preis von 28 Euro bewegt sich „Bohemian Soul“ im mittleren Segment hochwertiger Kochbücher. Dafür erhalten Leser*innen ein sorgfältig verarbeitetes Hardcover mit stabiler Bindung, rund 70 Rezepten, zahlreichen Fotografien, persönlichen Geschichten und einem umfangreichen Register, das sowohl nach Rezepten als auch nach Zutaten gegliedert ist und die praktische Nutzung erleichtert. Auch sprachlich und handwerklich überzeugt das Buch. Die Rezepte sind sorgfältig lektoriert, gut nachvollziehbar und im Praxistest zuverlässig gelungen. Hinzu kommt eine liebevolle Gestaltung, die das nostalgische Konzept des Buches konsequent unterstützt.
Ob der Preis als angemessen empfunden wird, hängt letztlich stark von den Erwartungen an das Buch ab. Wer eine persönliche kulinarische Reise durch die Erinnerungen der Autorin sucht und Freude an traditionellen Rezepten sowie kulturellen Hintergründen hat, erhält ein stimmiges Gesamtpaket. Wer dagegen ein modernes Länderkochbuch mit zeitgemäßen Interpretationen der tschechischen Küche erwartet, wird den Gegenwert möglicherweise kritischer beurteilen.
10. Gesamteindruck und Empfehlung
„Bohemian Soul“ ist ein Kochbuch, das mich zwiegespalten zurücklässt – und genau das macht seine Bewertung so spannend. Auf der einen Seite steht eine Autorin, die mit großer Wärme und Offenheit von ihrer Familie, ihrer Großmutter und ihrer böhmischen Heimat erzählt. Die persönlichen Erinnerungen, die kulturgeschichtlichen Einordnungen und die vielen kleinen Geschichten gehören zu den größten Stärken des Buches. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als lägen auf dem Küchentisch gleichzeitig ein Kochbuch und ein Familienfotoalbum – und Evie Harbury blättere gemeinsam mit ihren Leser*innen durch beides zugleich. Diese Nähe macht „Bohemian Soul“ zu einem ebenso berührenden wie authentischen Buch. Auch handwerklich überzeugt der Band. Die Rezepte sind verständlich geschrieben, gelingsicher und alltagstauglich. Die Zutaten sind gut erhältlich, die Anleitungen klar formuliert und auch für weniger erfahrene Hobbyköch*innen problemlos nachvollziehbar.
Dennoch bleibt für mich eine entscheidende Frage offen. Der Untertitel verspricht eine „neu interpretierte“ tschechische Heimatküche. Tatsächlich begegnet mir jedoch vor allem die Küche der Erinnerungen. Viele Rezepte wirken, als seien sie genau dort stehen geblieben, wo sie vor vierzig oder fünfzig Jahren standen. Andere Autor*innen zeigen heute, wie sich traditionelle Küchen weiterentwickelt haben, welche neuen Einflüsse hinzugekommen sind und was aktuell gekocht wird. Evie Harbury entscheidet sich bewusst für einen anderen Weg: Sie bewahrt die Gerichte ihrer Kindheit und Familiengeschichte weitgehend unverändert.
Gerade darin liegt zugleich die größte Stärke und die größte Schwäche des Buches. Als kulinarisches Erinnerungsbuch funktioniert „Bohemian Soul“ hervorragend. Als modernes Länderkochbuch über die tschechische Küche bleibt es dagegen hinter meinen Erwartungen zurück. Das Design kommuniziert diesen eigentlichen Charakter des Buches übrigens ehrlicher als sein Untertitel. Während dieser eine Neuinterpretation erwarten lässt, erzählt die Gestaltung von Anfang an etwas ganz anderes. Eigentlich müsste der Untertitel lauten: „Ich nehme dich mit in die Küche meiner Großmutter.“ Genau das tut Evie Harbury – und genau darin liegt die Seele dieses Buches. Wer sich auf diese Reise einlässt und Freude an traditionellen Rezepten, Familiengeschichten und kulinarischer Kulturgeschichte hat, wird mit einem warmherzigen und sehr persönlichen Buch belohnt. Wer hingegen die tschechische Küche in ihrer heutigen Entwicklung kennenlernen oder moderne Interpretationen klassischer Gerichte entdecken möchte, dürfte manche Antwort vermissen.
11. Bewertung
Gesamtbewertung: 🥄🥄🥄🥄 (4 von 6 Löffeln)
Bewertung nach Kategorien:
• Inhalt und Konzept: 🥄🥄🥄🥄
• Zielgruppe: 🥄🥄
• Rezepte und Vielfalt: 🥄🥄🥄🥄
• Schwierigkeitsgrad: 🥄🥄
• Fotografie und Design: 🥄🥄🥄
• Sprache und Anleitungen: 🥄🥄🥄🥄🥄
• Besonderheiten: 🥄🥄🥄
• Preis-Leistungs-Verhältnis: 🥄🥄🥄🥄
12. Nachgekocht

Pfannkuchen mit schneller Erdbeerkonfitüre (S. 148)
Klingt unspektakulär, war dann aber doch überraschend – das lag daran, dass die schnelle Erdbeerkonfitüre eher einem Kompott gleicht und mit wenig Zucker auskommt, was dem Ganzen eine unglaublich schön Frucht verleiht. Tolles Erdbeeraroma trifft auf einen leichten Pfannkuchen, der an einen Crêpes erinnert. Die Mandelblättchen passen prima, man hätte auch noch Schlagsahne dazu servieren können (oder sicherlich auch Vanilleeis), aber so pur sind sie auch schon ein Genuss! 🍓

Pilzgulasch (S. 104)
Die Basis bilden Zwiebeln, reichlich Knoblauch, Champignons und rote Paprika. Den typischen Gulaschcharakter bekommt das Gericht aber vor allem durch die Gewürze: geräuchertes Paprikapulver (mild und scharf), Kümmel, Piment und Majoran sorgen für ein wunderbar rundes Aroma. Besonders spannend fand ich die Bindung. Als reichlich Tomatenmark und ungewöhnlich viel Mehl ins Rezept kam, war ich zunächst überzeugt, dass sich ein Fehler eingeschlichen haben musste. Aber genau das sorgt für diese wunderbar sämige Konsistenz, die man sonst eher von einem klassischen Gulasch kennt. Sauerkraut bringt zusätzlich Tiefe und eine feine Säure ins Gericht, zum Schluss machen Sahne und Mascarpone (bei mir Schmand) alles herrlich cremig. Serviert habe ich das Ganze mit Stampfkartoffeln – genauso gut würden Salzkartoffeln oder Knödel passen. Das beste vegetarische Gulasch, das ich je gegessen habe!

