Bunny Banyai – Around the World in 80 Meatballs

Around the World in 80 Meatballs“ von Bunny Banyai, engl. Ausgabe (hier besprochen) Hardie Grant, 2025, dt. Ausgabe GU Verlag, 2026.

Inhalt und Konzept

Einmal um die Welt in 80 Hackbällchen: Bunny Banyai hat für ihr erstes Kochbuch eine ebenso einfache wie überzeugende Idee gefunden. Denn Fleischbällchen gibt es beinahe überall – gebraten oder geschmort, in Suppen, Currys und Aufläufen, mit Tomatensauce, Brühe, Dip oder Bratensauce. Und kaum jemand dürfte sie nicht mögen.

Banyai ist keine Köchin, sondern freie Autorin. Genau das prägt ihr Buch auf ausgesprochen angenehme Weise. Sie hat nicht einfach 80 eigene Varianten entwickelt, sondern weltweit recherchiert und vor allem Menschen aus ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld nach den Hackbällchen ihrer Heimat und ihren überlieferten Familienrezepten gefragt. Das australische Einwanderungsland mit seiner kulturell vielfältigen Bevölkerung bot dafür einen besonders ergiebigen Ausgangspunkt. Viele der Beitragenden erzählen von Eltern oder Großeltern, von Migration und davon, wie ein vertrautes Gericht auch in der neuen Heimat eine Verbindung zur eigenen Herkunft bewahrt. Deshalb beginnt jedes Rezept mit einer kleinen Geschichte: Mal stellt Banyai den Menschen vor, von dem es stammt, mal erzählt sie etwas über seine familiäre Überlieferung oder den kulturellen Hintergrund des Gerichts – häufig alles zugleich. Ihre journalistische Erfahrung ist dabei deutlich zu spüren. Sie schreibt lebendig, warmherzig und mit trockenem Humor, ohne die kurzen Einleitungen mit Informationen zu überfrachten. So ist Around the World in 80 Meatballs nicht nur eine erstaunlich vielfältige Rezeptsammlung, sondern auch ein Buch über Erinnerung, Zugehörigkeit und das, was Menschen trotz aller Unterschiede miteinander verbindet.

Die überlieferten Rezepte wurden für das Buch behutsam ausgearbeitet und anschließend umfangreich getestet. Banyai weist zugleich ausdrücklich darauf hin, dass Familienrezepte selten in Stein gemeißelt sind: Sie verändern sich über Generationen und Landesgrenzen hinweg – und dürfen auch in der eigenen Küche weiter angepasst werden.

Zielgruppe

Around the World in 80 Meatballs richtet sich zunächst natürlich an alle, die Hackbällchen lieben – vor allem aber an neugierige Hobbyköch*innen, die über vertraute Frikadellen, Köttbullar und Spaghetti mit Fleischbällchen hinausblicken möchten. Das Buch bietet einen ausgesprochen zugänglichen Einstieg in Küchen aus aller Welt: Die Grundidee bleibt vertraut, während Gewürze, Saucen, Beilagen und Zubereitungsarten immer wieder wechseln.

Auch Familien dürften hier viel finden. Hackbällchen sind meist unkompliziert, gut vorzubereiten und häufig auch bei Kindern beliebt. Gleichzeitig sprechen die vollständigen Gerichte Erwachsene an, die internationaler und abwechslungsreicher kochen möchten. Wer Kochbücher nicht nur wegen der Rezepte liest, sondern sich auch für die Menschen, Erinnerungen und kulturellen Hintergründe dahinter interessiert, wird an Banyais kurzen Einleitungen besondere Freude haben.

Weniger geeignet ist das Buch naturgemäß für Menschen, die sich ausschließlich oder überwiegend pflanzlich ernähren. Banyai gibt zwar Hinweise, wie sich Fleisch in manchen Rezepten durch pflanzliche Alternativen ersetzen lässt, doch der überwiegende Teil ist klar auf Fleisch und teilweise Fisch ausgerichtet. Es ist auch kein systematisches Grundlagenwerk über die Küchen einzelner Länder, sondern eine persönliche, unterhaltsame Sammlung für weltoffene Genießer*innen.

Rezepte und Vielfalt

Die 80 Rezepte sind als kulinarische Weltreise angeordnet. Auf deutsche Frikadellen mit Rahmspinat folgen polnische Pulpety mit Rote-Bete-Salat, marokkanische Kefta Mkaouara und kolumbianische Albóndigas; später geht es unter anderem nach Japan, Ghana, Iran, Kambodscha, China, Sardinien, Korea und Tibet. Manche Länder und Regionen sind mehrfach vertreten, weil Banyai unterschiedliche Zubereitungsarten zeigen möchte. Eine systematische Länder-Enzyklopädie will das Buch also nicht sein – seine Auswahl ist wesentlich persönlicher und durch die Menschen geprägt, die ihre Rezepte beigesteuert haben.

Dabei fasst Banyai den Begriff Meatball erfreulich weit. Verarbeitet werden Rind, Schwein, Lamm und Geflügel, aber auch Fisch, Reis, Hülsenfrüchte und Gemüse. Nicht alles ist tatsächlich kugelrund: Auch flache Frikadellen, längliche Köfte, Kibbeh und gefüllte Gemüsegerichte gehören zu dieser sehr großzügig ausgelegten Bällchenfamilie. Ein kleiner Größenratgeber zeigt anschaulich, was mit Traube, Walnuss, Golfball oder Eiskugel gemeint ist und sie zeigt auch wie das Formen auf jeden Fall gelingt.

Fast immer erhält man ein vollständiges Gericht und nicht nur ein Grundrezept für Fleischbällchen. Es gibt Suppen und Brühen, Currys und Schmorgerichte, Aufläufe, Bällchen in Tomaten-, Rahm- oder Bratensauce, kleine Snacks sowie passende Beilagen und Dips. Besonders überzeugend ist das vielseitig aufgebaute Rezeptverzeichnis: Die Rezepte lassen sich sowohl nach ihren Titeln und Zutaten als auch nach Gerichtstypen und Ländern finden. Wer also eine wärmende Suppe, ein Rezept mit einer bestimmten Zutat oder ein Gericht aus einem bestimmten Land sucht, wird hier schnell fündig.

Die Bandbreite ist beachtlich – von vertrauter Hausmannskost bis zu Gerichten, die vermutlich für viele Leser*innen echte Entdeckungen sein werden. Dass Banyai nicht nur die weltweit bekannten Klassiker versammelt, sondern auch weniger geläufige Familiengerichte aufnimmt, gehört zu den großen Stärken des Buches.

Gestaltung und Sprache

Auch gestalterisch ist „Around the World in 80 Meatballs“ ein außergewöhnliches Kochbuch. Creative Director Kristin Thomas und Designerin Celia Mance arbeiten mit kräftigen Farben, geometrischen Formen und einer durchgehend serifenlosen Typografie. Das wirkt modern, fröhlich und ausgesprochen eigenständig, bleibt aber trotz aller Spielfreude funktional: Zutatenlisten und Zubereitungsschritte sind klar angeordnet und lassen sich beim Kochen schnell erfassen.

Die Fotografien von Mark Roper ergänzen dieses Konzept kongenial. Sie greifen die intensive Farbwelt des Layouts auf, spielen mit ungewöhnlichen Hintergründen und Perspektiven und präsentieren die Gerichte sehr appetitlich. Erfreulich ist außerdem, dass fast jedes Rezept bebildert wurde. Dazwischen sorgen großzügige Doppelseiten und ungewöhnliche Detailaufnahmen für Abwechslung und Ruhe. Selbst ein eher sprödes Motiv wie überbackener Käse wird dabei so inszeniert, dass es einen spannenden Kontrapunkt zu den vielen leuchtenden Farben bildet.

Auch sprachlich besitzt das Buch eine klare eigene Handschrift. Banyai schreibt warmherzig, pointiert und häufig mit einem trockenen Augenzwinkern. Ihre Einleitungen erzählen kleine Geschichten über Menschen, Familien und Esskulturen, ohne sich in langen Ausführungen zu verlieren. Die Rezepte selbst bleiben dagegen sachlich, übersichtlich und gut nachvollziehbar.

So ist ein sehr modernes, schickes und zugleich ausgesprochen zugängliches Kochbuch entstanden. Seine fröhliche Gestaltung dürfte nicht nur Erwachsene ansprechen, sondern auch Kindern Lust darauf machen, im Buch zu blättern, Gerichte auszuwählen und sich gemeinsam mit der Familie an neue Geschmackswelten heranzutasten.

Fazit

Das Konzept von „Around the World in 80 Meatballs“ überzeugt auf ganzer Linie. Natürlich gibt es bereits Kochbücher über Hackfleisch und auch einzelne Sammlungen rund um Hackbällchen. Eine derart breit angelegte internationale Reise, die 80 Rezepte mit ihren familiären und kulturellen Geschichten verbindet und dabei auch noch so modern und eigenständig gestaltet ist, ist mir bislang jedoch nicht begegnet. In dieser Form hat ein solches Buch auf dem Kochbuchmarkt tatsächlich noch gefehlt.

Bunny Banyai setzt ihre ebenso einfache wie starke Grundidee hervorragend um. Die persönlichen Einleitungen geben den Rezepten Herkunft und Kontext, ohne ins Plaudern zu geraten. Sie erzählen genau genug, um neugierig auf die Menschen und Esskulturen hinter den Gerichten zu machen, und überlassen anschließend den Hackbällchen die Hauptrolle. So entsteht ein Kochbuch, das sich ebenso gut lesen wie daraus kochen lässt.

International, unterhaltsam, alltagstauglich und rundum gelungen: „Around the World in 80 Meatballs“ zeigt, wie vielfältig ein vermeintlich simples Lieblingsessen sein kann.

🥄🥄🥄🥄🥄🥄 6 von 6 Löffeln

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